derStandard.at-Interview

In der "digitalen Schultasche" kramen

23. Juni 2010 16:59
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    Foto: ph wien/apa-ots/ian ehm

    Gerhard Scheidl, Leiter des Zentrums für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Wien.

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    "Es gibt Studien, die zeigen, dass Sozialkompetenzen durch den Einsatz kooperativer Lernformen und durch anwendungs- und problemorientierten Unterricht gefördert werden können."

Gerhard Scheidl von der Pädagogischen Hochschule Wien über virtuelle Hilfsmittel im Unterricht

Mit dem Projekt "campusPLUS" erprobt die Pädagogische Hochschule (PH) Wien, wie Schule in Zukunft aussehen könnte: "Digitale Schultasche" und "Elektronische Tafel" werden getestet. Gerhard Scheidl, Leiter des Zentrums für Medienbildung der PH Wien erklärt, welchen Nutzen virtuelle Hilfsmittel für Schüler haben könnten.

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derStandard.at: Wie stellen Sie sich die Schule des 21. Jahrhunderts generell vor, was soll sich verändern?

Gerhard Scheidl: Diese Frage kann man unmöglich in gebotener Kürze zu beantworten, da die Problematik mit unterschiedlichen "Brillen" betrachtet werden müsste. Sehr plakativ gesagt sollen in der Schule des 21. Jahrhunderts alle Kinder gleichberechtigt lernen können und individuell gefördert werden. Detaillierter betrachtet bilden in der Schule des 21. Jahrhunderts selbstverständlich nach wie vor SchülerInnen, LehrerInnen und das (Fach)-Wissen die Eckpunkte des sogenannten "pädagogischen Dreiecks", die miteinander in Beziehung stehen.

Der Einsatz interaktiver Medien kann Initiator sein, diese Relationen zwischen den Punkten und damit das Lernen und die Lernkultur zu überdenken oder neu zu denken. Klassischer Unterricht zielt sehr stark auf die Vermittlung von Wissen ab während der Einsatz interaktiver Medien erweiterte Möglichkeiten für kooperatives Arbeiten bietet. Für das Lernen mit interaktiven Medien scheinen drei Faktoren wesentlich zu sein: die Förderung der Autonomie des Lernenden, die Förderung von sozialen Kompetenzen und die Förderung von Medienkompetenz. LehrerInnen müssen in der Lage sein, Lernumgebungen zu schaffen, an denen sich die SchülerInnen aktiv, selbstgesteuert und kooperativ beteiligen können.

derStandard.at: Im Rahmen Ihres Projekts "campusPLUS" eruieren Sie derzeit, welchen Nutzen virtuelle Hilfsmittel für den Unterricht haben könnten. Nehmen wir das Beispiel "digitale Schultasche": Das sind USB-Sticks oder Festplatten, auf denen für den Unterricht notwendige Softwareprogramme gespeichert werden. Welchen Nutzen könnte sie für die Schüler bringen?

Gerhard Scheidl: Neben dem Aspekt der Kostenfreiheit ist ein weiterer Vorteil, dass die Softwareapplikationen nicht auf dem Arbeitscomputer installiert werden müssen. Die Anwender starten die Programme direkt vom Stick und speichern ihre Daten wiederum auf dem Stick ab. Somit wird gewährleistet, dass die SchülerInnen an jedem beliebigen Windowsrechner mit USB-Port - ob zu Hause oder in der Schule - ihre gewohnte Arbeitsumgebung vorfinden.

derStandard.at: Auch die Verwendung eines "Interaktiven Whiteboards" (Elektronische Tafel) wird derzeit untersucht. Das sind große, berührungssensitive Tafeln, die mit einem Computer verbunden sind und auf deren Oberfläche Notizen angefügt oder Ergebnisse abgespeichert werden können. Worin liegen die Vorteile?

Gerhard Scheidl: Das interaktive Whiteboard vereint die Möglichkeiten herkömmlicher Medien, wie Tafel, Overhead-Projektor, Notebook mit Beamer, Flipchart und CD/DVD-Player. Bei dem von uns eingesetzten Produkt ist es möglich, dass Kinder sowohl mit Stiften als auch mit den Fingern an der Tafel schreiben, Multimediaobjekte wie Texte, Bilder, Audios oder Videos einfach mit der Hand verschieben und so sehr flexibel und kreativ Objekte erzeugen und miteinander kombinieren können.

Da die Software von SchülerInnen und LehrerInnen frei benutzt werden kann und auch ohne Anbindung an das interaktive Whiteboards funktioniert, können beispielsweise Referate oder Vorbereitungen zu Hause entwickelt und dann im Klassenraum via Board präsentiert werden.

derStandard.at: Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, dass Schüler schon im Kindesalter mit Technologien dieser Art konfrontiert werden?

