Wo ein Löwenrudel, ist auch Gebrüll

20. Juni 2010, 17:45
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Deutschland, Frankreich, England, die Fifa haben ähnliche Pro­bleme. Getrennte Wege in der Kon­flikt­lösung - Obszönitäten nicht auszuschließen

Jener Löwe, der einsam unter einem Baum gelegen ist und sich genüsslich die Pfote geleckt hat, erinnerte an Joachim Löw. Der, der laut gebrüllt hat und weggesperrt wurde, muss Nicolas Anelka gewesen sein. Und dann stand noch ein undefinierbares Kätzchen mitten im Rudel, es hatte sich wohl verirrt und ist gleich wieder abgehauen. Das kann nur der englische Fan Pavlos Joseph gewesen sein, der im Stadion von Kapstadt auf die Toilette musste und in Johannesburg im Lions-Park gestrandet ist. Im Auto saßen vermutlich Funktionäre der Fifa, sie beobachteten aus sicherer Entfernung das muntere Treiben.

Es menschelt bei der WM. Die Deutschen geben sich nach dem 0:1 gegen Serbien erstaunlich gelassen. Oder sie haben den Ernst der Lage nicht überrissen, wovon allerdings kaum auszugehen ist. Bundestrainer Löw weiß, dass am Mittwoch Ghana geschlagen werden muss, damit das Achtelfinale erreicht wird. "Es gibt keinen Grund zur Sorge. Wir haben die Jetzt-erst-recht-Mentalität. Die Leistung gegen Serbien war gut." Die beim 4:0 gegen Australien ist allerdings besser gewesen. Verbandpräsident Theo Zwanziger hatte daraufhin Löw zum ungefähr 25. Mal eine Vertragsverlängerung angeboten.

Die Entwicklung in Deutschland ist nicht uninteressant, Löw könnte selbst bei einer Niederlage gegen Ghana bleiben. Die Entscheidung liegt ganz bei ihm. Er hat den deutschen Kick seit 2006 fundamental verändert, Löw setzt auf technisch versierte Burschen (quasi auf Spanier oder Argentinier), die in der Lage sind, Tempo zu machen und selbst zu gestalten. Die traditionellen Dampfwalzen hat er in die Garage gestellt, die Nation hat sich mit den neuen Tugenden angefreundet.

Die Franzosen haben das natürlich nicht. Anelka hieß seinen Teamchef Raymond Domenech in der Halbzeitpause der Partie gegen Mexiko (0:2) "Hurenbock" und noch viel mehr. Man wollte diesen Vorfall intern regeln, allerdings wühlt innerhalb der Mannschaft ein Maulwurf, er erzählte das Gebrülle brühwarm einem Journalisten der L'Équipe. Nach Veröffentlichung der Story wurde Anelka gefeuert, Domenech darf noch am Dienstag gegen Südafrika dirigieren. Er wird nach der WM durch Laurent Blanc ersetzt.

In England hält man sich mit Obszönitäten noch zurück, obwohl das 0:0 gegen Algerien bewundernswert schlecht war. Der formlose Wayne Rooney sagte in einem TV-Interview: "Verdammter Mist. Toll zu erleben, wie deine eigenen Fans dich ausbuhen." Einen Tag später hat sich Rooney entschuldigt. "Wir waren wirklich schlecht."

Gespräch mit Beckham

Der 32-Jährige Pavlos Joseph konnte die Kritik ziemlich direkt äußern. "Das ist eine Schande" , soll er laut eigener Auskunft zu Englands Stars (Three Lions!) gesagt haben. Eigentlich war der Fan auf der Suche nach einer Toilette, als er auf einmal in der Umkleidekabine von Wayne Rooney und Co stand. Dort traf er auf den verletzten David Beckham und einen nackten Joe Cole. "Plötzlich sprach David. Er ging auf mich zu und fragte mich, wer ich sei" , sagte Joseph und berichtete ausführlich den weiteren Ablauf: "Ich habe David tief in die Augen geschaut und gesagt: ,David, wir haben eine Menge Geld ausgegeben. Das ist eine Schande. Was wirst du dagegen tun?‘"

Beckham tat nichts, wenig später wurde Pavlos Joseph, der sich im Green-Point-Stadion schlichtweg verlaufen hatte, von einem Fifa-Offiziellen hinausbegleitet. [Anm. d. Red.: Später wurde er in seinem Hotel verhaftet, und gegen 55 Euro Kaution wieder freigelassen. Er muss am Montag vor Gericht und darf erstmals keine WM-Spiele besuchen.] Beckham bestätigte den Vorfall. "Er war sehr freundlich." Teamchef Fabio Capello versprach nicht nur dem Kabinengast: "Wir müssen im dritten Spiel explodieren." Die Explosion soll am Mittwoch in Port Elizabeth gegen Slowenien stattfinden. Pavlos Joseph hat bereits eine Karte.

Und die Fifa sitzt im Auto. Jeden Tag, Punkt elf Uhr, steigt sie aus und lädt zum Briefing. Mediendirektor Nicolas Maingot und Rich Mkhondo vom Organisationskomitee sitzen hinterm Pult und beantworten Fragen. Maingot sagt "kein Kommentar, keine Sicherheitsbedenken" , Mkhondo erzählt drei- bis viermal von "toller Stimmung und anhaltender Begeisterung in Südafrika" .

Der Einfluss Nordkoreas weitet sich aus. Obwohl der großer Führer im Lions-Park unentdeckt geblieben ist. (Christian Hackl aus Johannesburg, DER STANDARD Printausgabe, 21.6.2010)

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    Noch geben sich die Deutschen (Schweinsteiger) gelassen. Weil sie, sagen sie, die Jetzt-erst-recht-Mentalität haben.

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