Sparpaket

London will 17 Milliarden Pfund sparen

Sebastian Borger aus London, 22. Juni 2010 17:54

Lohnstopp bei Beamten, kräftige Mehrwertsteuererhöhung, Kürzungen bei Sozialleistungen und Einführung einer Bankenabgabe

Die neue konservativ-liberale Koalition müsse "die Rechnung bezahlen für die Verantwortungslosigkeit der Vergangenheit" , sagte Schatzkanzler George Osborne bei der Präsentation seines Sparpaketes am Dienstag im britischen Unterhaus. Bis zum Ende der Legislaturperiode in 2015 will der Finanzminister die Schulden von 10,1 Prozent der Wirtschaftsleistung im laufenden Finanzjahr auf 1,1 Prozent reduzieren.

Einsparungen seien deshalb besonders nötig, betonte Osborne, weil die Schuldensituation vieler westlicher Industriestaaten zur Diskussion stehe.

Die Koalition müsse das gerade erst erworbene Vertrauen der internationalen Finanzmärkte rechtfertigen. "Sonst riskieren wir höhere Zinssätze, höhere Verschuldung, höhere Arbeitslosigkeit." Ähnlich argumentierte auch Vize-Premier Nick Clegg. "Die Krise der Eurozone hat uns unter großen Druck gesetzt" , schrieb der Chef des kleineren Koalitionspartners an Unterstützer seiner liberaldemokratischen Partei.

Ein Viertel weniger Budget ...

Der größte Posten im Sparpaket betrifft die Mehrwertsteuer. Sie wird ab 4. Jänner 2011 von derzeit 17,5 auf 20 Prozent erhöht. Dem Staat soll das jährliche Mehreinnahmen von 13 Milliarden Pfund (rund 16 Milliarden Euro bringen). Eingeführt wird auch Bankenabgabe, die Regierung erhofft sich davon zwei Milliarden Pfund (2,4 Milliarden Euro)an Mehreinnahmen pro Jahr. Während das nationale Gesundheitssystem sowie die Entwicklungshilfe wie angekündigt von Einsparungen verschont bleiben sollen, müssen andere Ministerien in den kommenden vier Jahren bis zu einem Viertel ihrer Ausgaben kürzen. Dem Sozialministerium kommt dabei besondere Bedeutung zu.

... und keine Lohnerhöhungen

Bezieher mittlerer und höherer Einkommen erhalten weniger Beihilfen für die Kindererziehung, Alleinerziehende müssen früher als bisher auf den Arbeitsmarkt zurückkehren, Mietzuschüsse werden gestrichen. Behinderte müssen sich einer Gesundheitsprüfung unterziehen, um weiter Unterstützung zu erhalten. Allein dadurch will die Regierung umgerechnet 13 Mrd. Euro über vier Jahre einsparen.

Die Bediensteten im öffentlichen Dienst erhalten zwei Jahre lang keine Gehaltserhöhung. Ihre vergleichsweise großzügigen Renten wird eine Kommission unter Leitung des früheren Labour-Ministers John Hutton unter die Lupe nehmen. Eine Erhöhung des Freibetrages für die Einkommensteuer soll 880.000 Briten entlasten. Mit sofortiger Wirkung steigt die Kapitalertragssteuer auf 28 Prozent (von derzeit 18 Prozent). Hingegen wird die Unternehmenssteuer schrittweise von 28 auf 24 Prozent gesenkt.

Im Vorfeld von Osbornes Rede hatten Nord-England sowie Schottland und Wales darauf verwiesen, dass sie in höherem Mass vom öffentlichen Sektor abhängig sind als der Großraum London. Die nun verkündeten Maßnahmen treffen die Regionen deshalb härter. Um diesem Effekt gegenzusteuern, werden Unternehmensgründer außerhalb des englischen Südostens künftig steuerlich begünstigt. Das Schatzkanzleramt erhofft sich davon 400.000 Jobs. Osborne verwies zudem auf Infrastruktur-Projekte in Birmingham und Manchester, die die Regierung auch künftig unterstützt.

In ihrer Erwiderung warf die Oppositionsführerin Harriet Harman dem Schatzkanzler vor, er gefährde mit seinen Maßnahmen die mühsame Erholung der Volkswirtschaft. "Dies ist sein erster Haushalt, aber es sind die immergleichen Tories" , sagte die Labour-Vorsitzende. Das Sparpaket werde die Armen überproportional hart treffen.

Der Schatzkanzler dagegen nannte die Kürzungen "unvermeidlichen" , das Sparprogramm sei "hart, aber fair . Mit weniger Wachstum rechnet aber auch Osborne selbst. Die Wirtschaft soll heuer um 1,2 Prozent wachsen und sich im kommenden Jahr bei 2,3 Prozent einpendeln. Bisher ging die britische Regierung von einem Wachstum von 2,6 Prozent aus. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, Printausgabe, 23.6.2010)

Kommentar posten
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Walter Tiefenthaler
23.06.2010 09:24
die reichen zahlen weniger unternehmenssteuer...

