Einfacher Anschein: Abbas Kiarostami

22. Juni 2010, 12:18
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Zum 70. Geburtstag des iranischen Regisseurs mit weltweiter Bedeutung - Die Einfachheit seines filmischen Werkes trügt

Unterm Schah wie den Mullahs hat Abbas Kiarostami, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, Filme gedreht. Von den großen iranischen Regisseuren seiner Generation (neben ihm etwa noch, sicher kaum weniger wichtig, Darius Mehrjui und Bahram Beizai) hat er als einziger im Westen den Durchbruch zum Regisseur mit weltweiter Festivalbedeutung geschafft. Das hat sicher viel mit dem Anschein der Einfachheit seines Werkes zu tun. Diese Einfachheit wandelt sich und vom ersten Moment an trügt der Schein.

Seine ersten Kurzfilme dreht er im Staatsauftrag, für das von der Frau des Schahs ins Leben gerufene "Institut für die geistige Entwicklung von Kindern und Jugendlichen". Das Werk dieser ersten Phase scheint - und ist keineswegs - einfach didaktisch. Hier ganz exemplarisch die wunderbare Friedensstiftungsetüde "Zwei Lösungen für ein Problem", vier hinreißende Minuten, die sichtlich an den Tit-for-Tat-Slapstick-Komödien des Stummfilms geschult sind:

Es entstehen in den Siebzigern erste Spielfilme. Kiarostami bleibt auch nach der Revolution im Iran und dreht weitere, den Anschein des Politischen vermeidende Filme. Als erstes Hauptwerk gilt dann aber "Close-Up" aus dem Jahr 1990. Neorealistisch sieht der Film - wie die weiteren Filme der Neunziger - auf den ersten Blick aus. Nur zieht Kiarostami fast unbemerkt die eine und andere Reflexionsebene ein.

Erzählt wird von einem Mann, der sich erfolgreich als der berühmte Filmregisseur Mohsen Makhmalbaf ausgab. Dies ist wirklich geschehen und Kiarostami bringt die Grenze zwischen Realität und Fiktion dadurch ins Wanken, dass er den Hochstapler und sogar seine Richter sich selbst spielen lässt. Am Ende tritt dann gar Makhmalbaf selbst auf. Ein Filmteam im Film filmt seine Begegnung mit dem betrügerischen Wiedergänger seiner selbst:

Die Preise des Westens erhielt der Filmemacher aus Persien dann in den Neunzigern mit seiner Trilogie über die iranische Provinz, "Wo ist das Haus meines Freundes", "Und das Leben geht weiter" und "Quer durch den Olivenhain". Wieder scheint alles zunächst einfach und ist auf den zweiten Blick in der Vermischung von Realem und Erfundenem sehr raffiniert. Anders als andere Regisseure von Weltruhm hat Kiarostami immer weiter experimentiert.

Indem er etwa in "Ten" eine Digitalkamera in eine Auto montierte und nichts weiter zeigte als Gäste einer Taxifahrerin in Teheran. "Five" verzichtet ganz aufs Erzählen einer Geschichte und suchte eine eher lyrische Form für das Kino. Auch "Shirin" wurde von vielen als Experimentalfilm begriffen. Man sieht darin nichts als Großaufnahmen von Frauengesichtern im Kino. Sie sehen einen Film, der nicht existiert. Für den in diesem Jahr in Cannes gezeigten "Copie Conforme" hat Kiarostami, der auf explizite politische Aussagen lange verzichtet hat, dann erstmals seine Heimat verlassen. Schauplatz des Films, der eine Liebesgeschichte als Vexierspiel erzählt, ist die Toskana. Hauptdarstellerin Juliette Binoche hatte der Regisseur bereits unter sein weibliches Publikum in "Shirin" geschmuggelt. In diesem Ausschnitt aus "Shirin" ist sie allerdings nicht im Bild:

Und hier noch ein sehr instruktives Interview (mit englischen Untertiteln), in dem Abbas Kiarostami erklärt, was das Kino für ihn ist - und was nicht:

(Ekkehard Knörer, 22.06.2010)

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    Abbas Kiarostami feiert seinen 70. Geburtstag.

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