Sprachrohr des Vatikans tritt postum gegen Literaturnobelpreisträger nach
Rom - Die vatikanische
Tageszeitung "L'Osservatore Romano"
hat den am Freitag verstorbenen Schriftsteller Jose Saramago postum
angegriffen und ihn als "populistischen Extremisten" bezeichnet. In
der Sonntagsausgabe des vatikanischen
Sprachrohrs wurde der im Alter
von 87 Jahren verstorbene Literaturnobelpreisträger wegen seiner
"anti-religiösen Ideologie" scharf kritisiert. Das Blatt bezeichnete
den Kommunisten und Atheisten als "Mensch und Intellektuellen, der
keinerlei Metaphysik zuließ". "Bis zuletzt war er in seinem
unerschütterlichen Vertrauen in den historischen Materialismus, also
im Marxismus, blockiert", schriebt das Blatt.
Saramago habe die Kreuzzüge und
die Inquisition scharf verurteilt,
dabei aber vollkommen die Ära der Gulags in Russland vergessen,
schrieb "L'Osservatore Romano" in seinem Leitartikel. Das Blatt
kritisierte den Autor als Populisten, der
für alles einen Gott
beschuldigte, an den er wegen seines allwissenden Verhaltens nie
geglaubt habe.
Ideologische Kritik
Saramago hatte den Vatikan und die
katholische Kirche mit seinem
Werk "Das Evangelium nach Jesus Christus" (1992) stark irritiert. Das
Werk war auch in Portugal wegen angeblicher Verletzung religiöser
Gefühle kritisiert worden. Der
Schriftsteller hatte in dem Buch den
Gottessohn als Jüngling dargestellt, der
auch an seinem eigenen
Glauben zweifeln kann.
Der Vatikan hatte sich 1998
pikiert über den Literaturnobelpreis
für den portugiesischen Schriftsteller gezeigt. "L'Osservatore
Romano" hatte Saramago damals als "unverbesserlichen Kommunisten"
bezeichnet. Die Nominierung des
Portugiesen stelle eine "ideologisch
geprägte Anerkennung" dar. Saramago habe mit seinem Werk "Das
Evangelium nach Jesus" eine "grundlegend anti-religiöse Haltung"
eingenommen.
Letzter Roman
José Saramago wird in Lissabon eingeäschert, am 25. Juni veröffentlicht Hoffmann und Campe seinen neuen Roman "Die Reise des Elefanten", in dem Saramago auf Grundlage historischer Tatsachen die Geschichte eines Elefanten erzählt, der im 16. Jahrhundert von Lissabon an den Wiener Hof gebracht wurde. (APA)