Inzko: "Man muss auf allen positiven Elementen aufbauen"

21. Juni 2010, 17:44
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Der neue Obmann des Rates der Kärntner Slowenen will sich im Ortstafelstreit um eine Lösung bemühen

Standard: Ihr Amtsantritt als neuer Obmann des Rates der Kärntner Slowenen wurde mit viel Vorschusslob bedacht. Sehen Sie jetzt eine Lösung der offenen Ortstafelfrage in Reichweite?

Inzko:Das glaube ich schon. Wir haben anlässlich des 90-Jahr-Jubiläums der Kärntner Volksabstimmung ein Zeitfenster. Es gibt Signale von der SPÖ und noch stärkere von der ÖVP. Wir haben auch erstmals mit Niki Berlakovich als Umweltminister und Norbert Darabos als Verteidigungsminister zwei Regierungsmitglieder, die der kroatischen Volksgruppe angehören. Und auch FPK-Parteimitglieder sagen mir: Machts was. Das ist eine große Chance. Aber mein Ansatz ist noch breiter.

Standard: Inwiefern?

Inzko: Ich will, dass man von einem neuen Kärnten spricht, von seinen großen Möglichkeiten und seinem großen wirtschaftlichen und kulturellen Potenzial im Schnittpunkt dreier Kulturen. Da muss sich keiner verteidigen. Es darf keine Sieger und Besiegten geben. Wir sind alle Sieger. In solch einer Atmosphäre kann man viele Probleme lösen.

Standard: Scheitern wird das wohl an den Kärntner Freiheitlichen?

Inzko: Ich kann verstehen, dass es Kreise in der FPK gibt, die ihre Kultur über alles lieben. Ich schätze meine deutschen Brüder, aber ich möchte auch, dass sie meine Kultur ebenso schätzen wie ich ihre.

Standard: Sie sind ein Mann des Konsenses. Werden Sie auch mit der Konsensgruppe sprechen, die bereits für die Schüssel-Haider-Regierung einen Ortstafel-Kompromiss ausgearbeitet hat?

Inzko: Man muss auf allen positiven Elementen der Vergangenheit aufbauen, ob auf Wolfgang Schüssel, Alfred Gusenbauer oder der Konsensgruppe. Je breiter die Basis, desto haltbarer die Lösung.

Standard: Eine offene Wunde für den Rat war der deutschbetonte Kärntner Heimatdienst (KHD). Werden Sie auch mit ihm reden?

Inzko: Mein Vater wurde in den Sechzigerjahren vom KHD geklagt, weil er diesem vorgeworfen hatte, uns Kärntner Slowenen die Identität nehmen zu wollen. Er bekam eine Woche Arrest und musste Bußgeld zahlen, das uns Verwandte aus Amerika bereitstellten. Er ist trotzdem ein Brückenbauer zwischen den Volksgruppen geblieben. Auch der KHD muss seine Vergangenheit aufarbeiten, wie wir die unsere. Aber er hat sich weiterentwickelt, das erkenne ich an, und ich werde ihm meine Hand entgegenstrecken.

Standard: War es ein Fehler, dass der Rat über Rudi Vouk die Justiz bemühte, um die Rechte der Kärntner Slowenen einzufordern?

Inzko: Jeder Staatsbürger hat das Recht, Gerechtigkeit zu fordern. Ich sehe das immer wieder in Bosnien, wo 16 Nationen leben. Roma und Juden haben kürzlich eine Beschwerde beim Europäischen Menschenrechtsgerichtshof gewonnen, weil sie von der Präsidentenwahl ausgeschlossen wurden. Es gibt mehrere Wege, alle sollen beschritten werden können. Ich werde auch den politischen Konsens suchen, und ich werde meinen deutschen Brüdern die Hand ausstrecken. Das war auch die Politik meines Vaters.

Standard: Sie sind vielbeschäftigter Diplomat. Warum tun Sie sich jetzt auch noch die Kärntner Volksgruppenpolitik an?

Inzko:Ich habe auf drei Kontinenten gearbeitet. Ich wollte immer meine Erfahrung Kärnten zugutekommen lassen. Jetzt kam das eben früher als gedacht. Der Rat war in einer Krisensituation, und ich habe keine andere Ersatzheimat. Kärnten ist meine Heimat.

Standard: In Sankt Kanzian wird Slowenisch als Amtssprache verhindert. Was sind die dringendsten Volksgruppen-Probleme?

Inzko: In anderen Orten funktioniert das mit der Amtssprache. Ein großes Problem sind die zweisprachigen Kindergärten. Da gibt es wesentlich mehr Anmeldungen als Plätze. Wir brauchen mehr Geld. Hier hat Landeshauptmann Gerhard Dörfler immer Handschlagqualität bewiesen. Wichtig sind auch der Schulbereich und vor allem die slowenische Musikschule, die pro Kopf um drei Viertel weniger Förderungen erhält als die deutsche.

Standard: Und die Ortstafeln?

Inzko: Wirklich wichtig ist uns ein reiches Kulturleben und dass ganz Südkärnten eine prosperierende Region wird. In einem guten Klima wird auch das Aufstellen zweisprachiger Ortstafeln ein gemeinsames Fest werden. (Elisabeth Steiner, DER STANDARD, Printausgabe, 22.6.2010)

Zur Person: Valentin Inzko (61) ist Diplomat und derzeit Hoher Repräsentant und EU-Beauftragter in Bosnien-Herzegowina. Inzko stammt aus einer bekannten Kärntner slowenischen Familie und war unter anderem österreichischer Botschafter in Sarajevo sowie Ljubljana. Er ist mit der Mezzosopranistin Bernarda Fink verheiratet.

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    Der neue Obmann des Slowenen-Rats und internationale Bosnien-Beauftragte Valentin Inzko will auch für Kärnten arbeiten.

  • "In einem guten Klima wird auch das Aufstellen zweisprachiger Ortstafeln 
ein gemeinsames Fest werden."
    foto: martin fejer/est&ost

    "In einem guten Klima wird auch das Aufstellen zweisprachiger Ortstafeln ein gemeinsames Fest werden."

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