Ist Alltagssprache der Wirtschaft hörig?

26. Juni 2010, 19:05

Forscherin warnt, dass auch Denkmuster und Wertestrukturen aus der Wirtschaft übernommen werden

Wien - Studenten sind heute Konsumenten, Behörden sind Dienstleister, und wer im Berufsleben erfolgreich sein will, muss an der "Marke Ich" arbeiten - die Sprache der Wirtschaft dringt immer weiter in das Alltagsleben vor. Damit werden allerdings nicht nur Begriffe aus der Wirtschaft entlehnt, sondern auch Denkmuster und Wertestrukturen, warnt Gerlinde Mautner von der Wirtschaftsuniversität (WU) in ihrem neuen Buch "Language and the Market Society".

Darin analysiert sie, wie Unis, öffentliche Verwaltung, Kirchen und zwischenmenschliche Beziehungen kommerziellen Grundsätzen "unterworfen" werden und fordert zu einem kritischen Umgang mit Wirtschaftssprache auf, so die WU in einer Aussendung. "Der Markt" regelt laut der Expertin für Fremdsprachliche Wirtschaftskommunikation nicht länger nur wirtschaftliche Austauschbeziehungen. Er ist für die gesamte Gesellschaft zu einem "scheinbar unentrinnbaren Dogma" geworden. So sei es mittlerweile sogar normal, wenn Kirchen sich mit "Walmart" und "Starbucks" vergleichen oder als "Jesus-AG" "gebrandet" werden.

"Kommerzialisierung der Sprache"

Mautner spürt dieser "Kommerzialisierung der Sprache" mit reichem Datenmaterial und unter Einsatz verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen nach. Ihre Ergebnisse, hofft die Wissenschafterin, sollen den Leser wachrütteln und zu einem bewussten und kritischen Umgang mit marktkonformer Sprache ermutigen.

Denn für Wirtschaftsunternehmen sei es zwar sinnvoll, sich auf Effizienz, Produktivität und Gewinn zu konzentrieren und die dazu passende Sprache zu sprechen. Die gleichen "Denk- und Sprachschablonen unreflektiert auf andere Bereiche umzulegen" ist für Mautner hingegen problematisch. Schließlich sei Sprache nicht nur Spiegel von sozialen Veränderungen, sondern auch ein Motor. "Will man also den Markt in seine Schranken verweisen, sollte man sich nicht unbedacht seiner Sprache bedienen." (APA)


Publikation
"Language and the Market Society - Critical Reflections on Discourse and Dominance".
Gerlinde Mautner.
Verlag Routledge, 216 Seiten.
ISBN 978-0-415-99814-7.
107,99 Euro.

Kommentar posten
16 Postings
witherabbitt
 
00
31.7.2010, 00:57

Interessanter Ansatz. Jetzt wäre noch der Vernaturwissenschaftlichungsjargon der Ökonomie und der Soziologie mittels der konservativ-darwinistischen Soziobiologie und die Erklärungsversuche der Sprache zum bloßen Epiphänomen der Neuronentätigkeit kritisch zu untersuchen.

Mynnia
01
28.6.2010, 19:45
Ironischerweise...

...ist das Buch ganz schön teuer - für mich zu teuer. Wie soll ich denn da drüber Diskurs führen und mündigerer Konsument werden können?

füllhornkäfer
00
28.6.2010, 11:37
Bleibt zu hoffen, dass der Spuk auch irgendwann wieder verschwindet

Wer redet heute noch von virtuellen Räumen? vor gut 15 Jahren der Super-Hype, alles war auf einmal virtuell, sogar das Nicht-Virtuelle. Und eine Menge Leute, die das Wort im Munde führten, wussten nicht einmal genau, was es bedeutete...

Erwin Wolfram
00
27.6.2010, 18:46

geht es nicht einfach darum die risken der unternehmen an die unmuendigsten konsumenten zuvorderst auszulagern, denn die unternehmen handeln nicht mehr marktgerecht.

Nick Tameer
00
27.6.2010, 21:40

Versuchen sie nicht mehr, ihr Zeug möglichst teuer zu verkaufen?

denkpanzer
13
27.6.2010, 17:15
Verbullshittisierung nenne ich das

Der Bullshit quillt aus den Meetingräumen hinaus in die Welt, wie "der süße Brei" im Märchen.

