Männer, Macht und Milliarden

22. Juni 2010, 12:55
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Die Familienfehde um das Milliardenerbe bei l'Oréal stinkt zum Himmel. Und es riecht stark nach politischem Skandal

L'Oréal Haupterbin Liliane Bettencourt scheint sich den Markenauftritt ihrer Firma zu Herzen zu nehmen: "Weil du es wert bist" - die 87-Jährige verschenkt - angeblich aus amouröser Abhängigkeit - rund eine Milliarde Euro in Form von Lebensversicherungen, Schecks und eines Picasso-Gemäldes an den befreundeten Fotografen, Maler und Schriftsteller (manche sprechen von "Gigolo") François-Marie Banier (63). Gerüchteweise soll sich unter den Zuwendungen auch eine kleine Insel befinden. Die reichste Frau Europas dürfte das nicht kratzen. Das US-Magazin Forbes schätzt ihr Vermögen auf 20 Milliarden Dollar (16 Mrd. Euro). Banier wartet derzeit auf seinen Prozess im Pariser Vorort Nanterre. Die Anklage: Er soll die Schwäche seiner betagten Freundin ausgenutzt haben, um an ihr Geld zu kommen.

Damit ihre Mutter auf ihre alten Tage nicht noch mehr Geld verschleudert, strebt die einzige Tochter, Françoise Bettencourt-Meyers (55), ein Entmündigungsverfahren an. Eine erbitterte Schlammschlacht ums Familienerbe? Von wegen. Es gehe ihr nicht um Geld, sondern lediglich darum, ihre Mutter vor weiterem Unglück zu bewahren, wird Bettencourt-Meyers im Pariser Journal du Dimanche zitiert. Die alte Dame sei nicht mehr im Besitz ihrer geistigen Kräfte und "die Lage nicht länger hinnehmbar", so Staranwalt Olivier Metzner. Metzner ist ein Mann fürs Grobe, erst im Mai vertrat er die US-Fluggesellschaft Continental im Zusammenhang mit dem Concorde-Absturz vor zehn Jahren in Paris, derzeit ist er an der Seite von Skandalhändler Jérôme Kerviel zu sehen, jener "Game Boy", der die französische Großbank Société Générale durch waghalsige Geschäfte um 4,9 Milliarden Euro erleichtert haben soll.

Die Grande Dame von L'Oréal spricht unterdessen von wohl überlegten Geschäften. Im Interview mit der französischen Tageszeitung Le Monde hält sie fest: "Ich weiß sehr gut, dass ich einen Teil meines Vermögens hergegeben habe. Ich mache mir nur wenig aus materiellen Dingen. Alles, was ich gegeben habe, habe ich freiwillig getan." Den von der Tochter geforderten "Idiotentest", um ihren Geisteszustand zu untersuchen, lehnt Bettencourt ab.

In der Unternehmenszentrale in Paris gibt man sich bedeckt: "Das ist ausschließlich eine Familien-Angelegenheit", so Pressesprecherin Guylaine Mercier auf derStandard.at-Anfrage, "wir wissen nicht einmal, ob sich Madame Bettencourt derzeit in Frankreich aufhält."

Brisante Tonbänder

Mittlerweile erreicht der Erbstreit einen neuen Tiefpunkt - die "Affäre Bettencourt" riecht stark nach politischem Skandal. Schuld ist offenbar der Butler. Der "maître d'hôtel" soll in den Privaträumen der Milliardärin über ein Jahr lang diskret sein Diktiergerät mitlaufen lassen und private Telefonate aufgezeichnet haben. Darin geht es um mögliche Steuerhinterziehung, um Geldkonten-Transfers (in Höhe von 80 Millionen Euro) von der Schweiz nach Singapur und Hongkong. Pikantes Detail: Auf den Bändern, die der französische Internetdienst Mediapart in Auszügen veröffentlichte, fallen reihenweise Namen französischer Spitzenpolitiker. Gemunkelt wird, dass Bettencourt-Meyers den Auftrag zu dem Lauschangriff erteilte. Liliane Bettencourt in Le Monde: "Es gab in der Vergangenheit schon häufiger Abhörskandale. Aber zwischen einer Mutter und einer Tochter - das ist traurig."

Traurig und ernst genug, um zum Gegenschlag auszuholen. Seit die Aufzeichnungen der Polizei übergeben wurden, sorgen diese für politischen Sprengstoff. Und: Mutter klagt Tochter.

Bettencourt soll führende UMP-Politiker, darunter Nicolas Sarkozy und Arbeitsminister Eric Woerth, mit großzügigen Spenden unterstützt haben. So weit, so legal. Noch ist nichts bewiesen, doch erhärtet sich der Verdacht laut Mediapart, dass Woerth in seiner Zeit als Budgetminister Bettencourt sehr nahe stand und ihre Steuerflucht begünstigte. Ausführende Kraft war die Ehefrau des Ministers, Florence Woerth, von 2007 bis Anfang 2010 Angestellte der Holding Clymène, die das immense Vermögen von Liliane Bettencourt verwaltete. "Saubermann" Woerth kommt zunehmend in Bedrängnis. Die Grünen fordern bereits den Rücktritt des einstigen "Jägers der Steueroasen", die Linksopposition verlangt Aufklärung, Woerth selbst droht - richtig - mit Klage. Die Justiz hingegen lässt den Politiker bislang ungeschoren. Ganz untätig bleibt sie jedoch nicht. Sie klagt den Butler wegen Verletzung der Privatsphäre. Bettencourt selbst erinnert sich mittlerweile wieder an ihr altes Konto und räumt ein, es "steuerlich in Ordnung zu bringen".

Und Staatschef Sarkozy? Auf den Tonbändern kommt ein Bettencourt-Vertrauter zu Wort. Bei einem Besuch im Elysée-Palast soll ihm der Präsidialberater versichert haben, Sarkozy kenne den für den Bettencourt-Prozess zuständigen Staatsanwalt "sehr, sehr gut". Dieser werde bei dem Prozess gegen Banier "schon nach dem Rechten sehen".

Liliane Bettencourt selbst geht kaum an die Öffentlichkeit. Dem Figaro gab sie letzten Monat eines ihrer raren Interviews. Darin erklärt sie: "Reich zu sein, ist eine Chance. Wer zu viel Vermögen kommt, muss auch gerne geben - einfach, ohne Hintergedanken, ohne zu kalkulieren, ohne auf Rückgabe zu warten."

Ein Ende der Familienfehde ist nicht in Sicht. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 22.6.2010)

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    Liliane Bettencourt vermachte ihrem alten Freund François-Marie Banier fast eine Milliarde Euro. Die erboste Tochter klagte, die Mutter auch. Jetzt verfängt sich auch Frankreichs Politik im Strudel der L'Oréal-Fehde.

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    Der Milliarden-Begünstigte Banier vor einer Fotografie des irischen Nobelpreisträgers Samuel Beckett.

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    Frankreichs Arbeitsminister Eric Woerth (im Bild mit Ehefrau Florence) - zwischenzeitlich bereits als künftiger Premierminister gehandelt - kommt durch die "Affaire Bettencourt" in Erklärungsnot.

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