Balladen mit Angina

22. Juni 2010, 17:10
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Die US-Formation Dead Western spielt Balladen im Geiste Scott Walkers und der verschwundenen Schmerzsezierer Souled American

Wien - Es heißt, die Ballade sei die Königsdisziplin im Pop. Und damit sind nicht überproduzierte Schmalztöpfe aus dem Höllenschlund von Celine Dion oder vergleichbaren Irrtümern gemeint, sondern tatsächlich tief empfundenes Liedgut. Songs, die mit Herzblut und Augenwasser dargereicht werden und im besten Falle genau jene Flüssigkeiten beim Empfänger in Bewegung geraten lassen. Heulbojen aller Welten, öffnet eure Schleusen!

In diesem Fach, das nur wenige beherrschen, gibt es von einem Neuzugang zu berichten. Im sonnigen Kalifornien sorgt Troy Mighty neuerdings für Sonnenfinsternis über den Seelen seines Publikums.

Zwar lässt sich der Nichtsurfer lebensfroh darstellen - siehe die Sonnenblumen sowie die alberne Kriegsbemalung! -, aber damit legt er eine falsche Fährte. Troy Mighty stellt sich mit seinem Ende März erschienenen Album Suckle At The Supple Teats Of Time in die Nähe großer Balladenkaiser wie Scott Matthew oder einem Antony Hegarty mit eitriger Angina.

Kazoo und Lippenfurz

Doch während Antony mit seinen Johnsons durchaus breitwandig anrichtet, versteht sich Mighty wie Matthew eher als Sparefroh. Spartanisch spielt er die Akustikgitarre, auch die Tuba der armen Leute, das Kazoo, findet Einsatz, zur Not tut's ein Lippenfurz.

Dergestalt instrumentiert nähert er sich den ewigen Referenzfiguren des Fachs. Im Falle vonDead Western muss Scott Walker herhalten - und zwar mit seinem Spätwerk Tilt oder The Drift. Dabei klingt Mightys Gesang wie das Wehklagen eines besoffen Lallenden, der einen Rausch zu viel nach Hause gebracht hat und nun - sein Heim leer vorfindend - sich in Selbstmitleid suhlend zur Kenntnis nehmen muss, dass seine Frau ernst gemacht und ihn verlassen hat. Geschwindigkeit ist bei derlei Inhalten kein Thema.

Die Darreichungsform von Dead Western erinnert an die Reform-Country-Combo Souled American. Die Band aus Chicago verlangsamte ihre Stücke so sehr, bis sie mit ihnen von der Bildfläche verschwunden ist - einer der eindrucksvollsten Bandauflösungen aller Zeiten!

Dead Western steigt in Souled-American-Maßstäben gemessen in deren mittlerer Phase ein, knödelt mit Billigpathos über Mörder, das Verschwinden alter Männer oder endlose Meere. Mighty lediglich Exzentriker zu nennen greift da wahrscheinlich zu kurz.

Dazu ist diese Musik viel zu seltsam.

(Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe, 23.06.2010)

Dead Western live:
23. 6., Rhiz, Lerchenfelder Gürtel, Bögen 37/38. 21.00
3. 7. in Innsbruck, Essbar. 20.00

  • Da lacht er noch. Sobald Troy Mighty aber mit Dead Western singt, 
verdunkelt sich die Sonne.
    foto: southern

    Da lacht er noch. Sobald Troy Mighty aber mit Dead Western singt, verdunkelt sich die Sonne.

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