Aufstrebende Macht Brasilien

"Wir wollen keine Ja-Sager werden"

21. Juni 2010 18:50
  • Artikelbild
    Foto: standard/cremer

    Zur Person
    Celso Amorim (68) besuchte nach einem Studium in Brasília von 1966 an die Diplomatische Akademie in Wien. Nach einer Karriere an der Universität wurde er 1987 als Staatssekretär für Forschung bestellt. Später war er Botschafter bei der Uno und in Großbritannien. Mitte der 1990er-Jahre war er Außenminister, seit 2003 ist Amorim es wieder.

Außenminister Celso Amorim im STANDARD-Interview über das Abkommen mit Iran und Brasilias weltpolitische Ambitionen

Außenminister Celso Amorim verteidigt das brasilianisch-türkische Abkommen zur Lösung des Atomstreits mit dem Iran. Jetzt müssten andere zeigen, dass die eben beschlossenen Sanktionen der bessere Weg seien, sagte er zu Alexander Fanta und Christoph Prantner.

*****

STANDARD: Die Veto-Mächte und auch Österreich haben im Sicherheitsrat für neue Sanktionen gegen den Iran gestimmt. Ein Fehler?

Amorim: Die Geschichte wird es zeigen. Wir haben im Mai eine Abmachung mit Teheran vorgeschlagen, die von einigen, wenn nicht allen Vetomächten gefördert wurde. Wir konnten uns nicht erst dazu ermutigen lassen und dann selbst dagegen stimmen. Abgesehen davon bin ich sehr skeptisch, dass die Sanktionen jenen Effekt haben werden, der von ihren Befürwortern erwartet wird.

STANDARD: Experten sagen, dass die Vereinbarung zwischen Brasilien, der Türkei und dem Iran andererseits von veralteten Berechnungen ausging. Teheran wäre noch immer genügend Uran geblieben, um eine Atombombe zu bauen.

Amorim: Wir haben nie gesagt, dass das Gegenteil der Fall sein würde. Das Abkommen war zur Vertrauensbildung gedacht. Es wurde im Oktober von den Vetomächten begrüßt und vom Ex-IAEO-Chef Mohammed ElBaradei gutgeheißen. Wer könnte ein besserer Zeuge dafür sein als er? Natürlich bleiben damit noch immer viele Fragen offen. Aber: Vertrauensbildung ist Vertrauensbildung. Es ging ja nicht darum alle Fragen zu lösen, sondern weiter zu verhandeln.

STANDARD: Sie haben Ende der 1990er-Jahre als UN-Botschafter Brasiliens im Sicherheitsrat intensiv über Sanktionen für angebliche Massenvernichtungswaffen im Irak mitverhandelt. Wird der Atomstreit mit dem Iran einen ähnlich unrühmlichen Weg nehmen?

Amorim: Aus der Irakfrage haben wir Folgendes gelernt: Man darf nicht so naiv sein, anzunehmen, dass die Menschen nicht alles machen, was sie auf diesem Sektor auch machen können. Aber man darf auch nicht so naiv sein, alles zu glauben, was einem die Geheimdienste sagen. Jeder hat angenommen, dass Saddam Hussein große Bestände an chemischen Waffen hat. Es hat 200.000 Tote gebraucht, um das Gegenteil zu beweisen. Wir müssen all die Informationen, dass Iran ein nuklear bewaffneter Staat werden wird, mit Skepsis betrachten. Die beste Garantie, dem vorzubeugen, ist, Atominspektoren im Land zu haben. Unser Abkommen hätte diese Kooperation gestärkt. Jetzt ist es an anderen zu zeigen, dass Sanktionen der bessere Weg sind.

STANDARD: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es demnächst einen israelischen Angriff auf Irans Atomanlagen gibt?

Amorim: Das wäre schierer Wahnsinn. Ich glaube nicht, dass das unmittelbar bevor steht. Israel hat wichtige Verbündete, die für Stabilität im Nahen Osten sorgen müssen.

STANDARD: Es ist nett, wenn Sie den Iranern trauen ...

