Freiheitskampf ohne Edelweiß-Idyllen

21. Juni 2010, 17:44
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50 Jahre Sommerspiele Melk - Andreas Patton spielt den "Wilhelm Tell"

Wien/Melk - Die Sommerspiele Melk haben in der Auswahl der Theaterstücke seit jeher eine gewisse Größe behauptet: Das Nibelungenlied, die biblische Apokalypse oder im Vorjahr Tolstois Krieg und Frieden - sie erfordern allesamt eine theaterpraktische Dimension, die man an heimischen Stadttheatern nur selten zu erfüllen weiß.

Zum diesjährigen 50. Jubiläum steht Intendant und Regisseur Alexander Hauer mit Wilhelm Tell (1804) um nichts nach. Enormes Figurenpersonal und alpenländische Naturkulisse prädestinieren das letzte vollendete Drama Friedrich Schillers für die Open-Air-Bühne am Donauufer unter dem Barockstift Melk. Schließlich geht es im Tell um das Abschütteln der habsburgischen Autorität und die Begründung der Eidgenossenschaft am Rütli.

Andreas Patton, vorwiegend als Film- und Fernsehschauspieler (Antares, Tatort) bekannt, gibt in der Titelrolle sein Sommertheaterdebüt: "Ich fand Sommertheater bisher immer unseriös, aber es hat sich zum Besseren geändert. Vor allem aber interessiert mich das Stück. Es geht um ein unterdrücktes Volk und dessen Frage: Wie kommen wir zu unserem Recht, das wir eigentlich immer hatten? Außerdem: Wilhelm Tell ist in seiner filmischen Schnitttechnik sehr modern. Es gibt Auslassungen, auch am dramaturgischen Höhepunkt - alles, was eben ,tension‘ macht."

Patton, der gebürtige Hesse, lebt seit über 15 Jahren in Österreich und bezeichnet sich hier selbst als "Quotenpiefke" . Manchmal gelingen ihm die Austriazismen aber so gut, dass ihn sogar Götz Spielmann für einen Wiener hielt.

Den Tell hat sich Patton ganz akademisch angeeignet - beim intensiven Leben: "Der Tell will ja immer nur weg. Sobald drei Menschen um ihn sind, kriegt er Schweißperlen und ist husch-husch oben bei den Gämsen. Ich denke mir, das ist ein Soziopath. Er wohnt ja auch oben in den Bergen. Es hat Gründe, warum es Aussiedler gibt. Ich hab im Waldviertel ja auch ein Wochenendhaus ..."

Den Gebirgsjäger und Freiheitskämpfer Wilhelm Tell begreift Patton demnach nicht über ein Heldentum, wie es die Rezeption dominiert; auch nicht über ein Pathos, das sich in Schillers secondhand recherchierter Schweiz einschleicht (Schiller fantasiert den Vierwaldstätter See aus der Ferne), sondern, so Patton, über "Unfähigkeiten" .

Patton: "Der Ansatz, den ich inhaltlich finde, ist, dass Tell etwas nicht kann: Er kann nicht Politik machen. Er sagt: ,Was ihr tut, lasst mich aus eurem Rat, nicht lange wägen oder prüfen. Bedürft ihr meiner zu bestimmter Tat, dann ruft den Tell, soll er nicht fehlen.‘ Und weg ist er! Das ist so ein Mensch, in dessen Nähe es ständig kulminiert. Tell ist keine politische Figur, er hat keinen philosophisch-politischen Überbau, seine Vorstellung von Freiheit ist extrem kreatürlich."

War das Revolutionsdrama Die Räuber noch unversöhnlicher, so beschließt Wilhelm Tell in Schillers Werkgeschichte einen Kreis hin zum Konstruktiven. Dazu Patton: "Im Tell diskutieren vier Generationen über die Wahl der Mittel, die Freiheit zu erlangen. Was ist erlaubt? Sachbeschädigung? Körperverletzung? Tötung? Schiller kommt hier, im Alter von 45 Jahren, zu einem anderen Ergebnis als in den Jugenddramen. Er gestattet Läuterungsprozesse. Man könnte auch sagen: Er wurde konservativer."

Ist das Open-Air-Sprechen ohne Mikroports überhaupt machbar? - "Ich weiß es nicht", meint Patton, "die Natur ist so laut! Die Vögel schreien, es ist Wahnsinn, dann die Frösche, oder zur Abwechslung ein Güterzug, und natürlich die Kirchenglocken. Was sicher nicht geht, ist Stille. Dieses Mittel der Konzentration steht auf so einer Bühne einfach nicht zur Verfügung. Wir skandieren eben viel. Aber das Schiller'sche Versmaß bleibt erhalten, der Inhalt transportiert sich ganz klar über das Metrum." (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe, 22.06.2010)

22. Juni bis 6. August

  • Die Armbrust ist ihm Werkzeug, keine Waffe: Wilhelm Tell (Andreas 
Patton).
    foto: sommerspiele

    Die Armbrust ist ihm Werkzeug, keine Waffe: Wilhelm Tell (Andreas Patton).

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