Diplomatie im Samba-Rhythmus

21. Juni 2010, 19:05
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Brasilien möchte seine weltpolitische Rolle zementieren

"Brasilien ist das Land der Zukunft - und wird es immer bleiben." Mit diesem Spruch, einer Paraphrase auf einen Romantitel des Schriftstellers Stefan Zweig, machten sich die Brasilianer lange über die Ambitionen ihrer Politiker lustig.

Nun ist die Zukunft Brasiliens endlich gekommen, zumindest wenn man den Worten von Außenminister Celso Amorim Glauben schenken kann. Erstmals erhebt sich das Land zum Spieler auf der Bühne der Weltpolitik.

Der Motor Lateinamerikas

Das zeigt sich schon in den Beziehungen zu den Nachbarn. Als ein Staatsstreich in Honduras dort Präsident Manuel Zelaya des Amtes enthob, bot ihm just die brasilianischen Botschaft in Tegucigalpa Unterschlupf. Von dort aus machte er wochenlang weiter seinen Anspruch auf die Präsidentschaft geltend.

Als die vom Militär gestützte Regierung von Porfirio Lobo einige Monate später bei dem Lateinamerika-EU-Gipfel in Madrid als legitime Regierung von Honduras auftreten wollte, waren es die Diplomaten Brasiliens und Argentiniens, die mit Boykott drohten. Spanien als EU-Ratsvorsitzender blieb nichts anderes übrig, als Honduras auszuladen.

Ähnlich selbstverständlich tritt Brasilien auf, wenn es in anderen Staaten der Region Probleme zu regeln gibt. Brasilien vermittelte nach beiderseitigem Säbelrasseln zwischen Kolumbien und Venezuela, und übernahm eine wichtige Rolle in der UN-Mission Minustah in Haiti. Dort führten brasilianische Kommandanten die Blauhelmtruppen an. Das brasilianische Militär stellte knapp 1.300 der rund 12.000 Soldaten dort.

Das neue Gewicht Brasiliens in der internationalen Diplomatie lässt sich auch in Zahlen ausdrücken. Seit dem Amtsantritt von Präsident Luis Inacío "Lula" da Silva im Jahr 2003 eröffnete Brasilien 65 neue Botschaften auf der Welt, darunter in Nordkorea, und in vielen Staaten Westafrikas.

Neu ist auch Brasiliens Interesse an dem Nahen Osten. Gemeinsam mit der Türkei verhandelte Brasilien mit dem Iran die Teheran-Deklaration aus, die als Grundlage für Verhandlungen über Irans Atomprogramm dienen soll. Im März 2010 besuchten Lula und Außenminister Amorim Israel - die erste Visite eines brasilianischen Staatschefs in der Region seit einer Reise von Brasiliens Kaiser Dom Pedro II. im Jahre 1876.

Auch militärisch rüstet Brasilien auf. In der letzten Dekade erhöhte das Land seinen Militäretat um ein Drittel auf 17,3 Milliarden Euro. Auch gibt es über angebliche nukleare Ambitionen. Mit einer neuen Konversionsanlage beherrscht Brasilien sein heuer den vollständigen nuklearen Brennstoffkreislauf und ist somit in der Lage, selbst Uran anzureichern.

Viele Kommentatoren deuten die offensive Außenpolitik der Brasilianer als ein Mittel, um ihren Anspruch auf einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat geltend zu machen. Von diesem Sitz aus könnte Brasilien seinen Einfluss auf das weltpolitische Geschehen weit über die Amtszeit Lulas institutionalisieren. (fan/DER STANDARD, Printausgabe, 22.6.2010)

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