...und parken das vermoegen auf den kanalinseln. die tun einem richtig leid die goldnasen.

Ivan Bukov
23.06.2010 10:19

Wissen sie ueberhaupt warum die Unternehmenssteuern gesenkt wurden?
Es geht, wenn es sie wirklich interessiert, um Finanzierung, wenn sie ihre Investitionen mit Krediten finanzieren koennen sie die Zinsen von der Steuer absetzen.
D.h. je hoeher die Unternehmenssteuern desto interessanter ist Finanzierung ueber Kredite. Niedrigere Steuern machen dagegen Kapitalfinanzierung interessanter und diese hat speziell bei Neugruendungen oder neuen Projekten Riesenvorteile(!!!) gegenueber Kreditfinanzierung. Und darum wurde ja auch die Kapitalerstragssteuer erhoeht!

Walter Tiefenthaler
24.06.2010 05:58
bloedsinn!

der von ihnen angesprochene mechanismus wird hauptsaechlich durch den leitzinssatz der zustaendigen nationalbanken geregelt. die von ihnen beschriebene absetzbarkeit der kapitalkosten ist trivial und von den problemen der gruppenbestuerung (england war hier einer der vorreiter) scheinen sie keinen blassen schimmer zu haben. neugruendungen/neue projekte muessen zudem das eigenkapital erst einmal haben um den von ihnen in ihren wahnvorstellungen angetraeumten leverage effekt zu realisieren. sie sollen nicht ueber dinge reden, die sie nicht verstehen.

uncle sam3
23.06.2010 08:17
von

deren entscheidungsfreudichkeit können faymann & pröll noch eine scheibe abschneiden.

hier muss es erst 5 vor 12 werden (aua, orf, asfinag, gemeindefinanzen, sv, pensionen, usw.)

mike sierra
01.07.2010 22:15
in UK ist es eben schon 5 vor 12

Budgetsalden
Ö 2009: -3,4 2010p: -4,7
UK 2009: -11,5 2010p: -12,0

Staatsschuldenquoten 2009
Ö 66,5
UK 68,1

Bergdolm
23.06.2010 07:56
Und es wird weitergezockt an den Börsen


Boni werden weiter ausgeschüttet an die Banker und Spekulanten, wie wenn es nie ein Krise gegeben hätte.

Die Kleinen müssen - wie überall auf der Welt - bluten.

England zeigt uns, wo's lang geht. Na wartet nur, welcher Sparkurs uns in Ö im Herbst verordnet wird.
Der Beitrag der Superreichen zur Budgetkonsolidierung? Vergiss es ....

mike sierra
01.07.2010 22:21
der Beitrag der Superreichen

Impliziter Steuersatz auf Kapital
Ö 27,3
UK 45,9

Dabei hat UK insgesamt eine niedrigere Abgabenquote als Ö.

Fritz Meyer
23.06.2010 07:47
Ja, so ungefähr war das zu erwarten.


So können's behaupten, dass es ja "ausgewogen" wäre und am meisten nehmen's wieder den Armen und Schwachen weg.

Aber bei der Leidensfähigkeit der Briten wird's wohl wieder "richtig" aufgefasst werden und die Tories dürfen dem Land die Rosskur noch ein paar Legislaturperioden länger verordnen.

Fritz Meyer.

hlg
23.06.2010 07:18
das ist irgendwie...

wie beim zauberlehrling...

gomey
23.06.2010 00:50

unglaublich, wie krass die krise am volk abgewälzt wird. überall wird wieder von arm nach reich umverteilt. traurig.

Hubert Hawkins
23.06.2010 00:43
Steuern zu erhöhen ist kein Sparen

Man sollte sich in der Berichterstattung nicht die Sprache der Politiker zu eigen machen. Das Erhöhen von Steuern ist kein "Sparen" auch wenn man uns das so verkaufen will.

Ivan Bukov
23.06.2010 10:21

In UK wird tatsaechlich auch gespart. Lesen sie englische Zeitungen, da werden die Massnahmen aufgelistet

Aracni Santini
22.06.2010 22:33
Fortsetzung

sinken die Realeinkommen durch Stagnation und immer höherer Steuerleistung bzw. Beitragsleistung und wird im selben Ausmaß auch noch Sozialleistung heruntergefahren, dann müssen wir von dem niedrigeren Netto auch noch mehr Soziales selbst bezahlen (wie Medizin, Bildung etc.) D. h. für Konsum (Nahrung, Kleidung div. ) bleibt weniger übrig. -> Firmen haben wieder weniger für Produktivität -> sinkende Löhne ->sinkende Einkommen usw. mehr ARbeitslose -> noch mehr Sozialabbau, weil die Verwaltung unantastbar ist. Wenn jeder 3. dann schon Pensionist ist und dann vom Rest auch noch Beamte erhalten werden müssen... Bei uns wird es gar Finster aussehen, wenn unsere Politiker nicht bald hart durchgreifen.

iohui
22.06.2010 22:33
16 mrd. eur aus mwst erhöhung

das macht dann 128 mrd. eur aus mwst

3,25 mrd. euro weniger sozialausgaben

und nur 2,4 mrd. eur aus der bankenabgabe.

irgendwie ham die alle jedes gefühl für verhältnismässigkeit verloren.
aber immerhin löblich dass überhaupt bankenabgabe eingeführt wird.
auch der einkommensteuerfreibetrag.

die finanztransaktionssteuer fehlt dann noch.

