Interkulturelles Miteinander als Alltag

23. Juni 2010, 10:11
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In Pflegeberufen ist Vielfalt schon längst gelebte Realität. Konflikte und Vorurteile werden schnell und pragmatisch ausgeräumt

Wenn im "Haus Josef Macho" im zweiten Bezirk hochbetagte und herausgeputzte Gäste mitsamt PflegerInnen aus aller Welt eintrudeln und dabei herzlich von Begrüßungskomitee in fescher Dirndl-Montur oder im Anzug mit Krawatte empfangen werden, dann ist es wieder soweit: Die Caritas Wien lädt zum alljährlichen interkulturellen Mittagessen ein.

Sichtbare Vielfalt

Das interkulturelle Mittagessen wurde vor drei Jahren ins Leben gerufen, um die Buntheit und Vielfalt in der Pflege sichtbar zu machen, betont Caritas Generalsekretär Werner Binnenstein-Bachstein in seiner Begrüßungsrede. Interkulturelles Miteinander, das im politischen Diskurs oft als utopisch oder zu konfliktreich ausgeschlachtet wird, ist laut Binnenstein-Bachstein "schlichtweg Alltag in der stationären und mobilen Pflege." Der Alltag scheint reibungslos zu funktionieren. Menschen aus über 40 Nationen sind als Pflegekräfte bei der Caritas Wien beschäftigt. Diese gelebte Diversität wird beim interkulturellen Mittagessen, dessen Speisekarte genauso bunt gemischt ist wie das Küchenteam, mit Gerichten aus Serbien, Ungarn, Indien, Thailand, den Philippinen und der Türkei kulinarisch gefeiert.

Pflegealltag

Auch die 85-jährige Christine Mai aus Wien-Penzing gehört zu den mehr als hundert Eingeladenen, die Essen und Beisammensein in der großen Runde genießen. Mit am Tisch sitzen ihre zwei Heimhilfen, Catherine aus Nigeria und Joselyn aus den Philippinen, die sich abwechselnd im Tandem um Frau Mai kümmern.

Catherine lebt seit sieben Jahren in Österreich und arbeitet seit einem Jahr als Heimhilfe. Joselyn ist vor 15 Jahren eingewandert und kann bereits mehr als zehn Jahre Erfahrung im Pflegebereich vorweisen. "Es gibt auch welche, die am Anfang sagen, dass sie nicht von Ausländern betreut werden wollen. Aber nach dem Kennen lernen ist das kein Problem mehr. Für mich ist eine gute Betreuung wichtig und wenn man mit mir zufrieden ist", erzählt Joselyn über ihren Beruf.

Gepflegtes Miteinander

Für ihre Kollegin Catherine sind Geduld und Toleranz für den Job als Pflegekraft sehr wichtig. Anfangs hatte die Nigerianerin noch mit Vorbehalten zu kämpfen. So wollte eine Klientin Catherine einmal aufgrund ihrer Hautfarbe keinen Einlass in die Wohnung gewähren. "Ältere Menschen sind misstrauischer, sie haben Angst bestohlen zu werden", erklärt sich Joselyn manche Reaktionen. Aber meistens legen sich die Vorurteile mit der Zeit und negative Reaktionen gehören eher zur Ausnahme als zur Regel, bekräftigen die zwei Heimhilfen. Frau Mai schüttelt den Kopf, wenn sie davon hört, dass manch Pflegebedürftige/r nicht von jemanden mit anderer Herkunft betreut werden will: "Mir ist das egal, solange der Mensch Mensch ist." Mit ihren zwei Heimhelferinnen ist sie sehr zufrieden, und das ist was für sie zählt. "Außerdem bin ich sowieso pflegeleicht", ergänzt die betagte Dame und bringt damit die gesamte Tischgesellschaft zum Lachen.

Jemanden zum Reden haben

Fatma und Nilay sitzen am selben Tisch. Beide haben vor einem Jahr gemeinsam die Ausbildung zur Heimhelferin absolviert. Fatma, die seit 21 Jahren in Österreich lebt, ist ihrer unmittelbaren Nachbarschaft, insbesondere den älteren Anrainern, als hilfsbereite Nachbarin bekannt: "Sie sind so alleine, brauchen Hilfe und jemanden zum Reden", erklärt sie ihre Hilfsbereitschaft und gleichzeitig die Motivation für den Einstieg in den Pflegeberuf.

Die Einsamkeit der Betreuten bekommen die Heimhilfen oft zu spüren. Alle am Tisch erzählen vom hohen Bedarf der allein stehenden Pflegebedürftigen, die niemanden zum Reden haben: "Oft sind wir die einzige Kontaktperson und sie freuen sich dann sehr, wenn sie jemanden zum Reden haben", berichtet Joselyn. Für Catherine aus Nigeria ist das Reden, neben der Betreuung, überhaupt das Wichtigste im Job.

"Barrieren sind schnell weg"

Fatma, die im Gegensatz zu Nilay ein Kopftuch trägt, erlebte wie Catherine ebenfalls "kleine Startschwierigkeiten". Als Kopftuchträgerin wurden so manche Ressentiments direkt an sie weitergegeben: "Aber je mehr sie mich kennen lernen, desto weniger Vorurteile gibt es. Wobei ich das verstehe, denn einige Muslime stellen den Islam falsch vor, sind schuld an dem verzerrten Bild, ich will zeigen, dass es anders ist", so die Heimhelferin mit türkischen Wurzeln.

Elisabeth Schusser, Regionalleiterin beim mobilen Pflegedienst der Caritas, gibt zu, dass Diversität in der mobilen Pflege, also im häuslichen Bereich, mit einer Zielgruppe, "die manchmal von Vorurteilen geprägt ist", eine Herausforderung darstellt. "Diese Barrieren sind aber durch eine lange Vorbereitungszeit, Gesprächen im Tandem und vertrauensbildenden Maßnahmen schnell weg", weiß die Regionalleiterin zu berichten.

Der Mensch im Vordergrund

Kinga Kocot, Stationsleiterin mit polnischen Wurzeln im "Pflegehaus Josef Macho", gesellt sich gegen Ende des Mittagessens, am fortgeschrittenen Nachmittag, zum Tisch. Sie leitet ein Team aus achtzehn MitarbeiterInnen, zwei davon haben keinen Migrationshintergrund. Auch Kocot leistet "durch viele Gespräche" Überzeugungsarbeit bei so manchem Bewohner mit Vorbehalten gegenüber Menschen mit anderer Herkunft.

"Letztendlich steht der Mensch im Vordergrund, nicht das Kopftuch, die Hautfarbe oder die Herkunft. Ich mache unseren Bewohnern oft klar, dass wir mit nur österreichischem Personal das Haus zusperren müssten, ohne unsere vielen Mitarbeiter aus anderen Ländern könnten wird den Betreuungsaufwand gar nicht gewährleisten", fasst Kocot die stärksten Argumente gegen so manche Vorurteile und Ressentiments zusammen. (Güler Alkan, 23. Juni 2010, daStandard.at)

 

  • Christine Mai und ihre Heimhelferin Catherine
    foto: aleksandra pawloff

    Christine Mai und ihre Heimhelferin Catherine

  • Heimhelferinnen Fatma und Nilay
    foto: aleksandra pawloff

    Heimhelferinnen Fatma und Nilay

  • Das Küchenteam sorgte für kulinarische Höhepunkte und gute Laune
    foto: aleksandra pawloff

    Das Küchenteam sorgte für kulinarische Höhepunkte und gute Laune

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