Heißer türkischer Sommer

20. Juni 2010, 19:38
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Die Wut auf beiden Seiten wächst mit jedem weiteren Toten - von Jürgen Gottschlich

Die Türkei ist geschockt. Der Krieg mit der PKK, den man längst überwunden geglaubt hatte, plötzlich ist er wieder da. Gestern noch der Weltpolitiker von Gaza und Architekt des Atomabkommens mit dem Iran, wurde Ministerpräsident Tayyip Erdogan am Wochenende brutal auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Das wichtigste Problem im eigenen Land, eine politische Lösung des Kurdenkonflikts, ist nach wie vor unerledigt.

Tatsächlich sieht es so aus, als wäre eine friedliche Lösung weiter entfernt als seit langem. Der große Anlauf der Regierung Erdogan im letzten Jahr, die kurdische Öffnung, die demokratische Offensive, ist in einem Gestrüpp widerstreitender Interessen auf der Strecke geblieben. Doch die damals geweckten Hoffnungen haben eine umso tiefere Enttäuschung hinterlassen.

Die Wut auf beiden Seiten wächst mit jedem weiteren Toten. Die rechte Opposition schreit nach Kriegsrecht, Ausnahmezustand und der großen militärischen Keule, obwohl 30 Jahre leidvolle Erfahrung gezeigt haben, dass das sicher in die Katastrophe führt. Erdogan ist unter Druck und kehrt erst einmal den starken Mann heraus. Die PKK-Führung dagegen hat gezeigt, dass sie nach wie vor in der Lage ist, das ganze Land zu destabilisieren. Verhandlungsbereite moderate Kurden werden dadurch genauso in die Ecke gedrängt wie ihre Gesprächspartner auf der Regierungsseite. Die Türkei hat einen heißen Sommer vor sich. (Jürgen Gottschlich/DER STANDARD, Printausgabe, 21.6.2010)

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