Polen: Jaroslaw Kaczyński kam dem Favoriten nahe

21. Juni 2010 08:27

Der polnische Präsident wird in einer Stichwahl gewählt, zeigten die Nachwahlbefragungen an. Bronislaw Komorowski lag vor Jaroslaw Kaczyński, dem Bruder des verstorbenen Präsidenten

Polens Präsidentenwahl geht am 4. Juli in die zweite Runde. Darauf wiesen die Prognosen nach Schließung der Wahllokale hin. Bronislaw Komorowski (68), der Vorsitzendes des Abgeordnetenhauses und Kandidat der regierenden liberalkonservativen Bürgerplattform (PO), führt mit 41 bis fast 46 Prozent, wie der Privatsender TVN24 berichtete. Jaroslaw Kaczyński (61), sein Herausforderer von der nationalkonservativen Recht und Gerechtigkeit (PiS) folgt den Wählernachbefragungen zufolge mit fast 33 bis fast 36 Prozent. Einen Achtungserfolg konnte auch der Vertreter der Linken verzeichnen. Grzegorz Napieralski, mit 38 Jahren der jüngst Kandidate, kommt auf 13,4 Prozent. Die weiteren sieben Kandidaten hatten von Beginn an keine Chance.

Die Wahl am Sonntag stand ganz im Zeichen der Trauer. Lech Kaczyñski, Polens bisheriger Präsident, war am 10. April beim Flugzeugabsturz im westrussischen Smolensk ums Leben gekommen. Mit ihm starben weitere 95 Menschen. In Warschau legten erneut zahlreiche Menschen Blumen vor dem Präsidentenpalast ab, in Krakau beteten viele Kirchgänger in der Gruft der Wawel-Kathedrale. Dort haben Lech und Maria Kaczyński ihre letzte Ruhestätte gefunden.

Der Wahl lief schleppend an. Bis um 13 Uhr hatten gerade 23 Prozent der 30 Millionen Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben. Doch die ständigen Aufforderungen in den Medien, doch noch das Wahlrecht wahrzunehmen, zeigten Wirkung: Um 17 Uhr waren es bereits 40,7 Prozent, die abgestimmt hatten.

Bronislaw Komorowski galt von Anbeginn als Favorit, doch hatte Jaroslaw Kaczyński, der Zwillingsbruder des verstorbenen Präsidenten, in den letzten Wochen aufschließen können. In den letzten Umfragen trennten die beiden nur noch wenige Prozentpunkte.

Seit den ersten demokratischen Präsidentschaftswahlen 1990 in Polen sank die Wahlbeteiligung kontinuierlich. Vor fünf Jahren fühlten sich so viele Polen vom äußerst brutalen Wahlkampf abgestoßen, dass nur noch knapp die Hälfte der Wahlberechtigten ihre Stimmen abgab. Damals gewann Lech Kaczyñski in der Stichwahl. Dabei hatte Donald Tusk von der liberalkonservativen Bürgerplattform (PO) als Favorit gegolten. Doch als die PiS die antideutsche Karte zog und behauptete, Tusks Großvater habe sich im Zweiten Weltkrieg freiwillig für die Wehrmacht gemeldet, galt auch sein Enkel plötzlich als "Vaterlandsverräter" . Erst nach den Wahlen kam heraus, dass Tusks Großvater im KZ gesessen war, in die Wehrmacht zwangsverpflichtet wurde, aber nach wenigen Monaten desertieren und sich dem polnischen Widerstand anschließen konnte.

Die Partei Kaczyńskis blieb auch diesmal beim antieuropäischen Kurs, doch Kaczyński selbst gab sich durch den Tod des Bruders gewandelt. Er wolle den "polnisch-polnischen Krieg beenden" sagte er und sogar für die Deutschen fand er ein freundliches Wort.

Diese "Wandlung" sowie Mitgefühl brachte ihm Sympathien. Er warf jedoch Premier Tusk vor, an der Tragödie in Smolensk mitschuld zu sein. Tusk habe "Blut an den Händen", behauptet auch das von PiS und Postkommunisten kontrollierte Staatsfernsehen. (Gabriele Lesser aus Warschau/DER STANDARD, Printausgabe, 21.6.2010)

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20 Postings
Dein Dämon
21.06.2010 11:39

Die PIS pisst immer dort hin, wo sie selber dreck am Stecken hat.
Das lässt den letzten Satz in ganz neuen Licht erstrahlen. Hat sich eigentlich schon mal irgendwer die Geheimdienst-Akten der beiden Kartoffelhelden reingezogen?

accuser
21.06.2010 10:22
Kaczynski

Das ´am n wird im Forum leider nicht dargestellt. Die Tilde ist falsch, so etwas gibt es im polnischen nicht (auch wenn es sich so ähnlich anhört wie das spanische palatalisierte n, also "nj").

_Bauernbub_
21.06.2010 10:21

Katschinki schnitt besser ab als erwartet.

