Luisas Kinder

21. Juni 2010, 19:51
72 Postings

Nicht dass in den USA Zuwanderer und Einheimische keine Schwierigkeiten haben, aber man weiß dort, was menschliches Potenzial heißt und dass es zu den kostbarsten Gütern gehört, über die eine Gesellschaft verfügt

Während des Hin und Her rund um Arigona Zogaj musste ich immer wieder an Luisa und ihre Kinder denken. Luisa ist Mexikanerin, vor Jahren illegal in die USA eingewandert, wo sie seither mit ihrer Familie lebt. Genauso wie die Zogajs. Der Unterschied: Luisas zwei Älteste studieren mit Begabtenstipendien an der New Yorker Columbia Universität.

Luisa ist Haushälterin bei einem jungen berufstätigen Ehepaar. Sie kann immer noch nicht gut Englisch, aber sie putzt und kocht und schaut auf die Kinder. Alle lieben sie. Als Luisas Tochter, während ich zu Besuch bin, einmal ihre Mutter abholen kommt, lerne ich eine blitzgescheite und selbstbewusste junge Amerikanerin kennen. Es ist sofort klar, dass sie es einmal weit bringen wird.

Maria versteht sich als Hispanic American, gleichermaßen zu Hause in der nordamerikanischen wie in der mexikanischen Kultur. Integration? Migrationshintergrund? Überhaupt kein Thema. Nicht dass in den USA Zuwanderer und Einheimische keine Schwierigkeiten haben, aber man weiß dort, was menschliches Potenzial heißt und dass es zu den kostbarsten Gütern gehört, über die eine Gesellschaft verfügt. Begabungen werden gesucht, erkannt und gefördert. Und niemand wundert sich, dass viele der eindrucksvollsten Leistungsträger im Lande, vom Filmstar bis zum Nobelpreis-Wissenschafter, aus dem Immigrantenmilieu kommen. Hier sprudelt die Quelle, die den USA ihre Vormachtstellung auf vielen Gebieten gebracht hat.

In der Blütezeit der österreichischen und insbesondere der Wiener Kultur um 1900 war es übrigens nicht anders. Die Liste der zugewanderten Schriftsteller, Künstler, Wissenschafter, Wirtschaftsgrößen, die aus den Kronländern der Monarchie nach Wien geströmt waren, ist lang und glanzvoll. Und sogar heute, trotz aller Hürden, machen zugewanderte Talente in der Kulturszene von sich reden, allein in der Literatur etwa Radek Knapp, Ilija Trojanow und Dimitré Dinev. Bei den Musikern ist ihr Anteil noch viel größer.

Aber wie viele Begabungen haben wir abgeschoben oder gar nicht erst hereingelassen? Wer interessiert sich für die Qualitäten, die Asylwerber möglicherweise mitbringen? Die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen kennen viele Geschichten abgeschobener Familien, deren Kinder trotz fremder Muttersprache die Besten in der Schule waren. Als etablierte Schlüsselkräfte würden wir sie ja nehmen. Aber Leute, die das Zeug zu Schlüsselkräften hätten und gern nach Österreich kämen oder auch schon da sind, haben keine Chance.

Wir sind eine alternde Gesellschaft. Wir brauchen junge Leute. Wir brauchen auch Menschen, die bewiesen haben, dass sie Schwierigkeiten überwinden, Neues wagen und sich trotz Widrigkeiten durchsetzen können. Möglicherweise Menschen wie Arigona Zogaj. Ihr Fall wirft nicht nur ein grelles Schlaglicht auf unsere nicht vorhandene Zuwanderungspolitik, sondern auch auf unsere Prioritäten. Wie es sein könnte, zeigt das Beispiel von Luisas Kindern in den USA. Wie es nicht sein sollte, das Beispiel von Mutter Zogajs Kindern in Österreich. (Barbara Coudenhove-Kalergi/DER STANDARD-Printausgabe, 22.6.2010)

Share if you care.