Aracni Santini
22.06.2010 22:29
Wer glaubt, dass es bei uns anders sein wird, irrt gewaltig

Nachdem bei den Verwaltungskosten sich niemand durchsetzt bei uns und auch nicht will gibt es bei uns auch nur 2 Maßnahmen: Steuereinnahmen erhöhen und Sozialleistungen abbauen. Zusätzlich stagnieren die Reallöhne bei uns. D. h. in der Zeit wo Pensionseinkommen um 20 % gestiegen wird sind Reallöhne nur um 5 % gestiegen. Beamtengehälter sind in der gleichen Zeit sicher auch über die Verhältnisse gestiegen weil eben pragmatisiert und automatische Vorrückung + jedes Jahr Erhöhungen. D. h. Steuern (LST) und Beiträge (PV-Beiträge) steigen im % Satz (man muss das ja ausgleichen) und die Nettoeinkommen sinken deswegen noch mehr, obwohl die Reallöhne mehr od. weniger stagnieren, eventuell sinken bei schlechterer Nachfage.

Aracni Santini
22.06.2010 22:35
in der Privatwirtschaft hat man von Erhöhungen nichts

weil wenn zu teuer wird man gekündigt und durch jüngere ersetzt. Durchschnittliche Arbeitszeit bei einem Dienstgeber sinkt. Dadurch werden Erhöhungen bei den Reallöhnen verhindert.

*esofan*
22.06.2010 20:21

im ersten moment dachte ich, die londoner city will sparen. :) aber leider denkste.

peace & love
22.06.2010 18:59
'London will 17 Milliarden Pfund sparen'


besser:

london will die britische wirtschaft komplett ruinieren.

clearlake
23.06.2010 08:44
die britische wirtschaft ist bereits im koma

der patient ist nicht mehr zu retten, das heisst die muessen so oder so zurueck zum start

lessismore
22.06.2010 21:32

Die interessante Frage ist, wie lange sie es diesmal durchhalten. Ein Jahr? Länger? Kürzer?

Nee-Chee
22.06.2010 15:55
Bist du deppert.

Schwangeren-Gesundheitsprogramme werden gekillt, Mietzuschüsse runtergefahren, dafür wird die Vermögenszuwachssteuer nur auf 28% erhöht, damit die armen Parlementshinterbänkler beim Verkauf ihres siebenten Hauses nicht allzusehr bluten müssen.
http://news.bbc.co.uk/2/hi/poli... 371590.stm

Jim Kirk
22.06.2010 22:58

Was meinst mit Vermögenszuwachssteuer nur auf 28% erhöht. Um wieviel wird die denn bei uns "erhöht"?

Nee-Chee
22.06.2010 23:07

wo hab ich behauptet, dass es bei uns besser ist?
Ich hab _dieses_ Programm wegen seiner Unausgewogenheit und des Lobby-Kniefalls kritisiert und sonst nix.

also dann ...
22.06.2010 15:32
willkommen in der depression !

mwst - erhöhung um 2,5 %punkte
= einsparungen von 13 mrd pfund,
da wird die binnenkonjunktur nur so brummen . . .

die waren-exporte sind w u a s c h t,
weil GB seit thatcher systematisch des-industrialisiert wurde (die ind-produktion liegt auf dem niveau von 1974) - und dafür die fin.industrie "augebaut und mit allen vorteilen ausgestattet wurde"...

dumm nur, dass genau jener sektor von dem der
wohlstand (welcher denn ?) für GB abhängt...,
nur mehr aus s p e k u l a t i o n
(eigenhandel d. banken + investmentbanken)
besteht.

soziale unruhen sind vorprogrammiert,
die neo-klassisch-orthodoxen konzepte haben
gesiegt.
HURRA ... ist diese regierung nicht t o l l.

mike sierra
01.07.2010 22:30
MWSt - Erhöhung

Entgegen allen Lehrbüchern, hat noch bei fast jeder MWSt-Erhöhung die Konjunktur zu brummen begonnen.
Naja, die Vorziehkäufe, aber danach fehlen die ja.
Denkste.
In der Realität werden Käufe angeregt, bei denen sonst Entscheidung vom Konsumenten immer wieder hinausgezögert werden.
Unter der Bedingung, dass nicht durch andere Maßnahmen der normale Unterhalt beschnitten wird und Angstsparen einsetzt.

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