Schlingensief: "Ich werde keine Nazi-Nummer geben!"

20. Juni 2010, 18:25
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Künstler wird den deutschen Pavillon bei der Biennale 2011 gestalten

Berlin - Christoph Schlingensief, der den deutschen Pavillon bei der Kunst-Biennale 2011 in Venedig gestalten soll, hat möglichen Erwartungen in Sachen Auseinandersetzung mit NS-Ästhetik eine Absage erteilt: "Ich muss alle enttäuschen, die schon in Bayreuth enttäuscht waren. Ich werde keine Nazi-Nummer geben! Warum auch?" sagte der an Krebs erkrankte Schlingensief (49) in einem Gespräch mit dem Magazin "Focus". Schlingensief hatte in Bayreuth Richard Wagners "Parsifal" inszeniert. In Venedig hätten sich bereits so viele Künstler vor ihm von Haacke bis Genzken mit der Architektur auseinandergesetzt, "was soll ich da noch sagen?"

Die Kritik des Künstlers Gerhard Richter an seiner Venedig- Berufung versteht Schlingensief nicht. Richter habe so etwas nicht nötig. Richter hatte kritisiert, dass mit Schlingensief ein Performer ausgewählt worden sei. "Er kennt nur die Malerei? Das kann ich kaum glauben", meinte Schlingensief dazu, der zurzeit an seinem "Operndorf" im afrikanischen Burkina Faso arbeitet. Im November sollen dort die ersten Musik- und Filmklassen ihre Arbeit aufnehmen.

"Die Ängste bleiben"

Von den Gesamtkosten für das Dorf in Höhe von 1,8 Millionen Euro fehlen seinen Angaben zufolge noch fast 800.000 Euro, trotz großzügiger Unterstützung von Prominenten wie Herbert Grönemeyer, Henning Mankell, Brigitte Oetker und Roland Emmerich, die jeweils 100.000 Euro gespendet hätten. Auch das Goethe-Institut und die Bundeskulturstiftung unterstützten das Projekt. "Nur das Auswärtige Amt hat mir unter Westerwelle 100.000 Euro gestrichen, die mir der Ex-Minister Steinmeier allerdings zugesichert hatte."

Auf seine Krebserkrankung angesprochen, meinte Schlingensief, im Moment sehe es so aus, "dass ich wohl länger lebe, als alle und ich zusammen gedacht haben". Es sei aber "sehr beunruhigend" für ihn, "nach der Totalkatastrophe wieder ganz der Alte sein zu sollen. Das schaffe ich nicht so gut, wie viele denken. Die Ängste bleiben und auch das Gefühl, dass es nie mehr so wie früher sein wird." Er lebe jetzt "vielleicht so verzweifelt intensiv wie noch nie zuvor". (APA)

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