Nordatlantik-Fischer mit Kurs auf Brüssel

20. Juni 2010, 16:34
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Reykjavík verhandelt nun mit der EU über einen Beitritt, doch die Einwohner der Insel sind längst nicht alle überzeugte Europäer

Die Isländer werden sich genau anschauen, was die EU anbietet. Aus Reykjavík berichtet Alexander Fanta.

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Europakarten zeigen Island als Teil des Kontinents, doch nicht jeder Isländer teilt diese Meinung. "Wir sind Bewohner des Nordatlantiks, keine Europäer", sagt Páll Vilhjálmsson, Chef von "Heimssýn", einer Gruppe isländischer EU-Gegner.

Das mag auch geologisch stimmen, treffen sich doch inmitten der Insel die nordamerikanische und die eurasische Kontinentalplatte. Politisch ist die Frage umstritten. Viele Isländer verabscheuen den Gedanken, dass Entscheidungen über ihr Schicksal in Zukunft in Brüssel getroffen werden. Laut Umfragen wünscht nur ein Drittel der Isländer derzeit eine EU-Mitgliedschaft.

Doch die letzten zwei Jahre scheinen dem Inselstaat kaum eine Wahl zu lassen. Das Bankensystem Islands stand imHerbst 2008 knapp vor dem Kollaps und musste notverstaatlicht werden. Die Regierung muss nun die Schulden der Banker zahlen, die zuvor inGroßbritannien, den Niederlanden und anderen Ländern lukrative Geschäfte machten. Als Folge fiel die isländische Krone um mehr als die Hälfte, die Arbeitslosigkeit verdreifachte sich.Massenproteste löstenNeuwahlen aus, die eine Koalition aus Sozialdemokraten und Links-Grünen an die Macht brachten.Angeführt wird sie von Jóhanna Sigurdardóttir, der ersten offen lesbischen Staatschefin der Welt.

Führungsschwache Politik

Diese kündigte an, ihre Nation in die Europäische Union führen zu wollen und den Euro als Währung einzuführen. Damit soll die wirtschaftliche Stabilität des Landes garantiert werden.

Doch die neue Regierung schaffte es nicht, den politischen Unmut über den Crash in ein konstruktives Programm umzuwandeln. Die Premierministerin gilt als führungsschwach und politisch angeschlagen. Sie zeigt sich nur sporadisch in der Öffentlichkeit und verweigert Interviews. Viele lasten ihr an, den überschuldeten Haushalten in der Krise zu wenig geholfen zu haben.

Bei den Kommunalwahlen Ende Mai straften die Wähler die etabliertenParteien ab. In Reykjavík, wo etwa ein Drittel der 330.000 Einwohner Islands wohnen, gewann der Komiker Jón Gnarr die Wahl zum Bürgermeister. "Ich wollte mit meiner Stimme allen Parteien den Stinkefinger zeigen" , sagte die Besucherin einer Reykjavíker Bar, die Gnarr wählte.

Dieser rief seine Wähler jedoch zur Besonnenheit auf: "Wut ist weder konstruktiv noch nährend. Wütend sein, dass ist wie Fastfood oder Süßigkeiten zu essen.Du fühlst dich für eine Weile energiegeladen, doch dann geht dir der Atem aus." Noch ist unklar, ob Gnarr auch in der nationalen Politik mitmischen will, und ob er einen Beitritt zur EU befürwortet.

Kritische Haltung der Eliten

In den kommenden Monaten wird der EU-Beitritt heiß diskutiert werden. Die Debatte hat gerade erst begonnen. Viele fühlen sich zu wenig informiert und bangen um die Unabhängigkeit ihrer Heimat. "Wir brauchen keine Hilfe von Europa, wir haben uns auch bislang selbst geholfen" , sagte Ármann Magnússon, der nahe des Vulkans Eyjafjallajökull eine Farm betreibt. Besonders innerhalb der wirtschaftlichen und medialen Eliten gibt es großen Widerstand gegen den Beitritt zur EU. Ex-Premier David Oddsson, ein Konservativer, unter dessen Ägide der Finanzmarkt dereguliert wurde, leitet nun die größte Tageszeitung Morgunbladid. Viele Leser teilen seine Meinung, dass die derzeitige Krise ihren Ausgang in Europa nahm. Ein EU-Beitritt bedrohe das Land eher, als es zu stabilisieren, argumentiert er.

Viel hängt von den Beitrittsverhandlungen ab. Deren Ausgang ist - im Gegensatz zu denen mit vielen osteuropäischen Staaten - ergebnisoffen. "Die Isländer werden sich sehr genau anschauen, was ihnen angeboten wird", sagte ein EU-Diplomat in Reykjavík. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.6.2010)

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    Im Hafen von Reykjavík wird ein Fischerboot im Trockendock repariert. Viele Fischer fürchten einen EU-Beitritt Islands.

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