Das Match der Legenden

20. Juni 2010, 18:09
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Beide Seiten bieten ihre schärfsten Legenden auf. Die Koreaner be­feuern ihre Spieler noch zusätzlich mit der Aussicht auf Transfers in die Fußballwelt.

Kapstadt - "Wie", so fragte einst Dienstmann Hans Moser den Dienstmann Paul Hörbiger, "nemma ma denn den?" Genau diese Frage stellt Carlos Queiroz nun seinen portugiesischen Spielern. Denn auch sie haben am Montag (13.30 Uhr) einen Koffer zu heben, der schwerer nicht sein kann: Nordkorea.

Hörbigers Antwort - "krowodisch" - wird für Queiroz nicht einmal ein Hinweis sein können. Kroatien ist ja schon in der Qualifikation gescheitert. Nordkorea dagegen hat beim 1:2 zum Auftakt gezeigt, dass es sogar Brasilien in Verlegenheit bringen kann.

Queiroz verlangt also von seinen Dribblanskis: "Wir müssen mehr hohe Bälle spielen und riskieren." Nach dem 0:0 gegen die Elfenbeinküste "brauchen wir unbedingt einen Sieg" .

Gegner Nordkorea gilt den meisten Menschen auf der Welt weniger als Land denn als Rätsel. Das ist auch im Fußball so. Einen freilich gibt es, der da ein Insider ist. Der 63-jährige Schweizer Karl Messerli, einst selbst Profi beim FC Basel, hat sich die Transferrechte an den Teamkickern gesichert. Das war kein bloßer Zufall. Seit 15 Jahren steht er in enger Geschäftsbeziehung zum kommunistischen "Schurkenstaat" , er lässt dort Textilien und Plüschtiere produzieren. Und nun möchte er gute und willige Fußballer verkaufen in alle Welt. "Es gibt" , glaubt er, "schon drei, vier Spieler, die zumindest technisch problemlos in europäischen Ligen mithalten können."

Ein Jahr lang bemühte sich Messerli um diese Transferrechte. Das offizielle Interesse in dem abgeschotteten Land war anfangs mäßig. Erst sehr zäh gelang es dem Schweizer, die Behörden davon zu überzeugen, "dass die Spieler unbedingt mehr Kontakt mit ausländischen Gegnern brauchen" .

Nur drei aktuelle Kaderspieler - Midfielder An Yong-hak und Stürmer Jong Tae-se in Japan, Stürmer Hong Yong-jo in Russland - kicken im Ausland. Ansonsten sei das ballesterische System in Nordkorea "wie Inzuchtfußball. Da spielt eigentlich immer der Bruder gegen den Bruder" .

Jong Tae-se, den bei der Hymne vorm Brasilienspiel die patriotische Rührung übermannt hatte, weiß schon, wohin er will. Der, den sie "Rooney Asiens" nennen, "will in England spielen" .

Vorher wäre ein Abstecher ins Achtelfinale nicht schlecht. Wie das gehen soll, muss Trainer Kim Jong-hun austüfteln. Er arbeitet noch dran, sagt er. "Wir werden unsere Taktik besprechen und entscheiden, ob wir noch etwas offensiver oder doch defensiver agieren müssen."

Reelle Chance

Jong Tae-se glaubt aber doch:"Wir haben reelle Chancen, dieses Spiel für uns zu entscheiden." Portugal sei zwar "einer der Titelanwärter" , aber "ich denke doch, dass der Druck, der auf der Mannschaft lastet, gegen die Portugiesen geringer sein wird als gegen Brasilien" .

Ein Sieg über Portugal wäre zudem auch eine schöne Revanche für das komische Viertelfinale 1966 in Jongs Traumland. Nordkorea war damals unter anderem über Italien ins Viertelfinale gekommen und führte dort gegen das Portugal des begnadeten Eusébio schon mit 3:0, verlor aber dann doch noch 3:5. Eusébio erzielte vier Treffer.

Damals mit dabei war Pak Do-ik, immer noch Volksheld in der Volksrepublik. Er erzielte das Tor beim 1:0 über Italien, das dessen Abschied bedeutete. Ein Vergleich dieses historischen Sieges mit dem 1:2 gegen Brasilien verböte sich, meint die wandelnde Legende, zugunsten der heutigen:"Von so einer Leistung habe ich nicht einmal zu träumen gewagt. Nordkoreas Fußball wird die Welt weiter schockieren."

Freilich hat nicht nur Nordkorea eine Legende und deren prophetische Kraft in der Hinterhand. Auch Portugal kann diesbezüglich auf Beistand rechnen. "Sie werden" , weiß nämlich Eusébio, "wieder enttäuscht sein, denn wir werden gewinnen." (sid, wei, DER STANDARD Printausgabe 21.06.2010)

PORTUGAL - NORDKOREA
(13.30 Uhr, Kapstadt, Green-Point-Stadium, SR Pablo Pozo/Chile)

Portugal: 1 Eduardo - 3 Ferreira, 2 Alves, 6 Carvalho, 23 Coentrao - 8 Mendes, 19 Tiago, 16 Meireles - 11 Simao, 9 Liedson, 7 C. Ronaldo

Ersatz: 12 Beto, 22 Fernandes - 13 Miguel, 4 Rolando, 21 Costa, 5 Duda, 15 Pepe, 14 Veloso, 20 Deco, 10 Danny, 18 Almeida, 17 Amorim

Fraglich: 20 Deco (Hüftverletzung)

Teamchef: Carlos Queiroz

Nordkorea: 1 Ri Myong-guk - 5 Ri Kwang-chon, 2 Cha Jong-hyok, 13 Pak Chol-jin, 4 Pak Nam-chol - 3 Ri Jun-il, 8 Ji Yun-nam, 11 Mun In-guk - 17 An Yong-hak, 10 Hong Yong-jo - 9 Jong Tae-se

Ersatz: 18 Kim Myong-gil, 20 Kim Myong-won - 16 Nam Song-chol, 14 Pak Nam-chol II, 21 Ri Kwang-hyok, 22 Kim Kyong-il, 6 Kim Kum-il, 19 Ri Chol-myong, 23 Pak Sung-hyok, 7 An Chol-hyok, 12 Choe Kum-chol, 15 Kim Yong-jun

Teamchef: Kim Jong-hun

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    Einst, 1966: Nach einer 3:0-Führung Nordkoreas und darauf folgenden vier Eusébio-Toren machte Portugals Augusto (re.) den Sack des englischen WM-Viertelfinales zum 5:3 zu.

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