Ich hoffe jedoch inständig, dass Komorowski gewinnet !!!

hed
21.06.2010 09:42
sieht ja schlimmer aus als befürchtet

für komorowski. und die stichwahl fällt in die urlaubszeit - auch nicht gerade eine gute ausgangslage für den po-kandidaten.

byron sully
21.06.2010 12:19
stimmt,

leider wirklich viel knapper als erwartet. andererseits: im normalfall dürfte kaczynski an seinem plafond angelangt sein, während der großteil der wählerschaft von napieralski (14%), pawlak und olechowski (o.k., das sind wenige stimmen) in der stichwahl wohl für komorowski stimmen dürfte. aber die gefahr ist da, 2005 war's nach der ersten runde zwischen tusk und kaczynski so ähnlich (nur daß damals an dritter stelle lepper war - und dessen wählerschaft hat dann zugunsten von kaczynski den ausschlag gegeben, was ich mir bei der wählerschaft von napieralski nun wirklich kaum vorstellen kann).

charly antolini
 
21.06.2010 09:38

Wie sooft wenn Menschen oder Menschengruppen sich als herausgehoben christlich, gerechtigkeits- und/oder wahrheitszustaendig erklaeren, regiert Zwietracht statt Naechstenliebe, Intrige statt Transparenz, Luege statt Wahrheit. Dinosaurier aller Laender und Philosophien, raeumt den Platz!!!

*-_-*
21.06.2010 08:32

spannend, jetzt dürfen beide den verhassten gegner umgarnen um deren Wähler zu bekommen.
Sieht aber eher gut aus für Komorowski, wie sich Kaczynski vor seiner wahlbedingten Meinungsänderung gegenüber der Linken verhalten hat, hat man ja hoffentlich nicht vergessen

byron sully
21.06.2010 02:49

die oben erwähnten zahlen wären schön, leider führt nach derzeitigem zwischenstand komorowski nur ganz knapp mit ca. 40:38. die ersten exit polls, die einen mehr als 10%igen vorspung von komorowski prophezeiten, lagen also offenbar ziemlich weit daneben.

hed
21.06.2010 09:52
stand mo, 09:51 uhr

laut polnischen medien 41,2% vs. 36,7%.

byron sully
21.06.2010 01:10
interessanterweise

gibt es momentan zwei einander völlig widersprechende hochrechnungen: die eine sieht komorowski mit 46:33 vorne, die andere "nur" mit 40:38. das ist ein beträchtlicher unterschied, insofern kann man noch schwer eine einschätzung der wahl abgeben. allerdings denke ich, daß fast die gesamte napieralski-wählerschaft (13-14%) in der stichwahl für komorowski stimmen wird und die sache damit hoffentlich für komorowski gelaufen ist. entsetzlich find ich aber, daß ein faschist wie korwin-mikke an vierter stelle noch VOR so anständigen kandidaten wie olechowski und pawlak liegt.

Agnili
21.06.2010 08:45
"hoffentlich"?

Viele Polen wollen weder den einen noch den anderen wählen. Beide sind eigentlich gleich schlecht, was zahlreiche Affären (http://www.wykop.pl/ramka/354... -afer-po/) beweisen. Eine vernünftige Alternative gibt es leider noch keine.

Anderes Thema: "Kaczyñski"? Die Buchstabe "ñ" gibt es im polnischen Alphabet gar nicht, die gehört nach Spanien. Es soll "Kaczynski" sein. So schwer ist es aus der Wikipedia den Namen zu kopieren, wenn man schon den Tastenkürzel nicht kennt?

byron sully
21.06.2010 12:15
komorowski

scheint ein schwacher, farbloser kandidat zu sein. aber so einer sollte doch hoffentlich gegenüber einer gefahr wie kaczynski das weitaus kleinere übel sein.

tresckow
20.06.2010 22:30
Janusz Korwin-Mikke liberal?

Der Herr ist nicht liberal. Sondern libertär in Wirtschaftsfragen, ansonsten monarchistisch-rechtskonservativ. Seine Partei trat zuletzt mit der LPR an.

byron sully
21.06.2010 01:06

es sei hinzugefügt, daß er für die abschaffung des frauenwahlrechts eintritt sowie die eu für schlimmer hält als das dritte reich. korwin-mikke als liberal zu bezeichnen, ist insofern wirklich höchst wahnwitzig.

real factum
21.06.2010 07:23
Ich zähle die positiven Aspekte v. Janusz Korwin Mikke auf:

1. Er spielt gut Brigde,
2. .... ,
3. ....

lament
20.06.2010 20:39

"Der polnische Präsidentschaftskandidat Jaroslaw Kaczyñski ließ am Sonntag bei den Präsidentschaftswahlen die Enkelin seines verstorbenen Bruders Lech Kaczyñski, Ewa, den Wahlzettel einwerfen."

dermaßen geschmacklos.

waterpistolriot
20.06.2010 20:04
erste Ergebnisse:

Komorowski: 45,7%
Kaczynski: 33,2%

Somit würde es zu einer Stichwahl kommen.

Glasperlenspieler
20.06.2010 19:04
Hoffentlich bleibt den Polen

das Kärntner Schicksal von 2009 erspart.

mr. z
20.06.2010 23:08
das liegt jetzt

ganz in den händen der polen.

Albert W.
20.06.2010 19:11
dann

wählen sie aber keinen Toten, sondern einen lebenden Toten

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