Macht der Islam gewalttätig?

Blog22. Juni 2010, 14:44
400 Postings

Die aktuelle Studie eines deutschen kriminologischen Forschungsinstitutes erklärt die Religion zur Ursache der Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen

Neu ist die Paarung "Islam und Gewalt" nicht. In den letzten paar Wochen erlebte sie aber ungeahnte Popularität in den deutschen Medien. Anlass ist ein Bericht des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachen (KFN). Die Autoren der Studie, Dirk Baier und Christian Pfeiffer, haben in 61 deutschen Städten und Landkreisen rund 45.000 Schülerinnen und Schüler zwischen 14 und 16 Jahren zu Religion und zu ihrem Verhältnis zu Gewalt befragt.

Folgende, grob zusammengefasste Ergebnisse der Befragung geistern seit dem durch die Medien aller Couleur: Gläubige muslimische (männliche) Jugendliche sind deutlich gewaltbereiter als junge Migranten anderer Konfessionen. Die höchste Gewalttäter-Quote, mit 23,5 Prozent, gibt es demnach unter jenen muslimischen Jugendlichen, die sich als "sehr religiös" bezeichnen. Bei evangelischen und katholischen Jugendlichen sieht die Studie eine gegenläufige Tendenz: Christliche Gläubige begehen der Studie zufolge seltener jugendtypische Gewalttaten.

"Gewaltbereitschaft als Kultur"

Macht der Islam die muslimischen Jugendlichen in Deutschland gewalttätig und gewaltbereiter als ihre Altersgenossen anderer Konfessionen? Dass eine Koinzidenz von Faktoren nicht immer auch einen Zusammenhang im Sinne von Ursache und Wirkung bedeutet, haben ganz viele JournalistInnen und ExpertInnen vergessen und stürzten sich sofort auf die angebliche Religiosität der jugendlichen Gewalttäter – manche sprechen sogar von "Gewaltbereitschaft als Kultur". Die muslimische Religiosität fördere die Akzeptanz der traditionalistischen "Machokultur" und diese wiederum fördere Gewaltbereitschaft, erklärt Studien-Autor und Institutsvorstand Christian Pfeiffer. Als Interpretationsstütze dienen den Studien-Autoren die Untersuchungen des Soziologen Rauf Ceylan von der Universität Osnabrück, der bestätigt, dass im Ausland ausgebildete Imame in den deutschen Moscheen einen konservativen Islam vermitteln.

Wie misst man "Religiosität"?

Machen die traditionalistischen, radikalen Predigten die moslemischen Jugendlichen gewaltbereit? Das ist anzuzweifeln wenn man bedenkt, dass nur die wenigsten von ihnen, die sich als "stark religiös" bezeichnen, tatsächlich auch einer Moscheen-Gemeinde angehören. Dass es sich bei der erfragten „Religiosität" der jungen Männer nicht selten um Lippenbekenntnisse handelt und die – stark durch Stigmatisierungs- und Ausgrenzungsprozesse beeinflusste – Selbstdefinition zur Provokation und Abgrenzung dient, wird in der Studie ebenfalls außer Acht gelassen. Zumal es vor etwas mehr als zwei Jahren eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung gab, die genau das Gegenteil besagt: Je religiöser ein Muslim in eine Gemeinde eingebettet ist, desto toleranter ist er gegenüber anderen Religionen und neigt eben nicht zur Gewalt.

So einfach ist also die Kausalität "Islam und Gewalt" dann doch nicht. Wenn es um Jugendliche und ihre Gewaltbereitschaft geht, dann muss es auch immer – und das ist eine kriminalwissenschaftliche Binsenweisheit – um soziale Herkunft, Bildungsniveaus und um eigene Erfahrungen mit Gewalt und Ausgrenzung gehen. Doch genau das sind die Aspekte, die in so mancher, medialer Integrationsdebatte fehlen. Aber aus dem plakativen Paar "Islam und Gewalt" lassen sich eben schönere Schlagzeilen machen. (Olivera Stajic, 22. Juni 2010, daStandard.at)

Share if you care.