Enklave mit Saftsee und Knedla

23. Juni 2010, 16:38
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Schweinefleisch, Knödel und Kraut sind die Speisen, die man in Bratislava aufgetischt bekommt. Eine Weinstube serviert dazu spartanische Einfachheit

Ein Samstag in Wien, Wolken, kein Regen und frühsommerliche 16 Grad. Ideal für einen Ausflug zum Nachbarn, der ist nicht weit weg und man kommt aus dem Haus. Eine Fahrt nach Bratislava dauert so lange, wie eine Fahrt in ein Shopping-Center, ist aber um einiges unterhaltsamer. Und mit elf Euro für Hin- und Rückfahrt auch ein leistbares Wochenendvergnügen. Die Euroline-Busse in Erdberg (U3-Station) verlassen jede (zweite) Stunde (6:30, 8:30, 9:30, 11:30 etc., etc.) Wien und erreichen Novy Most in Bratislava pünktlich 60 Minuten später.

Multi-Kulti-Kutsche Richtung Osten

Für gewöhnlich ist immer noch ein Plätzchen frei, eine Reservierung ist also nicht notwendig. Die Fahrgastzelle teilt man sich dann mit verwirrten Deutschen, verschlafenen Österreichern, gut gelaunten Franzosen und Engländern, Austauschschülern aus Israel, heimreisenden Slowaken und Tschechen, aufgeregten Brasilianern sowie Englisch sprechenden Spanierinnen mit österreichischem Ehepartner und dreisprachig aufgewachsenem, redseligem Töchterlein. Also eine unterhaltsame Multikulti-Kutsche in Richtung Osten. Meistens sind die Fahrer gut gelaunt, haben vielleicht noch das eine oder andere Scherzchen auf den Lippen ehe sich der Bus in Bewegung setzt. Spätestens beim Stopp am Flughafen Wien/Schwechat packen die ersten ihr mitgebrachtes Frühstück aus und machen es sich anschließend für die einstündige Fahrt gemütlich. Je nach Geschmack des Busfahrers gibt's dazu 80er-Jahre Pop, Ö1-Morgenprogramm oder Ö3-Spaßfabrik und man muss nehmen, was man geboten bekommt. Der iPod ist in vielen Fällen sowieso mit auf der Reise.

Ein paar Meter nach den Windrädern passiert der Bus dann die österreichisch-slowakische Grenze - Reisepass oder Personalausweis mit nehmen. Die Busfahrt nach Bratislava ist inzwischen so alltäglich geworden, dass diese wichtigen Dokumente gerne vergessen werden!

Ostblock-Charme unter der Brücke

Die Station im Zentrum - Novy Most - hat sich den Ostblock-Charme vergangener Tage bis heute erhalten. Inmitten des tosenden Verkehrslärms, der hier von allen Seiten kommt, halten und starten die Busse, drücken sich knutschende Pärchen in die Ecken zwischen den angerosteten Kiosken und lungern blasse Gestalten auf den ungemütlichen Wartebänken der Bushaltestellen. Ein riskanter Sprint auf die andere Straßenseite und schon ist man mitten drin im charmanten Nachbarstädtchen, das sich selbst den Slogan "little big city" angedeihen ließ. Klein ist sie wirklich, diese Stadt, die man in einer Stunde umrundet hat.

Für das Pflichtprogramm mit Burg, Nationaltheater, dem lustigen Mann im Kanaldeckel und dem Alten Rathaus braucht man etwas länger, bei schönem Wetter könnte man auch noch dem neu adaptierten Donauufer einen Besuch abstatten. Dort nämlich trifft man dann auch auf die Einwohner der Stadt, die sich vom überteuerten Zentrum lieber fernhalten und es den Regenschirm geführten Reisegruppen überlassen. Die Preise in der Innenstadt sind zwar immer noch günstig, obwohl man sich langsam an Europa anpasst.

Generationen von Schweinefleisch

Ziemlich zentral gelegen gibt es aber in Bratislava eine Enklave, die sich weder um Europa noch die damit verbundene Modernisierung - Bratislava City ist inzwischen ziemlich schick und stylisch geworden - kümmert und einfach ihr Programm weiterfährt. "Viecha U sedláka" heißt die Weinstube unweit der Markthalle (in Bratislava ist natürlich alles irgendwie unweit), deren Holzvertäfelung schon einige Generationen an Schweinskoteletts, Hühnerhaxen, Palatschinken und "Knedla" hat kommen und in hungrigen Bäuchen verschwinden sehen.

Zufälliges Englisch

Die Speisekarte auf Englisch ist mehr ein Zufall als dass sie darauf schließen ließe, dass man hier auch versteht, was der des Slowakischen nicht mächtige Gast versucht, in langsam modulierten Worten zu erklären. Letztendlich nutzen nur der Fingerzeig, ein freundliches Lächeln, vermehrte Körpersprache und ein Gang zum Kühlschrank, um das passende Bier auszusuchen. Je nach Dienst habender Kellnerin wird mit mehr oder weniger konstanter Geduld mitgespielt, hungrig hat aber noch nie ein Gast die patinierten Räumlichkeiten verlassen.

