Zwillinge auf Irrwegen

21. Juni 2010, 19:50
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Israel und die Türkei könnten von den Fehlern des anderen viel lernen

Es wäre ein Treppenwitz der Geschichte, wenn es nicht so tragisch wäre: Die Türkei, die sich gerade erst im Gaza-Konflikt als Vorkämpferin für die Rechte unterdrückter Völker und gegen den Einsatz staatlicher Gewalt hochstilisiert hat, findet sich selbst in der Rolle des brutalen Unterdrückers gegen eine militante Befreiungsbewegung wieder. Die gleiche Regierung, deren Außenminister den Israelis noch "Wir erlauben niemandem, unsere Bürger zu töten" ausgerichtet hat, droht jetzt den kurdischen PKK-Kämpfern, die meist türkische Staatsbürger sind: "Sie werden in ihrem eigenen Blut ertrinken."

Die Ironie dieses zeitlichen Zusammentreffens wird auch den Israelis nicht verborgen bleiben. Sie sehen sich in ihrer Ansicht gestärkt, dass sie zu Unrecht an den internationalen Pranger gestellt werden, und fragen zu Recht, warum sich Europas Intellektuelle nicht über die Türkei empören.

Tatsächlich hat der Türkei schon vor der Eskalation mit der PKK jede Glaubwürdigkeit als Hüterin der Menschenrechte gefehlt. Dennoch ist die Aufrechnung von einem - echten oder angeblichen - Unrecht mit einem anderen sinnlos. Viel interessanter ist es, sich die Parallelen zwischen den beiden Staaten und ihrem Umgang mit langlebigen ethnischen Aufständen vor Augen zu führen. Israel und die Türkei sind einander viel ähnlicher, als sie es je zugeben würden.

Beide sind westlich orientierte, säkulare Demokratien mit einem wachsenden religiösen Segment und einem starken, aber oft zu selbstbewussten Militär. Beide sind in Konflikte verwickelt, die, objektiv gesehen, leicht zu lösen wären - Kurdenautonomie in der Türkei, Zweistaatenlösung für Israel/Palästina -, aber einer Lösung nicht näherkommen.

Schuld daran sind einerseits die Militanz und Intransigenz der Gegner - PKK und Hamas stehen einander darin in nichts nach -, andererseits die Hardliner im eigenen Lager, die Kompromisse mit allen Mitteln bekämpfen: die Kemalisten in der türkischen Armee und der Justiz, die Siedlerlobby in Israel.

Beide Staaten sind militärisch kaum verwundbar, aber leiden unter irrationalen und nur historisch erklärbaren Ängsten: Die Türkei fürchtet den Zerfall, Israel die Zerstörung der Heimat. Und in beiden spielt die öffentliche Meinung eine unglückliche Rolle: Grundsätzlich friedensbereit, verlangt sie bei jeder Provokation des Gegners sofort nach harter Vergeltung. Unter diesen Umständen fällt es selbst gemäßigten Politikern schwer, vernünftige Friedenslösungen zu verfolgen.

Und da ist abseits aller moralischen Fragen das Dilemma für die Türkei und für Israel: Ihre kurzsichtigen, oft innenpolitisch motivierten Vorgangsweisen schaden der eigenen Sicherheit und den nationalen Interessen mehr als alles, was ihnen andere antun. Die Türkei verbaut sich durch die anhaltende Unterdrückung der Kurden den Weg nach Europa und schafft sich in der eigenen Gesellschaft Konflikte, die nicht notwendig wären. Und Israel schwächt durch seine Politik der Härte seine potenziellen Verhandlungspartner und stärkt jene Kräfte, die den jüdischen Staat vernichten wollen. Die internationale Isolation verstärkt bei beiden die selbstzerstörerischen Tendenzen noch mehr.

Eine neue Allianz zwischen Israel und der Türkei könnte daher der ganzen Region nützen: nicht eine der Militärs, sondern der politischen Pragmatiker, die in den Irrwegen des anderen die eigenen Fehler erkennen. (Eric Frey/DER STANDARD, Printausgabe, 22.6.2010)

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