Chat zur Finanzmarktkrise

"Berichte über Sorgen­kind Osteuropa waren stark übertrieben"

24. Juni 2010, 14:16

Osteuropa-Experte Peter Havlik im Chat über die Griechenland-Hilfe, Umschuldung, CEE-Musterschüler und EU-Erweiterung - Nachlese

"Die Berichte über ein Sorgenkind Osteuropa waren stark übertrieben", meint Osteuropa-Experte Peter Havlik im derStandard.at-Chat. Zwar habe die Krise die Region schwer getroffen, die Situation habe sich aber relativ rasch verbessert. In den meisten osteuropäischen Ländern wachse die Wirtschaft seit Ende 2009 auch wieder, das Wachstum sei in der Regel auch stärker als in Westeuropa. Auch einer fortschreitenden EU-Erweiterung redet Havlik das Wort. Die gegenwärtigen Probleme in der Weltwirtschaft und der EU hätten mit der Erweiterung gar nichts zu tun.



Für die Zukunft zeigt sich der Osteuropa-Experte jedenfalls zuversichtlich: "Ich glaube, dass die derzeitige Krise überwunden wird.“ Dass der Euro während der Schuldenkrise gelitten hat, sieht er sogar als Vorteil – die europäischen Exporte würden angekurbelt, was auch die Konjunktur stützen und damit zur Lösung der Schuldenkrise beitragen würde. Mittel- und langfristig müssten die europäischen Staaten ihre Staatsverschuldung reduzieren, dabei aber unbedingt auf das Tempo achten, dass "man nicht die derzeit noch sehr fragile Konjunktur abwürgt", so Havlik. "Die Staatsschulden kann man nicht auf null stellen. In einigen Fällen wird man allerdings über eine Umstrukturierung der Schulden ernsthaft nachdenken müssen." Ein Szenario, dass Havlik auch für Griechenland befürchtet. Die europäische Hilfe für Griechenland sei richtig gewesen, meint der Experte vom wiiw (Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche): "Die EU ist auch eine Solidaritätsgemeinschaft, vielleicht sollte man sogar früher helfen. Auf jeden Fall hat sich gezeigt, dass ein Mechanismus für die Verhinderung der künftigen Krisen dringend geschaffen werden muss", stellt Havlik fest.

Von den CEE-Ländern habe Polen die Finanzkrise am besten gemeistert: "Polen war 2009 das einzige Land in der EU mit einem positiven Wirtschaftswachstum," so Havlik. Mit einem BIP-Wachstum vom 1,7 Prozent stehe das Land sogar an der Spitze innerhalb der gesamten EU. Außerdem habe weder Slowenien noch die Slowakei eine tiefe Krise erlebt. Die rote Laterne hielten die drei baltischen Länder, vor allem Lettland verzeichnete einen BIP-Rückgang von 18 Prozent. Allerdings, gibt Havlik zu Bedenken, sei die Krise im Baltikum auch durch eigene wirtschaftspolitische Fehler verstärkt worden. Grundsätzlich habe sich auch in der Krise gezeigt, dass Länder, die einen flexiblen Wechselkurs hätten, wie z.B. Polen, Ungarn, Rumänien und die Tschechische Republik besser auf die Krise reagieren könnten.

Obwohl es sich in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation befinde, sei Ungarn allen Unkenrufen zum Trotz von einem Fiasko weit entfernt, meint Havlik. "Nach einem Rückgang des BIP-Wachstums im vorigen Jahr um mehr als sechs Prozent erwarten wir heuer eine langsame Erholung die sich in den kommenden Jahren beschleunigen dürfte", Risiken gäbe es dennoch etliche, vor allem politischer Natur. Die neue ungarische Regierung habe noch kein klares Wirtschaftsprogramm verabschiedet, Havlik hofft aber, dass sie eine vernünftige Wirtschaftspolitik fortsetzen werde.

Die Prognosen für die Region Osteuropa seien laut Havlik mäßig optimistisch. "Für heuer erwarte ich ein leichtes Wirtschaftswachstum zwischen ein bis drei Prozent." In Lettland, Litauen und Rumänien werde die Wirtschaft allerdings auch heuer noch etwas schrumpfen, in der gesamten Region sich das Wachstum in den kommenden Jahren leicht beschleunigen. "Das Tempo der Wirtschaftsentwicklung das wir vor der Krise in der Region erlebt haben ist jedoch auch mittelfristig kaum in Sicht", meint Peter Havlik abschließend. (rom, derStandard.at, 24.6.2010)
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