Nick Tameer
01
27.6.2010, 22:00

Zuvörderst quillt er natürlich aus den Köpfen und es tauchen Gurus auf, die neue Wörter erfinden und Anhängerschaften um sich scharen. In den Meetingräumen kann dann der, der sie am fixesten aufgesogen hat und vermitteln kann, dass er dank neuster Erkenntnisse voll durchblickt, andere davon überrzeugen, sie auch zu übernehmen, bis am Ende praktisch jeder so redet, wodurch der Marktpreis des "Paradigmas" durch Überangebot fällt und für ein neues Produkt Raum schafft, das wieder Distinktionsrenditen gestattet etc. (man gestatte mir all diese leicht hinkenden Metaphern, um zu polemischen Zwecken mit gleicher Münze zurückzuzahlen). Man könnte sicher eine Geschichte derartiger Moden nebst zugehöriger Terminologie schreiben.

The American
10
26.6.2010, 23:31

Einerseits teilweise sicher richtig, andererseits oft auch zutreffend. Kirchen z.B. SIND ganz einfach große Wirtschaftsbetriebe, siehe Vatikanbank, die enorme Einnahmen machen, sich nur dann bewegen wenn es Konkurrenz gibt, sprich die Konsumenten immer weniger werden, usw.

Nick Tameer
36
27.6.2010, 01:16

Da fängt eben die Ungenauigkeit im Denken an und da kommt jene nervtötende Art von Begrifflosigkeit zum Tragen, die Begriffe durch vage Analogien ersetzt - die heute meistverbreitete Art des akademischen Bluffs.

Kirchen mögen Wirtschaftsunternehmen haben, man mag auch die eine oder andere Analogie zwischen Gläubigen und Konsumenten ziehen können, aber Kirchen sind eben doch etwas anderes als Wirtschaftsunternehmen, deren Ziel die Verwertung bzw. Vermehrung ihres ganz unmetaphorischen Kapitals ist.

Rita Matsuko1
00
27.6.2010, 10:38
aber Kirchen sind eben doch etwas anderes als Wirtschaftsunternehmen

gebe ihnen recht, sie sollten es zumindest sein, was heutzutage -man schaue sich die vielzahl der protestantischen kirchen in den usa etwa an - allerdings nicht mehr so genau zu trennen ist.

Nick Tameer
02
27.6.2010, 17:08

Mir kommt es nicht auf die Ehre der Kirchen, sondern auf saubere Abgrenzung zwischen Unternehmen und anderen Institutionen an, bei denen vielleicht auch materielle Interessen im Spiel sein mögen, die aber nicht als Instution durch Einnsatz eines Kapitals Gewinne erwirtschaften wollen. So ist z.B. die Kirchensteuer eher eine Art postfeudalistische Einnahmequelle. Fernsehevangelisten in bzw. aus den USA würde ich z.B. ohne weiteres als Unternehmer einstufen.

Nick Tameer
01
27.6.2010, 22:57
(Anmerkung)

Die Wurzeln dieses Phänomens sind alt und uramerikanisch, wie sich aus folgender Bemerkung von Beaumont (der zusammen mit Tocquevillle 1830 die USA bereist hat) ergibt:
»Der, den ihr an der Spitze einer achtbaren Kongregation seht, hat als Kaufmann angefangen; da sein Handel gescheitert war, ist er Geistlicher geworden; ein anderer hat mit den Priesteramt begonnen, aber sobald er eine bestimmte Summe Geldes zur Verfügung hatte, die Kanzel mit dem Schacher vertauscht. In den Augen einer großen Mehrzahl ist das, geistliche Amt tatsächlich eine gewerbliche Laufbahn.«

Plasmaball
01
26.6.2010, 22:17
Wie heißt es so schön

Wer die Metaphern beherrscht beherrscht das Denken...

Antun Zonger
10
27.6.2010, 19:57

Wer die modernen Metaphern beherrscht, darf grünbewertet Psoten.
Wer alte Metaphern dagegensetzt, ist automatisch ein N., wird aber manchmal auch grün bewertet.

Wer selbst denkt, hat schon verloren.

Nick Tameer
03
26.6.2010, 23:42

Und wer beherrscht die Metaphern?

Ich halte dafür, dass es die Herren Waren-, Geld- und Kapitalfetisch sind, denen es in ihrer angestammten ökonomischen Nische längst zu eng geworden ist. Aber trotz ihrer Ubiquität trifft man sie doch (in der realen Welt) nirgends in Person an.

Gestern oder vorgestern formulierte an anderer Stelle ein User ernsthaft, in der Meinung, etwas Schlaues zu sagen, dass ein Tier "Investionen" in die Nahrungsuche mit Zeit "bezahle". Unsinn dieser Art ist the state of art in der Ökonomie.

WeltEnSTurm
02
26.6.2010, 21:23

Ich mag die Gutenberg-Galaxis.

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