Amorim: Aber es geht doch gar nicht darum, Teheran zu trauen. Es geht um Benchmarks, die gesetzt und eingehalten werden müssen. Wenn Iran bereit ist, 1200 Kilo Uran in die Türkei zu transferieren, heißt das etwas.

STANDARD: Dennoch: Präsident Ahmadi-Nejad will Israel von der Landkarte tilgen.

Amorim: Wir weisen solche Aussagen zurück. Und er hat sich damit zuletzt auch sehr zurückgehalten. Man kann sich am besten davor schützen, dass solche Rhetorik Wirklichkeit wird, indem man Verhandlungen führt.

STANDARD: Präsident Lula hat nach der Niederschlagung der Studentenproteste 2009 gesagt, diese würden vom ,Heulen der Verlierer‘ begleitet. Brasilien ist sehr zurückhaltend in seinen Statements gegenüber Teheran. Warum eigentlich?

Amorim: Ich interpretiere nicht, was der Präsident sagt. Mir ist wichtig, dass es keine Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Landes gibt. Das hilft nicht. Wenn es um Menschenrechte oder die humanitäre Situation irgendwo geht, ziehen wir es vor, das in aller Stille zu erledigen. Es gibt Situationen, in denen eine Verurteilung der einzige Ausweg ist. Aber das ist nicht immer zielführend.

STANDARD: Es gibt Gerüchte über ein brasilianisches Atomwaffenprogramm.

Amorim: Diese sind unfundiert. Wir haben Inspektoren der IAEO in unseren Anlagen. Manchmal sehen die Leute Gespenster. Manchmal sind die Leute auch interessiert daran, Gespenster zu sehen, um ihre Politik damit zu begründen. Brasilien ist eine sich entwickelnde Weltmacht und wird immer wichtiger für den Welthandel. Es gibt heute keine Handelsgespräche, an denen Brasilien nicht teilnimmt. Das gleiche gilt für die Finanzmärkte. Wir helfen heute Europa dabei, Griechenland zu stützen. Man will etwas finden, um uns aus den wesentlichen Gremien wie dem Weltsicherheitsrat draußen zu halten.

STANDARD: Wird es mit guten Kontakten zu Iran und Kuba leichter, einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat zu erhalten?

Amorim: Wir wollen nicht durch Bestechung in den Sicherheitsrat aufgenommen werden. Wenn wir für einen Sitz im Sicherheitsrat unsere Meinung und Sicht der Welt aufgeben müssen, dann sollten wir davon Abstand nehmen. Dieser Meinung bin sowohl ich, als auch Präsident Lula. Wir wollen keine Ja-Sager werden. Wir wollen konstruktiv tätig sein.

STANDARD: Brasiliens Aufstieg ist eng mit einem freundschaftlichen Verhältnis zu autoritären Regimen verknüpft. Warum, Brasilien ist ja auch so ein Faktor der Weltpolitik?

Amorim: Ich weiß nicht, was Sie mit "guter Freund" meinen. Was im Iran interessiert hat, ist weniger, dem Iran zu helfen, sondern dem Weltfrieden. Wir waren auch im Irak keine Freunde von Saddam. Wir dachten nur nicht, dass die endgültige Lösung eine gute war. Wir wollten eine gute Lösung. Auch heute sagen viele: Warum konfrontiert ihr diese Länder nicht mehr? Die Frage ist nicht, ob man befreundet ist mit diesen Ländern, es geht darum, diese Ländern nicht zu isolieren. Isolation und Anschuldigungen mögen in der öffentlichen Meinung gut rüberkommen, aber sie lösen nicht die Probleme der Welt. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.6.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 38
1 2
Anfares
13.08.2010 09:52
...

das interview ist ja eine frechheit! haben sie die zwei reporter von den FOX-News ausgeliehen?

A_Schläsinger_vu_Brassel
10.07.2010 22:46

Ich bin mir dessen bewusst, dass es mittlerweile unter bestimmten Kreisen zum guten Tone gehört, gegen sämtliche Industrienationen zu schimpfen, und vielmehr Ländern wie Brasilien im Kampfe gegen die "bösen" Europäer und Nordamerikaner einen Persilschein auszustellen; dass allerdings auch aufstrebende Mächte wie Brasilien eben eine ist keinerlei Skrupel kennen, zeiget unter anderem die Weigerung Amorims, von Handelspartnern die Einhaltung der Menschenrechte einzufordern.

