Verstimmte Tonfelder und überwältigende Sphärenklänge

20. Juni 2010, 18:29
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Klangforum Wien und Sylvain Cambreling

Wien - Nun ist sie also zu Ende, die 25. Saison des Klangforum Wien, die in Erinnerung rief, wie schnell so ein Vierteljahrhundert gehen kann. Es bleibt davon aber mehr als das nackte Bestandsjubiläum. Denn das Ensemble hat es zum Anlass genommen, neue Werke anzuregen, von denen bei seinem letzten Abokonzert dieser Spielzeit mit Dirigent Sylvain Cambreling nochmals vier ins Wiener Konzerthaus gebracht wurden.

Brice Pauset ließ mit einem Wortspiel aufhorchen, indem er sein Stück für Klavier solo (Florian Müller) und Ensemble Konzertkammer nannte. Hörbare Konsequenzen hatte diese Begriffsrochade allerdings nicht, es sei denn, man ist geneigt, aus dem Wechsel geräuschhaft "erstickter" Klänge und virtuoser Figurationen des Pianisten eine Negation des Konzerthaften herauszulesen. Doch sobald diese Materialien einmal formuliert sind, bricht das Werk unvermittelt ab, ohne den exponierten Gegensätzen wirklich nachgegangen zu sein.

Wie aus einem Guss 

Merkwürdig, dass das folgende Stück nach der Intention des Komponisten genau ein solches Formproblem thematisieren wollte, aber dabei ungleich schlüssiger erschien: Denn in Hans Zenders ¿Abónde / Wohin? nach einem Text des kastilischen Mystikers Juan de la Cruz stehen zwar mikrotonal verstimmte Tonfelder und ausladende expressive Bögen von Sopran (Angelika Luz) und Violine (Ernst Kovacic) nebeneinander. Und stockende Passagen arbeiten sich an einem ausgiebig repetierten Motiv ab, das wie eine Mischung aus den Melodien des Dritten Manns und des Rosaroten Panthers klingt. Dennoch ist alles - durch deutlich hörbare strukturelle Verwandtschaften - eng miteinander verbunden.

Wie aus einem Guss verbinden auch die zwei spiegelbildlich angeordneten Ensembles mit je einer Flöte, Klarinette, Geige und einem Klavier in Aureliano Cattaneos giano, repainted schwül raunende Naturlaute mit Obertongirlanden, die Übergänge zu Melodik suchen.

Das ehrenvolle letzte Wort hatte Altmeister Friedrich Cerha: Er erschuf in Bruchstück, geträumt eine fast zeitlupenartig fortschreitende, aber dabei immer zwingend erscheinende Welt schlicht überwältigender Sphärenklänge, in die sanfte Pulsationen verwoben sind - eine gelassene, gerundete Viertelstunde leisen, ätherischen Leuchtens.

In der kommenden Saison heißt das Motto des Klangforum-Zyklus "Schluss mit traurig". Glaubt man Gerüchten, dann ist der Zyklus bereits fast ausabonniert. (Daniel Ender/DER STANDARD, Printausgabe, 21. 6. 2010)

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