Katharina Razumovsky

Ablass zum Schnuppertarif

21. Juni 2010, 23:27
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    foto: razumovsky

    Katharina Razumovsy, Künstlerin und Philosophin mit David-Schurz und Heiligenschein, will Gott in den "wohlverdienten Ruhestand" schicken.

Kunstaktion zum abgelaufenen Priesterjahr: Mit Beichtbox und Devotionalien-Trafik hinterfragt die Künstlerin Katharina Razumovsky Sünde und Sühne

Wien - Es gäbe gar keine andere Möglichkeit, sagt Katharina Razumovsky: "Wer in einen Dialog mit der Welt eintreten will, muss Kunst machen." Und die Dialoge der Malerin, Performance- und Aktionskünstlerin mit der Welt sind ganz schöne Tabubrüche.

So wie jetzt mit ihrer Beichtbox am Wiener Karlsplatz: Weil die Welt sich nicht nur in einer Wirtschafts-, sondern vor allem in einer Wertekrise befinde, wird Razumovsky gemeinsam mit ihrer Künstlerkollegin Anja Danneberg ab Donnerstag allabendlich die Beichte abnehmen, reuigen Sündern Ablass zum Schnuppertarif oder als Restposten erteilen, bei einem Karaoke-Beichtcontest nach dem Super-Sünder und im Rahmen einer Ehevermittlung nach dem besten Sündenpartner suchen. Bußwilligen wird ein Sündenspiegel das Bekennen erleichtern, im Register ganz oben ein Mangel an Selbstliebe:"Ich trau mir nichts zu" ; "Ich darf nicht" . Sie respektiere den christlichen Glauben, so Razumovsky. Doch die katholische Kirche könne man bestenfalls mit Humor ertragen: "Wir erleben als erste Generation in Westeuropa den magischen Moment, da unsere Gesellschaft nach langer, schmerzvoller Pubertät erwachsen wird und fähig ist, eigenverantwortlich zu entscheiden." Weshalb Razumovsky und Danneberg am Ende "Gott als autoritären Übervater in den wohlverdienten Ruhestand" schicken werden.

In ihrer Doktorarbeit hatte die gebürtige Deutsche, die seit zehn Jahren in Wien lebt, untersucht, ob Kunst ein Wahrheitsanspruch zugeschrieben werden könne, und kam zum Schluss, dass, wenn überhaupt, nicht Philosophie, sondern nur Kunst etwas über die Welt aussagen könne: "Kunst ist, ähnlich einer Familienaufstellung, die Aufstellung unserer Lebenswelten." Malerei, Collage, Fotografie, Video, Computer, Happening, Materialschlachten aus Plastik, Stoff, Transparentpapier, Folie, Gießharz: Katharina Razumovsky ist großzügig bei der Wahl ihrer Mittel. Aufregen, aufrütteln, Menschen aus dem Trott reißen, zum Nachdenken anregen, alles, nur kein Stillstand. Und die Frage: Was wäre, wenn. Wenn wir altern und nicht mehr westlichen Schönheitsidealen entsprechen, Randfiguren im sozialen Gefüge werden? Für diesbezügliche Recherchen bedruckte sie Transparente mit Fotos von Obdachlosen, Ausländern und geistig behinderten Menschen, versah sie mit Fragen wie "Bin i im Weg?" und "Siehst du mich?" und dokumentierte mit Video und Webcams die Reaktionen der Passanten.

Unmittelbarer Anlass für ihre aktuelle Performance war das abgelaufene Priesterjahr inklusive dem Total-Ablass für Priester und Laien, die für sie beteten. "Der Papst hat sich für die Missbrauchsfälle entschuldigt, Aber man kann seine Predigt auch so interpretieren, dass der Teufel den Priestern nur das Priesterjahr verderben wollte."

Das sei Kinderkram. Und überhaupt: "Ethik ist nicht nur durch Soll-Sprüche zu regulieren. Folgt man Ludwig Wittgenstein in seinen Überlegungen zur Ethik, so verhält es sich wie mit einer Tasse Tee: Man kann noch so viel hineingießen, es wird nie mehr hineinpassen, als darin Platz hat - transzendente Inhalte jedenfalls nicht. Eine Moral, die auf einer solchermaßen geprägten Werte-Ideologie aufbaut, kann sich aus sich heraus nicht legitimieren."

Darüber wird am 29. 6. ab 18 Uhr mit Philosophen und Theologen im Project Space diskutiert.(Andrea Schuria, DER STANDARD/Printausgabe, 22.06.2010)

Hinweis:
Am 29. 6. ab 18 Uhr mit Philosophen und Theologen im Project Space diskutiert.

Link:
www.razumovsky.at

Kommentar posten
15 Postings
Eris
 
00
22.6.2010, 12:09
Sehr ungewöhnliches Werk für eine katholische Adelige.

Andrew Jones
00
22.6.2010, 11:47
"Biographie: aufgewachsen im europäischen Ausland"

Klingt sehr geheimnisvoll. Nun werde sicher herausforschen wo genau.. :)

Olivio Tasso
01
22.6.2010, 11:05
Nicht wirklich

sehr originell

vheissu
00
22.6.2010, 11:27

In Florenz laufen die Touristen dutzendfach in diesem Outfit herum!

coolio
00
22.6.2010, 09:55

dachte die dame heißt schurian

mai
21
22.6.2010, 09:16
auf den scheiterhaufen mit der lästerin!!

alla riscossa
76
22.6.2010, 00:10
was sich heut alles kunst schimpft!

eine davidschürze mit zumpferl und ein rosa bh-fertig ist die performance! und davon kann man leben?

vheissu
00
22.6.2010, 10:33

Immerhin hat sie die Razumovsky-Streichquartette komponiert...

oder so ;-)

Brennessel und Rasierklinge
03
22.6.2010, 08:00
...davon kann man leben?

naja, davon eher nicht.

Aber _damit_ bestens.

Ausser man versteht's nicht :-)

Galileo Galilei
 
02
22.6.2010, 06:48
ich finds super

potamu
12
21.6.2010, 21:06

Nice! :) Erinnert mich ein bisschen an die www.atheistische-religionsgesellschaft.at und ihren "Beitrag zum religiösen Diskurs" ;-)

pretty1
45
21.6.2010, 18:34
"Künstlerin und Philosophin" - mit oder ohne Zumpferl ??

Hätte die offenbar begnadete "Künstlerin" Razumovsky bei ihrem Selbstporträt - neben Opferlamm und Hirtenstab - auf die mickrigen, männlichen Genitalien verzichtet, wäre wohl keine Qualitätszeitung auf die Idee gekommen, diesem traurigen Machwerk auch nur eine Zeile zu widmen.
Ich gehe daher davon aus, daß das Motto "Sex sells" gendergerecht nicht nur auf weibliche, sondern insbesondere auch auf männliche Geschlechtsmerkmale zutrifft,soferne sie Binnen-I- oder Lady Ga-ga-ähnlich auch dem weiblichen Typus zugeordnet werden. Geld stinkt bekanntlich nicht und die Story von "des Kaisers neuen Kleidern" gilt auch heute!

Galileo Galilei
 
11
22.6.2010, 06:48
Was ist Ihnen denn zugestoßen?

pretty1
00
22.6.2010, 16:42
zugestoßen:...eine "Künstlerin" namens Razumovsky !

Brennessel und Rasierklinge
01
22.6.2010, 08:01
Eine Stoßstange?

Diese ist ja bekanntlich aller Laster Anfang.
(Zitat Niki Lauda)

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