Kirche fürchtet heuer 80.000 Austritte

21. Juni 2010, 18:28
364 Postings

Das Sommertreffen der Bischöfe in Mariazell verspricht Brisanz, konkrete Reformschritte sind aber zu erwarten

Wien/Mariazell - Eigentlich ist es ein turnusmäßiges Treffen, zu dem sich die österreichischen Bischöfe derzeit in Mariazell zusammengefunden haben. Und doch ist man in den Reihen des Episkopats dieser Tage fernab jeglicher klerikaler Routine. Dafür wiegt die "Last", mit der die heimischen Oberhirten am Montag zu ihrer Sommervollversammlung in den steirischen Wallfahrtsort pilgerten, zu schwer. Zahlreiche Missbrauchfälle in kirchlichen Einrichtungen haben das Vertrauen der Katholiken in die römisch-katholische Kirche schwer erschüttert. Die Folge dürfte ein neuer Rekord an Kirchenaustritten sein. Selbst in den eigenen Reihen stellt man sich bereits auf einen entsprechenden Abgang ein. Es sei nicht unrealistisch, dass bis zu 80.000 Menschen die katholische Kirche in diesem Jahr verlassen werden, befürchtet etwa der Leiter der Kirchenbeitragsstelle der Erzdiözese Wien, Josef Weiss, am Montag im Ö1-Morgenjournal. Vor diesem Hintergrund gilt es nun in Mariazell entsprechende Wege aus der Krise zu finden.

Einheitliche Standards

Leitfaden dafür ist jenes - gut 100 Seiten starke - Grundlagenpapier, das unter Mitarbeit von rund 300 Experten in einer vom Wiener Generalvikar Franz Schuster geleiteten Projektgruppe in den letzten Monaten erarbeitet wurde und nun von den Bischöfen abgesegnet werden soll. "In seinen Eckpunkten sieht das Papier klare Richtlinien für alle kirchlichen Mitarbeiter inklusive der Orden zur Prävention sowie zum Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs und Gewalt vor", erläutert der Medienreferent der Bischofskonferenz, Paul Wuthe. Ziel sei eine österreichweite Standardisierung der Vorgehensweisen, so Wuthe.

Und auch wenn das klerikale Reformpapier - nach dem bischöflichen Sanktus künftig übrigens per Sanktionsandrohung verpflichtend für alle Diözesen - offiziell noch nicht vorliegt, sickerte bereits jetzt durch, dass sich die heimische Kirche damit eine deutlich schärfere Linie verordnet hat. Bei der Priesterausbildung "empfiehlt" die Projektgruppe verpflichtende, psychologische Tests in den Priesterseminaren. Beschlossen wurde weiters vor allem auch eine Anzeigepflicht für Kirchenmitarbeiter bei Verdachtsfällen von sexuellem Missbrauch.

Waltraud Klasnic geladen

Geladen ist bei der bischöflichen Versammlung in Mariazell - die erstmals gemeinsam mit der Slowenischen Bischofskonferenz stattfindet - auch die ehemalige steirische Landeshauptfrau Waltraud Klasnic. In ihrer Funktion als, von Kardinal Christoph Schönborn eingesetzte, Opferanwältin wird Klasnic den Bischöfen einen ersten Zwischenbericht vorlegen. Demnach hat sich die achtköpfige Klasnic-Kommission bereits 193 Fällen angenommen, fünf davon gelten als abgeschlossen. Bei zwei Dritteln sind Männer die Opfer. Im Bundesländervergleich führt Niederösterreich (zu dem große Teile der Erzdiözese Wien gehören) mit 32 bei der Opferanwaltschaft dokumentierten Fällen die Statistik an, dahinter liegt Wien mit 24 und Oberösterreich mit 23 Fällen.

Vonseiten der Plattform "Betroffene kirchlicher Gewalt" gab man Anfang Juni bekannt, dass derzeit 131 Betroffene rechtliche Schritte, von Aufforderungsschreiben bis hin zu Klagen auf Schadenersatz, gegen die Kirche planen. (Markus Rohrhofer/DER STANDARD-Printausgabe, 22.6.2010)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Waltraud Klasnic mit den Bischöfen Schönborn, Kothgasser und Küng in Mariazell: Bei der Bischofskonferenz legt die Opferbeauftragte für kirchliche Missbrauchsfälle ihren ersten Zwischenbericht vor.

    Share if you care.