Kardinal und "Krone" - Bibel und Geschäft

20. Juni 2010 18:57

Dichand war zweifellos ein Blattmacher der Sonderklasse, gleichzeitig aber ein brutaler Populist

Nachrufe sind normalerweise viel Schall und Rauch. Doch diesmal, anlässlich des Todes von Hans Dichand, war es anders. Der Bundespräsident hielt sich auffallend zurück. Der Herausgeber der Kronen Zeitung sei "mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Mediensektor aktiv" gewesen, ließ Heinz Fischer aus der Hofburg verlautbaren. Und das "mit großem Einfluss", fügte das Staatsoberhaupt sachlich hinzu.

Der Erzbischof von Wien hingegen konnte sich fast nicht halten vor lauter Ehrerbietung. Kardinal Christoph Schönborn, Kolumnist der Krone bunt, wurde in der Trauernummer auf der ominösen Seite fünf mit dem Verstorbenen plakatiert. Auf einem Foto vor dem Stephansdom. Der geistliche und der weltliche Herrscher - im Verständnis Hans Dichands.

Schönborns Botschaft: 1. Dichand sei ein großer Publizist und Zeitungsmacher gewesen. 2. Seine Überzeugung, dass Religion zum Menschen gehört, stehe außer Streit. 3. Die Geschichte Österreichs sei ohne die katholische Kirche nicht verständlich. 4. Trotz "mancher inhaltlicher Differenzen" habe Dichand ihn "immer wieder bewegt und beeindruckt".

Diese Feststellungen provozieren Widerspruch. Dichand war zweifellos ein Blattmacher der Sonderklasse, gleichzeitig aber ein brutaler Populist, der vor dem Einsatz von Rassismus und Antisemitismus nicht haltmachte, wenn es um Auflage und Geschäft ging. Das hätte der Kardinal nennen müssen und sich nicht in allgemeine Floskeln ("manche Differenzen") flüchten dürfen. Aber das ist der Preis für eine wöchentliche Kolumne im Massenblatt: Kritik nur noch anzudeuten und Prinzipien der heutigen katholischen Kirche (gegen Rassismus) zu opfern.

Schönborns Betonung der Religiosität Dichands (er hat das Wort "christlich" vermieden), ohne die permanente Missachtung und Umdeutung der österreichischen Verfassung in den Cato-Texten der letzten Jahre zu erwähnen, lässt eine Vermutung wieder aufleben, die demokratiepolitisch interessant ist. Für den Wiener Kardinal sind offenbar Religion und Kirche wichtiger als Verfassung und Rechtsstaat. Diese Sichtweise rückt Schönborn in die Nähe fundamentalistischer Positionen.

Sicher ist richtig, dass Österreichs Geschichte ohne den Einfluss des Katholizismus nicht verständlich wäre. Einfluss im Sinne Dichands? Die Krone hat immer die Sicht einer streng hierarchischen Kirche verfochten, die Position einer konziliaren Struktur nie unterstützt. Sollte also Schönborns Hinwendung zu "Wir sind Kirche" in den letzten Monaten doch nur Optik sein?

Schönborns Sätze zum Tod des umstrittenen Zeitungsverlegers stehen jenen des Bundeskanzlers Werner Faymann näher, als der Bekundung des Bundespräsidenten. Heinz Fischer reagierte nüchtern, der Kardinal emotional, Faymann fast religiös, indem er das Wort "begnadet" verwendet hat.

Zum Foto vor dem Stephansdom findet sich noch ein Satz des Kardinals, der von seltsamer Naivität getragen ist: "Er hat die Seiten seiner Kronen Zeitung dem Evangelium ganz bewusst geöffnet und mir die Möglichkeit gegeben, es den Lesern näherzubringen." Gewiss, über drei Millionen Leser. Beim "Öffnen" hat Dichand sicher nur ans Religiöse und nicht ans Geschäft gedacht. (Gerfried Sperl/DER STANDARD; Printausgabe, 21.6.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 72
1 2
Harald Herrmann
21.06.2010 22:57
manchmal ist es...

nachgerade rührend zu sehen, wie erwachsene Menschen, zumeist aus den Bundesländern, meinen, ihre subjektive Wahrnehmung aus der Kindheit wäre Tatsache: als Klein-Seidl in der Steiermark aufwuchs, gab es den Eindruck des zweiten Vatikanums. Damit das nicht zu weit geht, hatte Wien Kardinal König, der alles, was diesem Geist wirklich entsprach, aus der Kirche drängte (und sei es mit Lehrverbot). Klein Conrad kam nach Wien und glaubte, alles sei so, wie im steirischen Seitental: vergeblich! Damals war katholisch noch ziemlich gleich mit Denkverbot. Und heute?

gerhuda
21.06.2010 22:24
Für den Wiener Kardinal sind offenbar ...