Nachzulesen unter anderem hier:
http://www.bbc.co.uk/portugues... u_aw.shtml

PS: Ist auch zu verstehen, wenn man kein Portugiesisch kann (aber andere romanische Zungen) :D

dr. kokos
 
19.07.2010 13:40

ja und?

geschäft ist geschäft. er spricht es aus und steht dazu, während alle anderen es unter dem tisch genauso machen, über dem tisch aber scheinheilige verurteilungen aussprechen.

warum verurteilen aber die usa nicht saudi-arabien, eines der autoritärsten und unfreiesten regime der welt?

A_Schläsinger_vu_Brassel
12.08.2010 20:09

Von den USA erwarte ich mir sowieso nichts mehr bezüglich Moral oder Ethik oder anderen humanen Werten.

Papageninho
17.07.2010 20:10
o exemplo “tem muito mais força que a pregação moralista”.

Ist das nicht ein kluger und wahrer Ausspruch?

Wird die Welt nicht viel eher verbessert durch gute Beispiele als durch die selbstgerechten, moralisierenden Prediger, die die Menschenrechte nur einfordern (aber was geben?)

Das Böse wird durch Gnade und nicht durch Hölle ausgerottet.

Papageninho
26.06.2010 14:15
@Standard: warum lügen?

Der Standard:"Dennoch: Präsident Ahmadi-Nejad will Israel von der Landkarte tilgen."

Dieser Satz ist eine bewusste Lüge wider besseres Wissen. Dass es nur ein Übersetzungsfehler sei, ist eine Verharmlosung. Es ist eine bewusste Fälschung dessen, was Ahamadi Nejad tatsächlich gesagt hat.

@Standard: Warum tun Sie das? Einen Übersetzer für Farsi und die Quelle zu finden sollte sogar im Urwald von Wien möglich sein.

Bewusstes Lügen ist kriegstreiberisch!

Alkolix
22.06.2010 11:46
war das nicht ein übersetzungsfehler

mit dem israel von der landkarte fegen?

ProEvo84
23.06.2010 13:10

War es - und an den konsequenten Weiterbenutzung
der falschen Übersetzung, nur weil sie sich besser vermarkten lässt, erkennt man die wahren "Qualitätsjournalisten".
Ich glaube die Süddeutsche war eine der wenigen Zeitungen die das richtig gestellt haben.

ProEvo84
23.06.2010 13:34
@Standard

Hier der Link dazu:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/um... z-1.287333

Manchmal gehört zum Journalismus halt mehr als nur
APA und Reuters zu zitieren.

Brücke
22.06.2010 12:09

Was interessieren Ideologen Übersetzungsfehler !

Übersetzungsfehler , VTs oder auch Powerpoint Präsentationen und PR Zusendungen sind das A&O des modernen Qualitätsjournalismus .

Ch.P . ist ein Idealtypus des modernen Qualitätsjournalismus .

TeddyK
22.06.2010 11:00
Land of the future

Auf der DA, seiner Alma Mater, schwelgte Celso Amorim in Gedanken über seine Jugendzeit in Wien. Im Hinblick auf die Gegenwart sprach er auch über die Teheran Declaration und die Unwirksamkeit von Sanktionen gegenüber dem Iran.

Video auf etalks.tv: http://etalks.tv/blog/2010... nal-order/

Papageninho
22.06.2010 23:01
irgendwann geht die Zukunft an!

Es hat lange gedauert, bis Stefan Zweigs Buchtitel Gestalt angenommen hat. Aber die Zukunft währt laaaaaang.

Es ist wunderbar, diesem Sr. Amorim zuzuhören und es ist ein Trauerspiel, dass sich sowenige, wie auch unsere österreichische Delegation im Sicherheitsrat nicht seiner -oder der brasilianischen-Denkweise anschliessen können. Aber die Zukunft beginnt ja gerade erst.
Umdenken tut ja nicht weh und Gesicht gibt es da keines zu verlieren.
(Danke für den link!)