Gerhard Scheidl: Medien - und hier speziell digitale Medien - spielen in den Lebenswelten von SchülerInnen eine immer größer werdende Rolle. Da ein grundlegender Bestandteil pädagogischen Handelns eine reflektierende Begegnung und Auseinandersetzung mit Wirklichkeit ist, müssen Erziehung und Bildung Heranwachsende in ihrer Beziehung zur Welt beziehungsweise Wirklichkeit begleiten und fördern. Zu berücksichtigen ist auch das sich verändernde Nutzungsverhalten der Menschen im Umgang mit Medien. In virtuellen Angeboten agieren wir - und vor allem die heranwachsende Jugend - zunehmend sowohl als Konsumenten als auch als Produzenten von Inhalten. Wir werden so zu "Prosumenten" die auf diversen Plattformen Möglichkeiten der Artikulation von Interessen und Wünschen finden.

derStandard.at: Sind Kinder nicht schon von genug Technologie umgeben: Computer, Fernseher, Handy? Wird digitale Kompetenz geschaffen, während soziale verloren geht?

Gerhard Scheidl: Es gibt Studien die zeigen, dass Sozialkompetenzen durch den Einsatz kooperativer Lernformen und durch anwendungs- und problemorientierten Unterricht gefördert werden können. Durch den Einsatz von "Social Software" beispielsweise in Verbindung mit dem "interaktiven Whiteboard" können kommunikative und soziale Prozesse angeregt werden. Es ist aber darauf hinzuweisen, dass der Einsatz dieser neuen technischen Möglichkeiten per se nicht zu einem besseren Unterricht führt. Wesentlich ist, dass ein etwaiger potentieller Mehrwert erkannt und in geeigneten Lernszenarien genutzt wird. Auch möchte ich darauf hinweisen, dass diese Werkzeuge nur als Unterstützung von kooperativen und problemorientierten Arbeitsformen genützt werden und selbstverständlich durch deren Einsatz nicht die "face to face"-Kommunikation ersetzen können und dürfen. Dadurch geht soziale Kompetenz sicher nicht verloren, sondern wird auf mehreren unterschiedlichen Ebenen gefördert.

derStandard.at: Wann werden Technologien wie diese aus Ihrer Sicht in heimischen Schulen zum Einsatz kommen?

In Österreich wurde von engagierten LehrerInnen schon die eine oder andere "digitale Schultasche" mit unterschiedlichen Softwarezusammenstellungen gepackt. Der Einsatz "interaktiver Whiteboards" braucht sicher eine längere Vorlaufzeit. Während sie beispielsweise in Großbritannien schon fast Standard sind, steckt in Österreich diese Initiative, begründet durch den Kostenfaktor, noch in den Kinderschuhen. An einigen Standorten wird die "digitale Tafel" schon verwendet, sukzessive werden bei Schulneubauten oder Renovierungen immer mehr Boards den Schulalltag durchdringen. Mittelfristig - ich rechne mit einem Zeithorizont von etwa zehn bis 15 Jahren - wird an jedem Schulstandort zumindest ein Board zu finden sein. (red, derStandard.at)

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14 Postings
Richard Ebner
25.06.2010 11:36
In den USA und in UK gibt es das längst in ...

... den meisten Klassenzimmern.
Es sind übrigens meist die Lehrer, die das nicht wollen und nicht die Schüler.
Und als Begründung wurde ermittelt: Wenn man den Schülern den Content zur Verfügung stellt, müssen sie nicht mitschreiben und dann haben sie mehr Zeit zum Quatschen.

mahlzeit1
24.06.2010 09:26
was ist mit den schulen die linux verwenden?

die gibt's ja mittlerweile auch!
aber recht innovativ ist ja diese geschichte sowieso nicht.

außerdem frage ich mich, ob sich ein interaktives whiteboard und individuelle förderung nicht irgendwie widersprechen

aufdraht
24.06.2010 12:02
da führt kein weg vorbei

linux wird sicherlich noch thema. 20 jahre MS lobbying und marketing sind nicht gleich zu überwinden. der mensch ist ein gewohnheitstier und bewegt sich eben oftmals langsam. das ist in der schule nicht anders als ausserhalb. open source software bei apps ist ein erster schritt in die richtige richtung. ubuntu wird folgen.

