Nachrichten aus dem Nix-Wisser-Land

22. Juni 2010, 18:28
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Man muss nur hineingreifen in die Fülle der Meldungen, um zu einem - nur leicht überspitzten - Befund zu kommen

Man muss nur hineingreifen in die Fülle der Meldungen, die sich aktuell mit Bildungsfragen beschäftigen, um zu einem - nur leicht überspitzten - Befund zu kommen: Wir sind ein Nix-Wisser-Land. Schlimmer: ein Nix-Wissen-Wollen-Land.

Das "Eurobarometer", eine EU-Einrichtung, veröffentlichte soeben eine breitgestreute Umfrage. Für Österreich kam dabei heraus, dass fast 60 Prozent glauben, Wissenschaft und Technologie seien für ihr tägliches Leben nicht wichtig. Stimmt eh: Um sich nach der Lektüre der Krone vor Gentechnik zu fürchten, muss man nicht unbedingt ein positives Verhältnis zur Wissenschaft haben.

Mit der Aussage "Forschung, die zu Wissen beiträgt, sollte durch die Regierung gefördert werden" sind nur 48 Prozent der Österreicher einverstanden, das ist der letzte Platz. Beim Spitzenreiter Norwegen sind es 87 Prozent, im EU-Schnitt 72 Prozent.

Eine andere aktuelle Meldung: Es ist jetzt Zeugniszeit. Wache, noch nicht abgestumpfte Lehrer regen sich darüber auf, dass an den Hauptschulen von den Schulbehörden Druck ausgeübt wird, keine Fünfer zu geben. "Wenn ein Schüler mit einem Vierer in der 3. Leistungsgruppe die Hauptschule abschließt, heißt das, dass er in Wahrheit überhaupt nichts kann", wird einer im Kurier zitiert.

Tatsache ist, dass vernünftige Pädagogen und Schulpolitiker schon lange ernste Sorgen über die Fähigkeiten der Jugendlichen aus der Unterschicht, natürlich oft mit Migrationshintergrund, haben. Lesen, Schreiben, Prozentrechnen sind echte Probleme, wie die Wiener Wirtschaft berichtet. Die Wiener Stadtschulratspräsidentin kann "sich das absolut nicht vorstellen", dass Druck auf die Lehrer ausgeübt wird, nur Vierer zu geben. Wer den österreichischen Nationalsport des Verdrängens und Verschleierns kennt, kann sich das sehr wohl vorstellen.

Vor kurzem hat der Demograf Wolfgang Lutz vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalysen (IIASA) in Laxenburg den Wittgensteinpreis bekommen, die höchste und am höchsten dotierte (bis 1,5 Millionen Euro) Anerkennung für wissenschaftliche Arbeit. Lutz prognostiziert unter anderem, dass Österreichs Bildungswesen frühestens im Jahr 2031 den Status von Finnland erreichen kann. Das nordische Land, einst ein Armenhaus, hat vor Jahrzehnten beschlossen, in den Raum zwischen den Ohren seiner Menschen zu investieren und liegt heute weit vorne in der Technologieentwicklung. Lutz meint, dass Österreich sogar von heutigen Entwicklungsländern überholt werden wird, bleibt das Bildungssystem so wie heute.

Jeder, der in Wien oder anderen Städten ein öffentliches Verkehrsmittel benutzt, kann feststellen, dass die junge Generation zu mindestens 30, eher 40 bis 50 Prozent aus Migrantenkindern besteht. Die werden nicht weggehen, und man kann sie nicht deportieren.

Das heißt, ein erheblicher Prozentsatz unserer Jugend wird schlecht ausgebildet sein oder ist es bereits. Wie blöd muss man sein, um darauf mit "strengeren Fremdengesetzen" statt mit einer Bildungsoffensive zu reagieren? (Hans Rauscher, DER STANDARD, Printausgabe, 23.6.2010)

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