Forschung hin, Strategie her

20. Juni 2010, 19:27
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Neue Struktur und Besetzung des Forschungsrats sorgt für Unruhe in der Szene

Wien - Noch ist nicht klar, ob und welche Aufgaben der Forschungsrat in Zukunft wahrnehmen darf. Umso intensiver sind die Spekulationen über die Nachbesetzung von fünf der insgesamt acht Räte, die nach der zweiten Funktionsperiode am 5. September ausscheiden müssen: Wer soll dem Ratsvorsitzenden Knut Consemüller (ehemals Böhler), wer soll seinem Stellvertreter Günther Bonn, wer Dervilla Donnelly, Albert Hochleitner (Siemens) und Reinhard Petschacher (Infineon) folgen, die seit Anbeginn, also seit 2000, im Rat sitzen?

Genannt werden Namen wie Hannes Androsch, Aufsichtsratschef des Forschungszentrums Seibersdorf (Austrian Institute of Technology), Veit Sorger, Chef der Industriellenvereinigung, Monika Kircher-Kohl, Vorstandsdirektorin Infineon Österreich, und Siemens-Chefin Brigitte Ederer, die aber wohl wegen ihres Wechsels in den Münchner Siemens-Vorstand nicht mehr infrage kommt. "Typisch für Österreich, dass Namen diskutiert werden, ehe das Konzept steht", sagt ein Insider.

Das "Konzept" ist Bestandteil der lange erwarteten Forschungsstrategie der Regierung, die zwischen den Ressorts Wissenschaft, Wirtschaft, Verkehr, Finanzen, Unterricht und dem Bundeskanzleramt diskutiert wird. Derzeit herrscht Stillstand. Die Strategie soll aber Ende August vorliegen.

Mehrere Varianten

Was den Forschungsrat betrifft, wurden mehrere Varianten diskutiert: Eine Zusammenlegung mit dem Wissenschaftsrat, dem Beratungsgremium des Wissenschaftsministeriums in universitären Angelegenheiten, wie sie Wifo-Chef Karl Aiginger bereits vorgeschlagen hat. Diese Idee ist dem Vernehmen nach vom Tisch, obwohl Karl sich auf Anfrage eine engere Zusammenarbeit zwischen Forschungs- und Wissenschaftsrat vorstellen kann. Auch eine Einbeziehung des Unterrichtsministeriums und des Bundeskanzleramts in Ratsagenden wird, wie berichtet, diskutiert.

Bisher sind im Rat vier Ministerien nicht stimmberechtigte Mitglieder: Wissenschafts- , Verkehrs-, Finanz- und Wirtschaftsressort, wobei die Bestellung der parteipolitisch interessanten Rä-teposten ausschließlich von den beiden Ersten erfolgt, zu jeweils 50 Prozent. Wenn mehr Ministerien als bisher über dem Rat stehen, könnte aber auch ein weiteres hartnäckiges Gerücht zutreffen: die mögliche Ausweitung des Rats von acht auf zehn, vielleicht sogar zwölf Mitglieder.

Die Strategieentwicklung selbst wurde den Räten in den vergangenen Jahren mehr und mehr aus den Händen genommen. Die Beamten der Forschungsministerien waren erfolgreich bemüht, die verlorene Rolle wieder zurückzugewinnen. Androsch sagt dazu: "Ich habe bisher keine offizielle Anfrage." Und er ergänzt, dass der Forschungsrat nur Sinn mache, wenn er von der Politik und den Beamten auch als solcher wahrgenommen werde und Kompetenzen erhalte. "So wie es derzeit ist, so kann es ja nicht sein."(Peter Illetschko Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.6.2010)

 

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