goblin cobold
24.06.2010 11:37

hier wird über den schraubendreher berichtet, und natürlich kommt sofort die frage: "und wo bleibt die zange...?"
um beim vergleich zu bleiben: die besten werkzeuge in ungeschulten händen sind immer eine katastrophe. aber wie sollen die lehrenden den umgang mit neue(re)n werkzeugen lernen, wenn die werkzeuge nicht vorhanden sind?
und: das neue werkzeug alleine ist gar nichts wert, hier geht es um neue arbeitsweisen. auch für die schülerinnen und schüler.
diese art diskussion hatten wir schon mal, als die füllfeder den griffel ablöste. (nicht auszudenken - was, wenn die tintenpatrone leer ist? was, wenn das geschriebene nass wird? was, wenn ein tintenkiller eingesetzt wird? ...)
typisch übrigens auch die gestrige presse-titelseite!

oneeyedcat
24.06.2010 07:52

pro usb stick sicher ein virus.

aufdraht
24.06.2010 12:03

... nicht wenn er ein linux stick ist :))

Erz-Schelm
23.06.2010 20:45
Man kann ...

in den letzten Wochen beobachten, dass im Standard immer wieder Artikel über innovative Ansätze der PH Wien in Sachen "elektronische Schultasche" etc. zu finden sind.
Erstens gibt es diese Dinge schon lange und sie sind auch schon lange bei denen bekannt, die sich mit der Materie beschäftigen.
Zweitens gibt es mittlerweile online-Varianten verschiedener Programme, die die elektronische Schultasche alt aussehen lassen.
Insgesamt also nichts Neues und auch nicht unbedingt innovativ.
Die Frage ist daher, warum diese Berichterstattung in dieser Intensität zu diesem Zeitpunkt?

Nee-Chee
24.06.2010 07:43
Besonders peinlich,

dass der Interviewte fröhlich zugibt, dass wir Jahre hinterherhinken.

Furunkel
24.06.2010 06:12
Weil sich Ihre Vorstellung von "gibt es" mit moderner Technik nicht verträgt!

Leute wie Sie, die am althergebrachten festhalten, weil Neues zu lernen zu mühsam ist, sind die Blockierer an den Schulen.

In jedem Notebook sitzen Lehrspetzialisten für jedes Fach. Nutzen muß man das.

X0 Phia
24.06.2010 10:46
Wer aus der Pädagikclique versteht schon was von Weblearning?

Jede Spezialität, bis hin zur Urknallphysik wird anschaulich angeboten.

Das zu Lehrstoffpaketen zusammenpacken ist einem Lehrkörper schon viel zu mühsam. Die Berufung lautet schließlch August!

Plus Juli - damit keiner behaupte ich nenne LehrerIn wie den dummen August, obwohl das ein Hilfsarbeiterjob bleibt.

Ständiges Wiederholen und trotzdem nichts merken, sonst erübrigte sich die Stunde für Vorbereitung auf eine Stunde Unterricht.

Ein Installateur muß sich seine Kenntnisse über ein Berufsleben merken und erweitern.

Aber es sei mit Lehrervergleichen keine Berufsgruppe beleidigt - jeder mußte sein Wissen über das Schlwissen erweitern - nur LehrerIn nicht.

Heavyweather
24.06.2010 23:23

Ich mag dafür diese Dienstleistertests mit versteckter Kamera wo 5 von 4 durchfallen, zu hohe Rechnungen stellen, keine fehler finden und trotzdem alles in Rechnung stellen, sich einen Fehler einfallen lassen unm kassieren zu können usw.
Das vergoldete Handwerk halt ;)

aufdraht
24.06.2010 12:10
...vielfalt statt einfalt

die lehrerInnen...die schule... die installateure. ja so ist das leben einfach, wenn alles auf einfältige kategorien verkürzt wird.
stellen wir uns doch mal vor, dass es da eine bandbreite von eigenschaften unter all den menschen gibt, egal welcher profession. nun und wenn mensch die pädagogischen diskussionen verfolgt, sich mit den unterschiedlichen postionen (ja auch die gibts unter pädagogInnen) beschäftigt, dann wird auch deutlich, dass sich die zusammensetzung von konservativen und fortschrittlichen, aktiven und faulen, interessierten und ignorantInnen im schulbereich nicht wesentlich von der gesamtpopulation unterscheidet.
irgendwer hat doch mal gesagt:" jede gesellschaft hat die schule, die sie sich verdient".

goblin cobold
24.06.2010 02:16

Ich kann nichts Böses daran finden, dass eine Zeitung über Dinge informiert, die noch nicht überall bekannt sind. Und es wird immer etwas Neueres und Besseres geben... hoffentlich!
Warum wird eigentlich derzeit so intensiv über Fußball berichtet?

PostingnameemangnitsoP
23.06.2010 21:22

ja, das habe ich mich auch gefragt. wir testen zwar ab herbst ebenso eine art whiteboard (variante mit stift, also unempfindliche tafel), aber innovativ ... wohl nur für den ahs-sektor

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