Soziale Herkunft bestimmt Chancen

23. Juni 2010, 14:41
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Bayern und Baden-Württemberg sowohl bei Leistungen in Sprachen als auch bei sozialer Ungleichheit voran - Migranten-Kinder um zwei Lernjahre zurück

Berlin - Die soziale Herkunft eines Kindes bestimmt in Deutschland erheblich seine Chancen, Sprachen zu lernen. Eine am Mittwoch von der Kultusministerkonferenz (KMK) vorgestellte Studie zur Kompetenz von Schülern der 9. Klasse in den Fächern Deutsch, Englisch und Französisch wies zudem auf deutliche Unterschiede zwischen den Bundesländern hin. Die Schüler in Bayern und Baden-Württemberg haben bei dem neuen Schülerleistungsvergleich am besten abgeschnitten, auch Sachsen und Rheinland-Pfalz sowie teilweise Hessen konnten sich in der Spitzengruppe platzieren. Schlusslicht in fast allen Disziplinen ist Bremen.Die Untersuchung, die erstmals auf Basis der neuen bundesweiten deutschen Bildungsstandards durchgeführt wurde, löste den bisherigen PISA-Bundesländer-Vergleich ab. Getestet wurden die Leistungen von 41.000 Schülern der 9. Klasse.

Die beiden Bundesländer mit den besten Leistungen weisen umgekehrt auch das höchste soziale Bildungsgefälle auf: In Baden-Württemberg und Bayern sind die Chancen von Akademikerkindern auf einen Gymnasialbesuch 6,6 beziehungsweise 6,5 mal höher als jene von Facharbeiterkindern mit gleicher Intelligenz und gleichem Leistungsvermögen. Negativ-Werte in Sachen sozialer Förderung werden auch in Niedersachsen (5,8 mal), Schleswig-Holstein (5,6) und Nordrhein-Westfalen (5,5) erreicht - während in Berlin mit 1,7 der beste Wert erzielt wird. Die soziale Ungleichheit ist demnach in den Ländern am höchsten, in denen anteilsmäßig weniger Kinder einen Gymnasialabschluss schaffen, sagte Olaf Köller vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), das die Studie für die KMK erstellt hat.

"Pures Ranking immer problematisch"

Handlungsbedarf sei in allen Ländern gefordert, sagte KMK-Präsidentin Doris Ahnen. Sogenannte bildungsferne Elternhäuser müssten konkret unterstützt werden. Dabei müsse man den unterschiedlichen Strukturen der Länder gerecht werden: "Ein pures Ranking ist immer problematisch", sagte die SPD-Politikerin. Schließlich gebe es in einigen Ländern einen höheren Anteil an Zugewanderten. Köller erklärte, Schüler mit Migrationshintergrund blieben gut zwei Schuljahre hinter denen aus deutschen Familien zurück. Besonders Kinder türkischer Familien seien betroffen. Auch zwischen West und Ost gibt es ein deutliches Gefälle. Es fehle in den neuen Ländern nach wie vor an qualifizierten Lehrern in modernen Fremdsprachen, erklärte Köller.

Mädchen hängen Burschen der Studie zufolge in allen geprüften Teilkompetenzen ab. Am größten sei der Leistungsvorsprung der Mädchen im Bereich der Orthografie mit mehr als einem Schuljahr. Buben sollen daher in "geschlechtersensiblen Unterrichtskonzepten" gefördert werden. Im Fach Französisch bekommen alle Länder bessere Noten als in Deutsch und Englisch. Dies sei aber darauf zurückzuführen, dass Schüler, die Französisch als erste Fremdsprache wählen, oft aus einer sozial privilegierten Gruppe kommen.

Österreich: Leistungsvergleich ab 2011/12 möglich

Ein ähnlicher Schüler-Leistungsvergleich wird in Österreich ab dem Schuljahr 2011/12 möglich sein. Dann werden auch hierzulande erstmals im Rahmen der sogenannten Bildungsstandards die Kompetenzen der Schüler erhoben, und zwar jene der Schüler der 8. Schulstufe (4. Klasse AHS bzw. Hauptschule) in Deutsch, Englisch und Mathematik. Ein Jahr später folgen dann die Schüler der 4. Schulstufe in Deutsch und Mathematik. Wie in Deutschland werden in Österreich die Ergebnisse der einzelnen Bundesländer veröffentlicht werden, erklärte der Direktor des Bundesinstituts für Bildungsforschung, Günter Haider.

Geplant sei weiters, auch die Ergebnisse der Schulsparten (AHS, Hauptschulen etc.) sowie etwa von Buben und Mädchen zu veröffentlichen, sagte Haider. Was genau in den Berichten stehen wird, werde erst in den nächsten Monaten fixiert. Nicht bekannt gegeben werden die Ergebnisse einzelner Schulen bzw. Schüler. Die Schüler werden aber Einblick in ihre eigenen Ergebnisse erhalten, die Klassenlehrer in jene ihrer Klasse, die Direktoren in jene ihrer Schule (jeweils anonymisiert).

Im Gegensatz zu Deutschland, wo die Leistungen anhand einer Stichprobe von 41.000 Schülern der 9. Schulstufe erhoben wurden, wird in Österreich eine Vollerhebung durchgeführt. "Mit dieser flächendeckenden Messung werden wir paradiesische Zustände haben, was die Daten betrifft", so Haider. In Österreich habe man mit "dem Ansatz, dass jede Schule Rückmeldung bekommt, wirklich das Optimum verwirklicht", so Haider. Denn die Experten sind davon überzeugt, "dass die Veränderung kommt, wenn wir die Ergebnisse den Schulen rückmelden und nicht den Politikern". Es sei ja schön, wenn man wisse, dass Bayern oder Baden-Württemberg gut sei, aber auch dort gebe es gute und schlechte Schulen. Wichtig sei es, dass die guten Schulen wissen, wo sie gut sind und wo sie weitertun können und die schlechten Schulen, wo sie schlecht sind und sich verbessern müssen.

(APA)

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