Stromnetz steht vor der "Internetisierung"

23. Juni 2010, 14:50
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Deutschsprachiger Raum will Technologieführerschaft übernehmen

Das Energienetz steht vor einem großen Umbruch: Aus den nur für eine Einwegkommunikation ausgerichteten Stromleitungen werden in Hinkunft intelligente "Smart Grids" werden. Die Stromnetze stehen vor einer "Internetisierung". Darüber waren sich die Experten bei der Eröffnung der "Smart Grids Week" heute, Mittwoch, in Salzburg einig. In den nächsten Tagen tauschen sich rund 200 Fachleute aus dem deutschsprachigen Raum in Salzburg darüber aus, wie die intelligenten Netze in der Praxis funktionieren können. Salzburg ist seit dem vergangenen Jahr in Österreich mit Pilotprojekten der Salzburg AG erste "Smart Grids"-Modellregion. "Smart Grids" sollen eine Kommunikation zwischen Verbrauchern, dem Netz und den Erzeugern und damit einen Ausgleich der erzeugten und benötigten Energiemengen ermöglichen.

Kooperation im deutschsprachigen Raum

Österreich, Deutschland und die Schweiz haben sich in der Entwicklung der "Smart Grids" zu einer D-A-CH-Kooperation zusammengeschlossen, um Produkte, Verfahren und Dienstleistungen gemeinsam zu entwickeln. "Wir müssen unsere Kenntnisse bündeln und auf's Tempo drücken", sagte Stefan Schnorr, der im deutschen Wirtschafts- und Technologieministerium für den Bereich "Smart Grids" zuständig ist, bei einer Pressekonferenz: "Wir wollen die Technologieführerschaft übernehmen." In den USA und China gebe es massive Anstrengungen zur Entwicklung von "Smart Grids", Europa dürfe dabei nicht den Anschluss verlieren. Allein in Deutschland werden derzeit rund 260 Mio. Euro in die Weiterentwicklung der Netze investiert.

Das Stromsystem werde durch den Ausbau der erneuerbaren Energien mit stark fluktuierenden Mengen sowie dezentralen Versorgern - beispielsweise die Photovoltaikanlage am Dach eines Privathauses - immer komplizierter. Der Stromkunde sei zunehmend auch Stromerzeuger. Dazu komme die Weiterentwicklung der E-Mobilität, sagte Ingolf Schädler, Sektionsleiter im Verkehrsministerium. Die Netze müssten diesen Umbruch mit Hilfe von Kommunikationstechnik bewältigen. "Heute ist das Energienetz noch analog aufgebaut, wir stehen vor einer Digitalisierung." Schädler rechnet damit, dass die großflächige Verbreitung von Smart Grids schon in drei bis fünf Jahren erfolgen könnte.

Smart Grids

Ein wesentlicher Teil der Infrastruktur für "Smart Grids" ist mit den bestehenden Strom- und Datenleitungen vorhanden. Damit das System funktioniert, müssen aber auch die Verbraucher mit Kommunikationstechnik eingebunden werden. Die Experten berichten bei der Tagung über ihre Erfahrungen mit Modellregionen. Es geht dabei beispielsweise um den Nutzen und die Akzeptanz beim Verbraucher, um rechtliche Fragen, Datenschutz oder internationale Normen und Standards, die für ein großflächiges Funktionieren der "Smart Grids" notwendig sind.

Über einen ausgeklügelten Informationstransfer sollen Verbraucher - bzw. deren mit kleinen Computern ausgestatteten Elektrogeräte - künftig wissen, wann im System viel Energie vorhanden und der Strom deshalb billiger ist. Die Batterien der Elektroautos könnten als Energiespeicher dienen, aus denen Strom abgerufen werden kann, wenn wenig Energie im System zur Verfügung steht. "Wir beschäftigen uns seit Jahren intensiv mit diesem Thema", sagte August Hirschbichler, Vorstand der Salzburg AG. Als Modellregion wolle man mit Einzelprojekten Erfahrungen mit "Smart Grids" sammeln und die Technologie mitentwickeln.

Pilotprojekt

Unter anderem gibt es ein Pilotprojekt mit dezentralen Blockheizkraftwerken. Die Anlagen, die im Großraum der Stadt installiert sind, erzeugen dezentral Strom sowie Wärme und kommunizieren miteinander. Wird in einem Wohnblock mehr Energie erzeugt als benötigt, wird sie in das Netz eingespeist. In Phasen, in denen mehr Energie gebraucht als erzeugt wird, liefern andere Anlagen zu. Wie hoch das Potenzial der E-Autos zur Speicherung von Energie ist, rechnete Michael Strebl von der Salzburg AG vor: "Wenn in Salzburg 25 Prozent der Pkw auf E-Autos umgestellt werden, haben diese eine Speicherkapazität, die jener des Kraftwerks Limberg in Kaprun - immerhin das größte Speicherkraftwerk in Österreich - entspricht." (APA)

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