Europas Antwort

22. Juni 2010, 18:44
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Spanien fasst Tritt, könnte der Klasse Südamerikas etwas entgegensetzen, bangt aber um den Aufstieg

Was von den Honduranern übrig bleibt? Eine gute Nachrede. Sie werden am Freitag nach dem dritten Vorrundenspiel gegen die Schweiz heimfliegen und in der Mitte Amerikas warten, bis wieder 28 Jahre verstrichen sein werden. Dann wäre die dritte WM-Teilnahme fällig, wobei diese Statistik auch lügen kann.

Teamchef Reinaldo Rueda, ein Kolumbianer nach dem Höhepunkt seiner Karriere, nahm das 0:2 gegen Spanien gelassen hin. Wohl wissend, alles Glück dieser Welt strapaziert zu haben. Das Spiel hätte auch 0:6 oder 0:8 enden können, aber Tore, die nicht geschossen werden, bekommt sogar Honduras nicht. Rueda: "Wir sind ihnen mit gesenkten Häuptern entgegengetreten. Meine Spieler hatten Angst, sie schauten nur auf den Boden. Die Angst war allerdings berechtigt, Spanien hat große Klasse."

Europameister Spanien hat zur großen Klasse zusätzlich Stress. Das unnötige 0:1 zum Auftakt gegen die Schweiz hat zur Folge, dass man am Freitag in Pretoria Chile unbedingt schlagen muss, um ins Achtelfinale einzuziehen. Die Konstellation in der Gruppe H ist wirklich kein Honiglecken. Chile hat zwar sechs Punkte, könnte aber im Fall einer Niederlage nicht nur von Spanien, sondern auch von der Schweiz, sofern sie Honduras besiegt, abgefangen werden. Möglicherweise entscheidet das Torverhältnis über den Gruppensieg, wobei man gar nicht weiß, ob der überhaupt erstrebenswert ist. Denn im Achtelfinale wartet dann der Zweite aus der Abteilung G, Brasilien oder Portugal, das ist eine Wahl zwischen Halsentzündung und Brechdurchfall.

Teamchef Vicente del Bosque strich am Montagabend im Ellis Park seinen Schnauzbart, er gab sich gelassen, bemängelte die schwache Chancenauswertung, betonte, dass seine Mannschaft bereit sei, "mit dem Druck zu leben. Sie kann damit umgehen. Bei allem Respekt. Wer gegen Chile nicht gewinnt, der darf gar nicht Weltmeister werden."

Del Bosque ist fast zu bedauern, der 59-Jährige muss echt darüber nachdenken, wen er eigentlich aufstellt. Für Xavi muss halt Fàbregas eingewechselt werden, auf der Bank sitzen neben dem leicht angeschlagenen Iniesta Angestellte von Barcelona, Real Madrid, Arsenal oder Liverpool. Irgendwann wird Spaniens Teamchef sich damit abfinden müssen, dass Fernando Torres nicht in exzellenter Form ist, der Stürmer war lange am Knie verletzt und sucht in Südafrika offensichtlich die alten Tugenden. Erschwerend ist, dass Torres den WM-Ball namens Jabulani nicht mag. "Er fliegt komisch, ich treffe ihn nicht."

Dass Spanien Europas ultimative Antwort auf Brasilien und Argentinien sein könnte, dafür ist auch David Villa verantwortlich. Der 28-jährige Linksaußen, den es mitunter in die Mitte zieht, erzielte gegen Honduras zwei wunderbare Tore. Zudem hat er einen Elfer auch nicht ganz schlecht verschossen, der Goalie hätte den Ball, wäre er aufs Tor gegangen, nie und nimmer gehabt.

Villa hat im Nationalteam schon 40-mal getroffen, nur Raúl liegt noch vor ihm, der hält (verharrt) bei 44 Stück. Große Perspektiven öffnen sich Villa aber nicht mehr, Barcelona hat ihn bereits Valencia abgekauft. Als Ergänzung zu Lionel Messi. Villa, den sie "El Guaje" (kleiner Bub) nennen, wurde selbstredend zum besten Spieler der Partie gewählt. Er war stolz und sagte: "Wir haben den Killerinstinkt gefunden und begonnen, unseren Weg zu gehen."

Verfahren gegen Villa 

Gegen Chile kann Villa möglicherweise nicht mitgehen. Die Fifa hat aufgrund von TV-Bildern ein Verfahren eingeleitet. Villa hatte vor der Pause Honduras-Verteidiger Emilio Izaguirre eine Watsche verabreicht. Darauf war er nicht stolz. "Er ist mir absichtlich auf den Fuß gestiegen. Ich war darauf nicht vorbereitet, ich habe ihm spontan eine gegeben, das sind einfach Instinkte, die du nicht abstellen kannst. Ich werde künftig versuchen, cool zu bleiben." Im Fall einer Sperre wäre Del Bosque tatsächlich zu bedauern, denn: "Die Instinkte von Villa könnte sogar Spanien nur schwer ersetzen." (Christian Hackl aus Johannesburg, DER STANDARD, Printausgabe, Mittwoch, 23. Juni 2010)

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    David Villa war nicht stolz auf seine Tätlichkeit. Auf seine zwei Tore aber schon.

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