Computer-Esperantonach der Oxford-Methode

22. Juni 2010, 19:24
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Universalsprache zum Ändern von Systemen gesucht

An das wunderbar klare Oxford-Englisch denkt Gerhard Friedrich gar nicht, wenn er von der guten Zusammenarbeit mit dem Computing Laboratory dieser britischen Universität erzählt. Dabei ist der Informatiker der Uni Klagenfurt doch eigentlich auch Linguist und Purist sowieso. Oder wie sonst lässt sich ein Berufsbild umschreiben, bei dem ein Computerwissenschafter daran arbeitet, eine neue, möglichst reine Sprache zu erfinden, die zur Beschreibung unterschiedlichster Systeme und Sachverhalte dient?

"Ich denke dabei an eine sehr allgemeine Sprache, die dennoch über genügend Ausdrucksstärke verfügt", präzisiert Friedrich das Vorhaben des Fit-IT-Projekts "Reconcile", bei dem ein fünfköpfiges Team von der Uni Klagenfurt sowie aus Oxford im Konsortium mit Siemens ontologische Beweise im Verständnis der Informatik führt: Systeme sollen also schlicht und - das ist gar nicht so einfach - logisch beschrieben werden. Diese Grundlagenforschung im besten Sinn wurde gerade mit dem ersten Preis in der Kategorie "Semantische Systeme und Services" ausgezeichnet, und sie packt das Wesen von IT-Systemen tatsächlich bei ihrer Seinsbeschaffenheit.

"Systeme - seien sie nun technischer oder biologischer Natur - bestehen immer aus kleinen Bausteinen, die miteinander interagieren. Daraus ergibt sich ein ganz bestimmtes Verhalten", beginnt Friedrich das Problem zu formulieren. Normalerweise sei es nun Aufgabe der Menschen, diese Bausteine für das Funktionieren technischer Systeme geschickt zu kombinieren. In einem ersten Schritt wünscht sich nun Friedrich, dass Computersysteme künftig so schlau werden, dass sie die richtigen Bausteine selbst auswählen. Teil dieses Konzepts sei es, dass einem der Computer dann auch Bescheid sagt, wenn von vornherein sinnlose Kombinationen versucht werden, so Friedrich, und dabei belässt er es keineswegs.

Selbsterneuernde Bausteine

Im nächsten Schritt geht es um die Veränderung dieser Bausteine. Jede banale Website, vor allem aber ein komplexeres Steuerungssystem besteht heute aus Millionen von Einzelelementen. Diese Komponenten müssen im Laufe der Zeit ausgetauscht werden, weil sich die Anforderungen ständig ändern: Die Sicherheit soll erhöht oder neue technische Möglichkeiten können integriert werden. Die damit verbundenen Wartungsarbeiten sind allerdings äußerst zeit- und somit kostenintensiv. Friedrich - und ganz bestimmt auch der Industriepartner im Konsortium - wäre höchst glücklich über eine Lösung, die das automatisierte Austauschen von Einzelteilen oder zumindest die Wiederverwertung alter Komponenten unterstützt.

Dafür formuliert der linguistisch denkende Computerwissenschafter schließlich die zentrale Forschungsfrage: Wie muss eine universelle Reparatursprache beschaffen sein, damit sie unabhängig von der Anwendung komplexe Aufgaben wie eine Wartung beschreiben und bewältigen kann?

Von einer marktreifen Antwort ist das Team zurzeit noch weit entfernt. Klar ist aber, dass so eine Sprache sehr allgemein sein muss, um völlig unterschiedliche Systeme auf ihre logische Konsistenz überprüfen zu können. Gleichzeitig darf sie nicht so eingeschränkt werden, dass ihr schlicht die Worte fehlen für eine im Wandel befindliche Welt. In der gibt es immerhin bereits Dinge wie Eisenbahnschranken, die längst mit Vorläufern solcher semantischer Systeme gesteuert werden und irgendwann einmal auch nach einer Wartung schreien. (saum, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. Juni 2010)

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