Soziale Fragen entscheiden Wahl

21. Juni 2010, 23:35
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Komorowski und Kaczynski buhlen um die Gunst der Linken

"Nun also Krieg!" springt Fakt, Polens Revolverblatt aus dem Haus Axel Springer, die Leser am frühen Morgen an. Vielen Pendlern steckt noch die lange Wahlnacht in den Knochen. In der Warschauer Metro beugen sie sich übermüdet über das Kleingedruckte. "Krieg? Wieso Krieg?" Am Sonntag hatte man noch ganz friedlich über den künftigen Präsidenten Polens abgestimmt und später die Prognosen und Hochrechnungen im Fernsehen verfolgt. "Es ist vorbei mit der Ruhe und Langweile" , schreibt Fakt. "Vor der zweiten Wahlrunde wird ein Krieg auf Leben und Tod ausbrechen. Es geht um jede Stimme."

Wie erwartet gewann Bronislaw Komorowski von der liberalkonservativen Bürgerplattform PO (41,5 Prozent) die erste Runde der Präsidentschaftswahlen in Polen. Dicht auf den Fersen folgt ihm allerdings sein großer Herausforderer Jaroslaw Kaczyñski von der nationalkonservativen Recht und Gerechtigkeit (PiS, 36,46 Prozent). Mit 13,7 Prozent erzielte Grzegorz Napieralski vom Bündnis der demokratischen Linken (SLD) ein unerwartet hohes Ergebnis. Seine Wähler könnten das Zünglein an der Waage sein, wenn sich Komorowski und Kaczyñski in der Stichwahl am 4.Juli erneut gegenüberstehen. Schon in der Wahlnacht warben beide um seine Gunst. Napieralskis gutes Wahlergebnis bedeute "eine bessere Zeit für die Linken" , lobte Komorowski und setzte den für ihn erstaunlichen Satz hinzu: "Für Polen ist die Linke unentbehrlich."

Auch Kaczyñski, der vor einigen Jahren noch die SLD verbieten wollte, beglückwünschte Napieralski zu seinem unerwartet hohen Wahlergebnis. Man wolle seine Initiative zu einem "runden Tisch der Gesundheitspolitik" aufgreifen. Der plötzlich so umworbene Napieralski (37) litt bisher unter dem Ruf, ein Ziehkind und Protegé der Betonköpfe aus der alten kommunistischen Partei Polens zu sein. Jetzt sonnt er sich im ungewohnt freundlichen Scheinwerferlicht. "Mir geht es in der Politik nicht um einträgliche Pfründe, sondern um Werte. Das habe ich im Wahlkampf gezeigt" , sagte er gestern früh in einem ersten Radiointerview.

Teure Wahlempfehlung

Damit reagierte er auf Spekulationen, denen zufolge Napieralski sich seine Komorowski-Wahlempfehlung an seine zwei Millionen Wähler teuer bezahlen lassen wolle - mit dem Posten des stellvertretenden Premierministers. Tatsächlich gab es in den letzten Monaten mehrfach Hinweise darauf, dass sich die einst so unversöhnlich gegenüberstehenden Parteien PO und SLD vorsichtig aufeinander zubewegen. Dies liegt zum einen an der Europa-Ausrichtung beider Parteien, in der sie sich stark von der europaskeptischen und US-orientierten Partei Kaczyñskis unterscheiden. Zum anderen aber auch an der Einsicht der liberalen PO, dass es ihr an Sensibilität für soziale Fragen im Lande fehlt, die die SLD mitbringt.

So will Napieralski in den nächsten zwei Wochen nicht über Posten reden, bevor er seine Empfehlung für einen der Kandidaten abgibt, sollten einige in Polen heiß diskutierte Themen auf den Tisch: die In-vitro-Befruchtung, Polens Rückzug aus Afghanistan, die Grundrechte-Charta, die aufgrund eines Präsidenten-Vetos Lech Kaczyñskis den Polen bisher nicht zusteht, das Minimaleinkommen und ein modernes Bildungssystem. "Das sind alles Punkte, die in meiner Wahlkampagne eine Rolle spielten" , sagt er mit entwaffnendem Lächeln. (Gabriele Lesser aus Warschau/DER STANDARD, Printausgabe, 22.6.2010)

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    Bronislaw Komorowski geht als Favorit in die Stichwahl um die polnische Präsidentschaft. Er hofft auf die Empfehlung des linken Politikers Grzegorz Napieralski.

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