Tag des Schweigens

21. Juni 2010, 18:43
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Welche Veranstaltung unbedingt versäumt werden muss

Es gibt Veranstaltungen, die muss man einfach versäumt haben. Zum Beispiel den zweiten Schiedsrichtertag der Fifa in Pretoria (galt für den ersten selbstverständlich auch). Man hätte die WM-Schiris am Montag im Sammelquartier (kein schäbiges Gewerkschaftsheim mit Schlafsälen, sondern ein richtiges Hotel mit Einzelzimmern) besuchen können. Allerdings durften sie zwei Stunden lang nicht reden, sondern nur atmen und schauen.

Die Fifa hatte ihnen strengstens untersagt, sowohl die eigenen Entscheidungen als auch jene der Kollegen zu kommentieren. Warum haben Sie jene rote Karte gezeigt, weshalb diesen Elfer gegeben, wieso, Herr Stéphane Lannoy, haben Sie das doppelte Handspiel von Luís Fabiano übersehen, das war ein absolutes Pfui. Ein "Grüß Gott, Herr Journalist" zog aber noch kein achtjähriges Berufsverbot nach sich, ein Hoch auf die Liberalität. Als Höhepunkt wurde José María García Aranda aufgeboten, der ist bei der Fifa fürs Schiedsrichterwesen zuständig. Er durfte den Mund aufmachen, allerdings betonte man bereits Tage vor dem ultimativen Showdown, dass auch Aranda seine Untertanen weder loben noch tadeln wird. Jeder Pfiff und Nichtpfiff muss ein Tabu bleiben.

Die Frage an Aranda, ob er wirklich glaubt, dass Erde und Ball rund sind, soll gestattet gewesen sein. Immerhin wurden jene Schiedsrichter, die im Matcheinsatz waren und deshalb in Pretoria nicht schweigen konnten, entschuldigt. Es soll eine Super-veranstaltung gewesen sein.

Man geht ja auch zum Bäcker, um kein Brot zu kaufen. Oder zum Urologen, um die Prostata nicht untersuchen zu lassen. Es ist übrigens noch ein dritter Schiedsrichtertag geplant.(Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe 22.06.2010)

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