Einem Gott die Sehkraft wiedergeben

22. Juni 2010, 20:01
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Unter extremen Arbeitsbedingungen haben Wissenschafter aus Wien das Innere zweier tibetisch-buddhistischer Tempel in einem Dorf im Himalaya restauriert - auch mit ungewöhnlichen Aufgabenstellungen

In den vergangenen sechs Jahren haben Lehrende und Studierende der Universität für angewandte Kunst in Wien die Innenausstattung zweier tibetisch-buddhistischer Tempel im indischen Himalaya gesichert. Das Projekt gehört zu den logistisch, körperlich und kommunikativ anspruchsvollsten, die das Team um Gabriela Krist, Leiterin des Instituts für Konservierung und Restaurierung, bisher bewältigt hat. Gelungen ist es mit Engagement, Finanzierung, Know-how und Improvisation.

Lebendiges Kulturerbe

Nako im nordindischen Himachal Pradesh, wenige Kilometer von der tibetischen Grenze entfernt, liegt auf 3800 Meter Höhe. Dort stehen vier schlichte Tempel aus dem 12. bis 16. Jahrhundert. So unscheinbar die Lehmziegelgebäude von außen wirken, so bedeutend sind die Wandmalereien, Lehmskulpturen und vielfarbigen Holzdecken im Inneren. Angesichts der Zerstörung im heute chinesischen Tibet legen sie Zeugnis über ein großteils verlorengegangenes Kulturerbe ab.

Die Arbeitsbedingungen sind extrem: Höhenluft, Durchfall, körperlich anstrengende Arbeit in engen Räumen, Lagerkoller, selten Strom, Staub überall. Dennoch: "Die Tempel sind lebendiges Kulturerbe. Ein wunderschöner alter Bestand in eigenartig abgelegener Landschaft, der intensiv genutzt wird. Das zu sehen macht Freude", sagt Krist.

Ein Masterplan des inzwischen verstorbenen Ernst Bacher, ehemals Generalkonservator des österreichischen Bundesdenkmalamtes, stellte 2004 substanzerhaltende Maßnahmen am Ensemble vor Einzelrestaurierungen. Das Team um Krist versuchte den Masterplan einzuhalten, aber auch den Bedürfnissen der Gläubigen entgegenzukommen.

Bearbeitet wurden in sieben Kampagnen die zwei größeren Tempel der wichtigeren Gottheiten. "Der Dorfbevölkerung war auch wichtig, dass ein Gott wieder sehen kann, also dass wir Augen retuschieren. Das entspricht nicht unserem gewöhnlichen Vorgehen, ist aber in Einklang mit einer wiederhergestellten Funktion", erläutert Institutsmitarbeiterin Martina Griesser.

Kein Baumarkt im Himalaya

Im Lotsawa Lhakhang und Lhakhang Gongma waren beinahe alle Spezialgebiete des Instituts gefragt: Holz-, Textil-, Gemälde- und Steinprofis drängten sich auf den Gerüsten. Vor Ort konnte nur wenige Wochen im Sommer gearbeitet werden. Mit Nako beschäftigt war das Institut jedoch die ganze Zeit.

Reflexion und Aufarbeitung passierten in Wien. "Der FWF hat fünf grundlegende Arbeiten finanziert", sagt Griesser. Erarbeitet wurde etwa auch die Expertise zur Lehmstabilisierung. Der Wissenstransfer erfolgte hier Richtung Österreich.

Es gibt keinen Baumarkt am Ende der Welt. Es wurde viel mit lokalen Materialien und Techniken gearbeitet. Aber auch in der Abgeschiedenheit eines 400-Seelen-Dorfes im Himalaya erhalten sich Traditionen nicht automatisch. Viele Jugendliche wollen weg, gebaut wird gerne mit Beton, historische Techniken sterben aus. Es dauerte einige Zeit, bis geschulte Handwerker und eine gemeinsame Ebene gefunden wurden. Hier war die Kooperation mit zwei indischen Forschungsinstituten unerlässlich.

Museum lockt Touristen

Auf Martina Griesser wartete in Nako eine Spezialaufgabe. Der Besuch des Dalai Lama 2007 war Anlass für eine Museumsgründung. "Als wir anreisten, war das Gebäude vorhanden, aber keine Idee, was ausgestellt werden soll", beschreibt die Restauratorin und Ausstellungsmacherin.

Die Unsicherheit war auf beiden Seiten groß: Die Einheimischen wollten sich nicht blamieren und sie selbst als Beraterin nicht "kulturimperialistisch" agieren.

Schließlich wurden Alltagsgegenstände als identitätsstiftend erkannt, mit der Dorfbevölkerung wurde eine Sammlung angelegt. Das Heimatmuseum hat sich inzwischen zu einem handfesten Wirtschaftsfaktor im Trekking-Tourismus entwickelt.

Im Sommer 2010 wird das Projekt mit einer Fotodokumentation vorläufig abgeschlossen. In weiteren Schulungen soll der lokalen Bevölkerung die Pflege des Tempelkomplexes nahegebracht werden. Die Finanzierung für weitere Forschung und die Instandsetzung der beiden kleineren Tempel wurde bereits beantragt. (Astrid Kuffner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. Juni 2010)


Wissen: Österreichische Indien-Forschung

Den Anfang machte der Missionar Pater Paulinus 1790 in Rom. Er verfasste die erste Sanskrit-Grammatik und öffnete die Tür zum Studium indischer Philosophie und Literatur. Heimische Forscher, die in Indien arbeiten, versammelte 2009 eine Konferenz, veranstaltet vom Österreichischen Kulturforum und der Uni für angewandte Kunst in Neu-Delhi. So unterstützt etwa Ebba Koch von der Uni Wien mit ihrem Wissen über die Mughal-Periode die Erhaltung des Taj Mahal als zentrale Beraterin. Die Grazerin Andrea Loseries leitet seit 2006 das Department für Indo-Tibetische Studien an der Uni in Santiniketan (Westbengalen). Wolfgang Heusgen von der TU Graz ist Kenner von Architektur und Konstruktion im westlichen Himalaya und legte kundige Hand an das Dach des Wanla-Tempels in Ladakh. In Nako hat das Institut für Restaurierung der Angewandten zwei Tempel gesichert. Barbara Karl von der Akademie der Wissenschaften schrieb ihre Dissertation über die indische Textilproduktion für Europa im 16./17. Jahrhundert. Mehr Beispiele im Band Caring for our Global Heritage, herausgegeben vom Institut für Restaurierung, der am 24. Juni um 17.30 Uhr im Künstlerhaus präsentiert wird.

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