... Religion und Kirche wichtiger als Verfassung und Rechtsstaat.
Na hoffentlich: Ein Kardinalpriester, der anders dächte, wäre wohl für seine Kirche eine absolute Fehlbesetzung!
Wann wachen die Säkularphantasten endlich auf? Religion und Kirche dürfen nichts anderes sein als beinharte, in sich allein ruhende blanke Macht und Autorität - weil der Mensch diese braucht und noch lange nicht reif ist, seinen Weg ohne diese strenge Weisung zu finden!

Der Ruhestifter
27.06.2010 21:13
Viele menschen brauchen diese 'strenge weisung' nicht

Das ist wohl einfach eine frage der jeweiligen persönlichkeitsdefizite: gebildete, selbstbewusste und intelligente menschen kommen ohne religion aus; jedenfalls, seit die wissenschaften und philosophie bessere alternativen zu religiösen scheinerklärungen anbieten. Gebildete und intelligente, aber verängstigte, menschen suchen oft halt in einer form von religion, in der sie sicherheit zu finden hoffen, ohne von ihr gegängelt zu werden. Und menschen mit mangel an bildung und intelligenz, oder mit schweren persönlichkeitsstörungen, sehnen sich nach einer autorität, die ihnen strege weisungen erteilt.

teuerzahler
21.06.2010 19:39
na geh. wundert sie das, hr. sperl?

dass schönbrunn ein fundi ist, dem aufklärung und menschenrechte an der soutane vorbei gehen, das ist nun wirklich keine überraschung.

Geh!danke
21.06.2010 16:48
Ist Ihnen jemand, der wichtige Teile einer Äußerung unterschlägt sympathisch?

Als einer der wenigen "Nachrufer" aus Wien hatte der Kardinal kritische Worte bereit, diese unterschlägt aber unser guter Seidl, damit er seinen unguten Kommentar schreiben kann!

Zitterbarth
21.06.2010 17:07
In Ermangelung des ganzen Nachrufwortlauts:


http://www.kathweb.at/content/s... 33244.html

Die hier zitierten "kritischen Worte" widerlegen aber nicht die Kritik Sperls!

red dog
21.06.2010 15:57
Der Sperl wird mir immer symphatischer...

The Dark
21.06.2010 15:06
Selbst

zu Klestils Eheververfehlungen hat sich die Kirche damals nicht geäussert.

Ann Ecker
21.06.2010 16:02
Dichands Leserbriefe

Was der nunmehr Verblichene mit seinen Leserbriefen aufgeführt hat, habe ich witzig pointiert in folgendem Dilaekt-Text gefunden:
http://docs.google.com/document/... hvEQ&hl=de
D. war ein schlauer Fuchs!

cipf
 
21.06.2010 15:04

[...] 3. Die Geschichte Österreichs sei ohne die katholische Kirche nicht verständlich. [...]
Stimmt. Schleimiges, kriecherisches Untert(h)anent(h)um wie hierzulande ist nur in Verbindung mit der kath. Kirche entwickl- und machbar.

muppetbasher
21.06.2010 20:42
und wieder:

Die Kirche in Österreich (nicht nur hier) ist eine Stütze des politischen Systems!

KKdJ
21.06.2010 15:01
"Für den Wiener Kardinal sind offenbar Religion und Kirche wichtiger als Verfassung und Rechtsstaat. Diese Sichtweise rückt Schönborn in die Nähe fundamentalistischer Positionen."


Bitte, wundert sich da wirklich irgendwer drüber?

Verfassung und Rechtsstaat(lichkeit) waren noch NIE Prioritäten der katholischen Kirche. Sondern da ging es um den eigenen Machterhalt. Immer. Ich meine es nicht einmal polemisch, wenn ich sage, dass die Kirche meint, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein. Die glauben das ja wirklich.