Um die Mittagszeit treffen sich hier vor allem Besucher älteren Semesters, die sich wohl nicht an die McDonald's, Kebabs und Pizzaschnitten gewöhnen wollen, und eine gefüllte Palatschinke mit Krautsalat einem schnellen Burger vorziehen. Stressig ist es nie, die Kellnerinnen haben immer Zeit, mit den Gästen ein Gläschen Bier zu trinken, zu tratschen und eine zu rauchen. Für Raucher gibt es übrigens ein Extrakammerl, dass durch einen dicken Filzvorhang von den restlichen Gaststuben getrennt ist.

Glückstreffer halbe Ente

Das interessanteste auf der Karte ist das Menü um 3,90 Euro, das täglich wechselt und dessen Inhalt nur auf Slowakisch verfügbar ist - was die Sache noch spannender macht. Unter Umständen bekommt man so, ohne es auch nur zu ahnen, eine goldgelb knusprige, halbe Ente aufgetischt, die in einem milden Saftsee schwimmt, begleitet von schneeweißen Knödeln und umkränzt von warmem Kraut. Aber ohne Slowakisch-Kenntnisse und ohne Wörterbuch ist so etwas wirklich ein Glückstreffer.

Auf der Karte gibt's viel Schwein, viel Huhn, dazu Krautsalat und als Beilage Knödel. Alle diese typischen Speisen servieren auch die anderen Restaurants in der Stadt - zu höheren Preisen und ohne den robusten Charm des "Viecha U Sedlávka". Die Preise auf der englischen Karte sind durchgestrichen - da muss man sich dann eben die slowakische zur Hilfe nehmen und die Speisen durchzählen, damit man den richtigen Preis zum richtigen Essen findet. Wobei es bei einem Durchschnittspreis von fünf Euro pro Gericht nicht wirklich ausschlaggebend sein sollte, wie viel das Essen kostet. Es ist in jedem Fall unverschämt billig - und schmeckt ausgezeichnet.

Messer, Gabel, Essen

Ein wenig Wartezeit, bis dann das Essen kommt, sollte man einplanen. Die Palatschinken wollen gebraten werden, auch das Fleisch braucht seine Zeit. Dann aber kommt ein Teller voller Köstlichkeiten, gegeizt wird nicht bei den Portionen, dazu in eine dünne Papierserviette eingewickelt genau das, was man zum Essen braucht: Messer und Gabel. Fertig. "Dobrú chuť"

Allerdings, das Essen hier entspricht natürlich so gar nicht der modernen Diätküche, die fette, salzhaltige und fleischlastige Ernährung zum Inbegriff des Bösen erklärt hat. Am ehesten könnte man noch die gemischte Salatdekoration gut heißen, aber angesichts der deftigen Fettränder am Fleisch ist sie eher marginal. Dafür macht das Essen hier glücklich, erfüllt alle Gelüste auf genau diese Geißeln der Menschheit, hin und wieder muss man sich ein Fetttröpfchen vom Kinn tupfen und der Hefe-Mehl-Knödel pampft sich hervorragend in der Backentasche. Was für ein zufriedenes, sattes Lächeln, wenn mit dem letzten Knödelstück auch der letzte Tropfen Saft vom Teller verschwindet. "Dakujem, Do videnia" und bis zum nächsten Mal! (Mirjam Harmtodt/derStandard.at/22.06.2010)

Informationen:
Viecha U sedláka, Obchodná 55, 811 06 Bratislava
Tel.: 02 5296 1207 (Anrufen lohnt sich nur, wenn man Slowakisch spricht)
Geöffnet: Mo.-Fr. von 9 bis 22 Uhr, Sa. und So. von 9 bis 20 Uhr
"Viecha U sedláka" hat zwar keine Webseite - aber dafür ein Facebook-Profil

Anreise:
Eurolines
fährt täglich mehrmals die Strecke Wien-Bratislava-Wien

Alternativ kann man natürlich auch mit dem Twin City Liner entlang der Donau fahren oder man bedient sich ganz sportlich des Fahrrades.

  • Diese metallenen Gestalten begleiten die Besucher von Bratislava auf Schritt und Tritt.
    foto: fonseca

    Diese metallenen Gestalten begleiten die Besucher von Bratislava auf Schritt und Tritt.

  • "Little big city" Bratislava.
    foto: fonseca

    "Little big city" Bratislava.

  • Tisch, Sessel und vielleicht noch ein Tischtuch. Mehr braucht es nicht.
    foto: fonseca

    Tisch, Sessel und vielleicht noch ein Tischtuch. Mehr braucht es nicht.

  • Such den Preis. Bei durchschnittlich 5 Euro pro Speise eher vernachlässigbar.
    foto: fonseca

    Such den Preis. Bei durchschnittlich 5 Euro pro Speise eher vernachlässigbar.

  • Da war der Fotograf zu langsam. Gefüllte Palatschinken, serbisches Schweinefleisch und Knödel sind schon fast zur Gänze vernichtet.
    foto: fonseca

    Da war der Fotograf zu langsam. Gefüllte Palatschinken, serbisches Schweinefleisch und Knödel sind schon fast zur Gänze vernichtet.

  • Nach dem Essen wird gemütlich verdaut.
    foto: fonseca

    Nach dem Essen wird gemütlich verdaut.

  • Das Tagesmenü um 3,90 Euro gibt es nur auf Slowakisch.
    foto: fonseca

    Das Tagesmenü um 3,90 Euro gibt es nur auf Slowakisch.

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