"Fantastic Mr. Fox": Der Fuchs, der ein Fuchs bleiben wollte

22. Juni 2010, 17:59
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Kann man weiter wilder Hund sein, oder muss ein Familienvater andere Vorbilder finden: Wes Andersons "Fantastic Mr. Fox"

Ein fulminanter Puppentrickfilm für fast alle Altersstufen

Wien – Dieser Fuchs wirkt mächtig menschlich: Er führt eine intellektuelle Rede, geht auf zwei Beinen, trägt ein gestärktes Hemd und einen adretten beigen Schnürlsamtanzug. Aber manchmal geht das Tier mit dem Familienvater durch. Harmlos, wenn er nur Zähne zeigt, um sich auf sein Essen zu stürzen oder sich in Rangeleien mit alten Freunden verwickelt. Gefährlich, wenn er mit frechen Hühnerdiebereien und Getränkeklau ausgerechnet die fiesen Farmer Boggis, Bunce und Bean herausfordert. Denn damit setzt er nicht nur sein draufgängerisches Selbst, sondern auch seine erweiterte Tierfamilie deren Rache aus.

Mit Fuchspuppen tricksen

Wes Anderson, inzwischen 41-jähriger US-Filmemacher aus Houston, hat mit seiner sechsten Kinoarbeit Fantastic Mr. Fox erstmals einen Puppentrickfilm realisiert. Die Filmerzählung hat er aber durchaus im Sinn seines bisherigen Werks angelegt. Frei nach einer Vorlage des großen Geschichtenerzählers Roald Dahl lässt er seinen männlichen Helden an einer sehr lebensnahen Entscheidungsschwäche laborieren: Will man lieber ein wilder Hund sein? Oder muss man dieses Ansinnen in die Vergangenheit verweisen, weil ein fortgeschrittenes Lebensalter und Nachwuchs andere Modelle verlangen? Insofern hat man es hier dezidiert mit einem Film für (fast) alle Altersstufen zu tun, und keineswegs mit einem putzigen Kindermärchen.

Anderson, der Nerd unter den US-Independents, hat schon für frühere Arbeiten fantastische Kulissen zimmern lassen. Man denke an die Schultheateraufführung von Rambo in Rushmore oder an die verwinkelte Residenz der Royal Tenenbaums. In Zusammenhang mit The Life Aquatic with Steve Zissou hat er sich außerdem zu seinem Faible für klassische Stop-Motion-Animation, ein manuelles Trickverfahren, bekannt. Für das Tiefseeabenteuer ließ er bizarre Unterwasserwelten und die dazugehörigen Lebewesen erfinden. Nun hat Anderson seine inhaltlichen und ästhetischen Vorlieben gänzlich in eine selbstgemachte filmische Welt überführt.

Fantastic Mr. Fox, der seine Premiere vergangenen Herbst als Eröffnungsfilm des London Film Festival feierte, ist ein Puppentrickfilm alten Stils: buchstäblich in Handarbeit entstanden Dekors, Kostüme und Figuren, und von Hand und in vielen Arbeitsstunden wurde das Ganze auch für die Kamera in Bewegung versetzt.

Stimmige Zusammenarbeit

Sein bewährtes Ensemble – Bill Murray, Owen Wilson, Jason Schwartzman plus Stargäste George Clooney und Meryl Streep – hat im Tonstudio agiert. Auf der Leinwand bewegen sich dazu liebenswerte Pelztierchen und wenig sympathische Menschenmodelle.

Ihre Behausungen sehen aus wie Puppenhäuser aus den späten Sixties, überm Stockbett hängen liebevoll gestaltete Poster, aus dem Kamin kommt Wollrauch. Mit derselben Detailversessenheit werden ein Ballsport samt komplizierter Regeln erfunden oder die Gemälde der Mrs. Fox ausgeführt.

Andersons Einflüsse könnte man in den famosen Fernsehserien der Augsburger Puppenkiste ebenso wähnen wie bei den Insektenabenteuern des Animationsfilmpioniers Ladislaw Starewicz oder den Schaukästen des viktorianischen Exzentrikers Walter Potter (The Kitten's Tea Party, u.a.). Man hat es mit jener Art von sorgfältiger Oberflächengestaltung zu tun, die primär der Vertiefung dient.

Nach Verschiebung, Absage und Sondervorführungen läuft Der fantastische Mr. Fox am 25. Juni nun doch noch mit zehn Kopien regulär im Kino an, im Wiener Gartenbau wird die Originalfassung gezeigt. Auch der Geschäftsführer der österreichischen Niederlassung der Twentieth Century Fox, Roman Hörmann, hält Fantastic Mr. Fox im Übrigen für einen sehenswerten Film. Konzernentscheidungen über den Kinoeinsatz würden in den USA gefällt und richteten sich wiederum nach der Auswertung in größeren Märkten. Sogar Kathryn Bigelows preisgekrönter Hurt Locker war ja bekanntlich nicht vor einem ähnlichen Schicksal gefeit.

Beharrliche Nachfrage seitens der Fan-Base scheint aber sogar über den großen Teich zu tönen. (Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe, 23.06.2010)

  • Das kennt man doch: Der "Fantastische Mr. Fox"  (Stimme:George Clooney 
beziehungsweise Christian Berkel) schätzt Kultur, braucht aber manchmal 
unvernünftigen Ausgleich.
    foto: centfox

    Das kennt man doch: Der "Fantastische Mr. Fox" (Stimme:George Clooney beziehungsweise Christian Berkel) schätzt Kultur, braucht aber manchmal unvernünftigen Ausgleich.

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