Fekter schwimmt

21. Juni 2010, 18:15
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Bin ich ein schlechter Mensch, weil ich die Innenministerin ungestört sporteln lasse?

Die Kollegin aus der Menschenrechtsabteilung sagte nichts. Aber sie zog die Augenbraue hoch. Das genügt. Schließlich sitzen wir uns schon ein paar Jahre gegenüber: Dass ich Maria Fekter in der Früh nur zunicke, anstatt sie konkret, direkt und kritisch auf all das anzusprechen, worauf man verantwortliche Politiker gar nicht oft genug konkret, direkt und kritisch ansprechen soll, ist demnach nicht alles, was von einem kritisch denkenden, mündigen und wählenden Staatsbürger erwartet werden kann.

Ich sehe Frau Fekter nämlich regelmäßig vor dem Frühstück. Beim Schwimmen. Zwei- bis dreimal pro Wochen kreuzen sich unsere Bahnen nicht - weil die Innenministerin zum einen eine zivilisierte Geradeausschwimmerin ist und zum anderen auch gut sozialisiert dort paddelt, wo sie schnelleren Schwimmern nicht in die Quere kommt, langsamere aber auch nicht auf den Grund des Beckens pflügt. (Beides ist nicht selbstverständlich - und meist ein jeweils nach Geschlecht und Alter zuordenbarer Misstand. Egal.)

Lagen

Maria Fekter jedenfalls schwimmt regelmäßig und ausdauernd in der Früh ihre Längen. Etwa die Hälfte der Zeit Brust, die Hälfte Rücken. Mit (fleischfarbener oder rötlicher) Badehaube und Schwimmbrille - obwohl ich noch nie gesehen habe, dass sie die anderswo als auf der Stirn trägt: Der Kopf der Innenministerin bleibt beim Brustschwimmen über der Wasseroberfläche. Darum weiß ich auch, dass sie mir - ich komme meist erst, wenn sie schon im Wasser ist - ein zumindest angedeutetes "Guten Morgen" zunickt.

Manchmal schwimmen wir dann fast nebeneinander. Oder verschnaufen gleichzeitig. Und wenn die Ministerin nach dem Schwimmen in ihr Handtuch eingewickelt zu den Umkleidekabinen geht, winkt sie mir (und wenn ich zufällig was sehe, ich auch ihr) noch einmal höflich zu. Aber angesprochen habe ich sie noch nie.

Privatsphäre

Es käme mir auch gar nicht in den Sinn: Hin und wieder haben sogar Politiker das Recht, privat zu sein. Und da es Höflichkeit, Coach und das, was man am Wahlabend die "Demut gegenüber dem Wähler" nennt, gebieten, würde sie sich nicht mit "Sehen Sie nicht, dass ich Sport mache?" aus dem Dialog mit dem Bürger stehlen. Also lasse ich Frau Fekter aus drei Gründen in Ruhe schwimmen.

Erstens wegen meiner Kompetenz: Alles, was ich ihr an die Badehaube werfen könnte, kann die Ministerin aus dem kleinen Finger parieren. Zweitens wegen der Chancen: Wenn ich Frau Schottermizzi wirklich etwas fragen will, habe ich - im Gegensatz zu vielen anderen Bürgerinnen und Bürgern - qua Jobdescription tausend Möglichkeiten, das so zu machen, dass die Antwort nicht einfach zwischen zwei Lagen Rücken daherkommt. Drittens schätze ich mein Freizeitbudget: Nur um ein Statement loszuwerden, das an einer Profipolitikerin ohnehin abperlt, wie Wasser von der Duschwand, ist mir meine Zeit zu wertvoll. Aber die Kollegin aus der Menschenrechtsabteilung zog dann trotzdem die Augenbraue hoch. Und ganz ohne Grund tut sie das ja wirklich nicht.

Böse Folgen

Bloß: Wenn ich mit Frau Fekter beim Schwimmen über Migrationspolitik zu plaudern begänne, hätte das Folgen. Denn dann müsste ich auch mit Herbert Kickl diskutieren. Schließlich schwimmt der auch hier. Und weil Straches Hirn ein ehrgeiziger Triahtlontyp ist, weit schneller als die Innenministerin. Und auch andere Stile: Kickl trainiert systematisch Technik, Tempo und Ausdauer - und tut das nach Plan. Ab und zu teilen wir uns deshalb eine Bahn. Das funktioniert gut. Aber das verschweige ich der Menschenrechtskollegin lieber ganz.

Einer hat mich aber einmal drauf angesprochen. Durchaus rügend: Markus Rogan. Der hat eine Zeit lang auch hier trainiert. Und nachdem ich einmal Seite an Seite mit dem FP-Generalsekretär meine Längen abgespult hatte, nahm Rogan mich dann in der Garderobe „auf ein Wort" zur Seite. Er gab mir zwei Technik-Tipps, die auch Laien verstehen - und blieb auch sonst sehr verständlich: "Das (er zeigte zum Becken; Anm.) geht echt nicht." Wenn schon die Politik keinen "cordon sanitaire" zöge, setzte er fort, müsse man das eben als Bürger tun: Ob mir noch nie aufgefallen sei, dass Kickl sich meist ziemlich alleine auf einer Seite des Garderobentraktes umzöge? "Eben. Manchmal zählen auch Kleinigkeiten - auch wenn du mich jetzt wieder kindisch nennen wirst."
(Thomas Rottenberg/derStandard.at, 21.6.2010)

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    Maria Fekter schwimmt regelmäßig und ausdauernd in der Früh ihre Längen.

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