Sanktionen provozieren immer ein "Jetzt erst recht!"

tony bennett
22.06.2010 13:04
Irans Atomprogramm...

In dem Vortrag ist ja spannend zu hören, wie wenig die Westmächte bereit waren, sich mit dem Ergebnis der Verhandlungen zw. Türkei, Brasilien und Iran auseinanderzusetzen, bzw. diesem entgegenzuwirken, um doch Sanktionen zu verhängen und die Türkei und Brasilien aus den Entscheidungen im Sicherheitsrat rauszuhalten....

Radi Ator
22.06.2010 09:25
dem molterer

sein bruder ist in brasilien?

Gastposter1
22.06.2010 11:11
dem sein Freund

Das Dativ ist dem Genitiv sein Feind.

Oder dem Lula sein Freund ist mein Feind... oder doch umgekehrt?



Sorry, nicht bös gemeint, kam mir nur so in den Sinn.... irgendwie passt´s vielleicht.

Und sonst bitte nicht bös sein;-)

Gary Grantscherbn
22.06.2010 10:25

Bruder? Das ist er doch selbst. Neue Identität. Abgetaucht nach Brasilien. Willi "Corcovado" Molterer.

papst benedikt
22.06.2010 09:22

würde strache arigona zogaj interviewen, käme wohl ein ähnlich objektives elaborat dabei heraus. ich gratuliere recht herzlich, - leider ist ihnen die fähigkeit zur scham schon lange abhanden gekommen, sonst gäbe es hier einmal mehr gelegenheit, sie anzuwenden...

catfish eyes
22.06.2010 10:58

In diesem Fall ist's gar nicht schlecht. Der charakterlich offensichtlich miese Reporter verkörpert optimal die imperialistische Sicht des "Westens" (ja, leider noch immer!) und gibt der brasilianischen Vernunft Gelegenheit, den Kontrast zwischen beiden Denkmustern klar darzustellen.

dr. kokos
 
19.07.2010 14:06

dafür hat er aber ein paar peinliche tätschn von amorim abgekriegt. genieren tät ich mich.

catfish eyes
19.07.2010 14:32

ich auch

Gastposter1
22.06.2010 08:19
Aufschlussreicher

Wohl auch, weil die Fragen besser gestellt wurden, ist dieses Interview in der Presse aufschlussreicher.

http://diepresse.com/home/poli... e/index.do


Und auch sehr aufschlussreich:

Das Telefonat von Frau Clinton - auch wenn es vielleicht nur ein langes Schweigen war? - kennt man offenbar und und spricht es im Interview an.

Doch egal, ein Telefonat der Frau Clinton macht einen Brief des Präsidenten Obama natürlich vollkommen unwichtig!?

Ich nehme an, dies ist Brief von Obama an Lula, der im oben verlinkten Interview gemeint ist.

http://www.politicaexterna.com/archives/... z0pYKL1ZxK

Milchleber
22.06.2010 09:53

danke für die interessanten Links

Peter Pummel
 
22.06.2010 00:07
Nicht immer zur USA POlitik JA sagen

Dazu gehört das bisserl Mut, nicht auswärts denken zu lassen. Dieser Mut ist traurigerweise bei den westlichen Politikern eine sehr rare Erscheinung. Traurig deshalb, weil man meinen könnte, die Schulbildung in diesen Ländern wäre dem selbstständigen Denken förderlich. Dem ist offensichtlich nicht so. Das erklärt mir auch den erstaunlichen Aufstieg Chinas. Unterwürfiges Verhalten und gleichgeschaltete Meinung sind da wie dort gute Voraussetzungen für einen wirtschaftlichen Aufschwung, was zu beweisen war.

Faribors Marktanner
22.06.2010 11:24
Nicht immer zur USA POlitik JA sagen

meinet sei mir sollet unsere Bubbele aus Afghanistan Heim holet?

das liebe urmili
21.06.2010 22:55

sehr kluge Aussagen/Antworten und sehr dämliche und tendenziöse Fragen....

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 38
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.