Und da sind dann eben so "weltliche" Dinge wie Demokratie oder Rechtsstaat Nebensachen. Wie anders wäre das 1933 (NACH Hitlers Machtübernahme) geschlossene Konkordat mit Deutschland zu verstehen oder der mehrmals wiederholte (aber an Stalins Nein gescheiterte) Versuch eines Konkordats mit der Sowjetunion?
Unnötig zu sagen, wie gut die Beziehungen zwischen Vatikan und dem Franco-Regime waren.

zinn glaeckl
21.06.2010 20:55
deshalb hat der Unheilige Vater aus Polen

Francos Faschistenpriester selig gesprochen

flor12
21.06.2010 14:34
Der Hr. Dichand

ist noch nicht einmal unter der Erde und alle regen sich auf.
Was soll den der Kardinal sonst sagen? - klar ein Kirchenmann wird immer was Positives finden. Das Gehört zu seineem Geschäft: eine Würdigung am Grab ist immer positiv (wenn Etas ganz schlimm war neutal).
Das letzte Urteil wird Gott überlassen! Das war nicht immer so, wie die hl. Inquisition, Hexenprozese usw. zeigen. Also ein Fortschritt.

kruja
21.06.2010 18:24
@ flor

das ist nicht der "hr." dichand, sie obrigkeitshöriger bourgeois, das ist der dichand-einfach und simpel, wie das blatt.

standardabweichung
21.06.2010 12:47

nach stalins tod wurde er auch noch drei jahre belobhudelt. bei dichand wird es nicht so lange dauern

Hans Müller1
 
21.06.2010 12:09
Für dieses Medium hier zählen demokratische

Werte wie Meinungsfreiheit auch nix, wer etwas kritischer über die Zeitung selbst schreibt wird zensuriert

trollvottel
21.06.2010 13:11

Mach dich bitte nicht lächerlich! Ist es "Zensur", wenn die Krone nicht jeden Leserbrief abdruckt, sondern die meisten wegschmeißt und selbst welche erfindet? Ist es "Zensur", wenn Playboy und Hustler statt der kruden Einsendungen von Lesern lieber professionelle Leserbriefschreiber einsetzen und deren Werke aus den 1970ern recyceln?

Hans Müller1
 
21.06.2010 13:49
Zensur ist es wenn v.a. Postings über die Qualität

des Mediums selbst aussortiert werden

Dass Sie es nicht für bedenkenswert halten wenn Zeitungen ihre eigene Meinung in "Leserbriefen" als eine andere ausgeben disqualifiziert Sie eh schon zum Thema

muppetbasher
21.06.2010 12:01
Wurscht:

Dichand, Schönborn, HaCe, KHG......... Fahrad in Cina......... ein Flügelschlag in der Weltgeschichte!

janwillem
21.06.2010 12:09

Oh, ich sehe: ein AEIOU-Philosoph.

Am End Is Ollas Umasunst.

Karl Heiden
21.06.2010 12:23
wäu eh da Komet kummt!

Gilgamesch
21.06.2010 11:49

dann sollten sie sich in ein kloster zurückziehen. dort herrschen noch dir regeln der katholischen kirche.
in der realen welt allerdings gelten die regeln der demokratie. und die sind nicht immer kompatibel mit der katholischen lehre. trotzdem haben sie sich daran zu halten. wie gehen sie um mit diesem widerspruch. handeln sie bewußt gegen gesetze des staates, wenn sie die regeln der kirche verletzen?

Hans Müller1
 
21.06.2010 11:15
Die Herausgeber dieser Zeitung sollten sich mal überlegen

ob es nicht rassisitisch ist wenn man jemandem nur weil er einer bestimmten Glaubensgemeinschaft angehört immer das Allerschlechteste unterstellt - Schönborn hat die Meinungsdifferenzen mit Dichand offen angesprochen werden - die Nachrufe eines Häupl, Faymann oder Niessl sind dagegen reine Lobhudeleien

Dass nun Schönborn daraus ein Strick gedreht wird zeigt wie es um diese Zeitung bestellt ist - Man unterscheidet sich nicht von der Krone - nur Zielpublikum und Feindbilder sind andere

elvira, the greying teacher
21.06.2010 23:34
welchen artikel

haben sie gelesen?
sollten sie gegebenenfalls nochmal wiederholen, wenn es dieser hier war.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 72
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.