Opfer wollen Geld

    22. Juni 2010, 18:28
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    Bis zu 130.000 Euro pro Missbrauchsfall von Diözesen gefordert

    Wien/Linz - Der erste Schritt auf dem Weg zum Präzedenzfall ist gesetzt. Der Wiener Anwalt Werner Schostal hat im Namen des Vereins Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt Aufforderungsschreiben an Diözesen geschickt. Darin mahnt er für 131 Kläger "angemessene Entschädigung für die erlittene Beeinträchtigung" ein. Je nach Schwere und Dauer der Gewalt bewege sich die Summe "in der Bandbreite von 15.000 Euro und 130.000 Euro" pro Fall. Bis zur Klärung der Ansprüche sollen die Diözesen ein Akonto von 15.000 Euro überweisen. Ihnen wird sowohl Mitwirkung am sexuellen Missbrauch als auch Unterlassung vorgehalten.

    Der Rechtsvertreter des Vereins hält der katholischen Kirche vor, als "Erfüllungsgehilfin" bei Missbrauchsfällen mitgewirkt und Geistliche bewusst weiterhin eingesetzt zu haben. "Da der Diözese bekannt war, dass es in ihrer Diözese zu sexuellen Übergriffen auf Schutzbefohlene gekommen ist, und sie nichts dagegen unternommen hat, setzte sie ein objektiv pflichtwidriges und daher schuldhaftes Verhalten", heißt es in dem Schreiben des Anwalts, das dem Standard vorliegt.

    Zudem sieht Schostal auch den Tatbestand der Unterlassung gegeben. "Die Erzdiözese nahm es billigend in Kauf, dass sexuelle Übergriffe auf Schutzbefohlene geschehen, da sie keine erkennbaren Gegenmaßnahmen setzte bzw. sich nicht vergewisserte, inwieweit in ihrer Diözese solche Vorfälle passieren", so die Begründung. Innerhalb von zehn Tagen müssen die angeschriebenen sechs Diözesen antworten. Jene in Linz, laut Plattform "ein Hotspot von Missbrauchsfällen", kündigte für heute, Mittwoch, eine Stellungnahme der Bischöfe auf ihrer Konferenz in Mariazell an.

    Wie ein Sprecher des Vereins weiters betont, wünschen sich die Opfer grundsätzlich eine außergerichtliche Wiedergutmachung. Die jetzige Aufforderung biete die Möglichkeit, "rasch und unbürokratisch die Betroffenen wenigstens teilweise zu entschädigen". Zeige sich die Kirche allerdings nicht gesprächsbereit oder seien die angebotenen Entschädigungszahlungen zu gering, dann werde umgehend und erstmalig gegen die katholische Kirche in Österreich Klage eingereicht, kündigt der Vereinssprecher an. Die Plattform will heute Kardinal Christoph Schönborn einen Gesprächstermin anbieten. (Kerstin Scheller/DER STANDARD, Printausgabe, 23. Juni 2010)

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