"Das erste Mal, dass jemand zuhört"

21. Juni 2010, 10:49
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Fünfer im Zeugnis, eine abgebrochene Lehre oder schlechte Deutschkenntnisse - Das Projekt "C'mon" hilft orientierungslosen Jugendlichen

"Am Anfang wollte ich nicht hierher kommen." Meryem, 20, wurde vom Arbeitsmarktservice (AMS) zum Beratungsprojekt "C'mon" in die Wiener Mariahilferstraße geschickt. Erst war sie skeptisch, jetzt ist sie froh. Nach dem Polytechnischen Lehrgang hat das Mädchen mit den türkischen Wurzeln eine Schneiderlehre gemacht, die Abschlussprüfung aber nicht geschafft. Ihre Betreuerin Sanja Dzigumovic hört ihr zu, hilft ihr beim Lebenslauf, schenkt ihr eine kurze Umarmung. Meryems Ziel: Im September die Prüfung meistern und dann einen Job als Textilverkäuferin finden.

Fünfer im Zeugnis

Auch Aytekin und Volkan, beide 15 Jahre alt und Klassenkameraden im "Poly", wissen jetzt was sie werden möchten: Auf der Liste ganz oben steht Kfz-Mechaniker. "Mein Vater will, dass ich weiter in die Schule gehe, ich lerne aber nicht gerne und möchte lieber arbeiten und Geld verdienen", erzählt Aytekin. Volkan kann sich auch vorstellen, Frisör oder Einzelhandelskaufmann zu werden. Die Lehrstellensuche wird nicht einfach: Im Halbjahreszeugnis hatte er drei Fünfer, einer davon wird ihm auch im Schlusszeugnis bleiben.

Migrationshintergrund auf beiden Seiten

Das Beratungsprojekt ist zweigeteilt: "C'mon14" richtet sich an 14 bis 17-Jährige, "C'mon17" an 17 bis 21-Jährige. "C'mon14" ist im Jänner als Pilotprojekt gestartet und beschränkt sich in Wien vorerst auf die Bezirke Favoriten und Donaustadt. "Wir gehen dort in alle Pflichtschulen und in die ersten und zweiten Klassen der höheren Schulen und stellen uns vor", erklärt Bernhard Wolf, Fachbereichsleiter bei der ÖSB Consulting GmbH, die das Projekt erarbeitet hat und umsetzt. Zusätzlich kann jeder kommen, der Interesse hat. Nicht nur die meisten der Jugendlichen haben Migrationshintergrund, auch einige der Betreuer - ein bewusster Schritt. "Der Sinn dahinter ist, sprachliche Barrieren zu überwinden aber auch, ein gewisses Kulturverständnis zu vermitteln und eine Signalwirkung zu erzielen: Auch Migranten können es 'schaffen'."

Orientierungslosigkeit

"Viele Jugendliche sind orientierungslos, kennen das österreichische Schulsystem nicht, sie hoffen bis zum letzten Moment auf Vierer im Zeugnis - daraus wird oft aber nichts", sagt "C'mon14"-Betreuerin Ana-Marcia Panic. Manche haben ein Sprachdefizit, andere keinen Hauptschulabschluss. "Die Orientierungslosigkeit kommt vor allem daher, dass die Jugendlichen viele Lehrberufe nicht kennen oder falsch einschätzen", weiß Beraterin Irmin Schmidt. "Manche erleben zum ersten Mal, dass ihnen jemand zuhört, eine Beziehung zu ihnen aufbaut." Panic: "Es gibt Lösungen - dazu brauchen die Jugendlichen aber Informationen."

Bereits beim AMS gemeldet

Das Projekt "C'mon17" richtet sich an 17 bis 21-Jährige, die bereits beim AMS als arbeitslos gemeldet sind, weil sie eine Lehre abgebrochen oder ihren Job hingeschmissen haben. Einmal in der Woche wird ein Infotag veranstaltet, bei dem sich die Berater vorstellen. Die Jugendlichen können dann auswählen, wem sie sich anvertrauen wollen. "Viele bekommen von zu Hause zu wenig Unterstützung und nehmen die Hilfe gerne an", sagt Betreuerin Eva Ansmann. Man nehme sich genügend Zeit und versuche ein Vertrauensverhältnis aufzubauen; die meisten waren schon öfter hier.

Die Matura nachholen

Nicht nur Schwierigkeiten mit der Ausbildung, auch soziale Probleme wie Drogen, Kriminalität, Schulden oder Familienangelegenheiten werden besprochen. "Alles, was die Jugendlichen daran hindert, mit der Ausbildung zu beginnen", erklärt Betreuer Wolfgang Schiffert. So wie bei Benjamin: Alles fing vielversprechend an, er ging ins Gymnasium. Dann kam eine neue Direktorin "die etwas gegen mich hatte", sagt der 20-Jährige, der seine langen Haare zusammengebunden hat. "Ich schaue eben anders aus als die meisten." Es folgte ein Selbstmordversuch der alleinerziehenden Mutter, Benjamin hörte mit der Schule auf, zog zu seiner Freundin. Für ihn zählt jetzt vor allem eines: "Die Matura nachmachen, eine eigene Wohnung finden und dann studieren."

Kai ist "urleiwand"

Auch Michelle und Patrick kommen regelmäßig in die Mariahilferstraße 123. Beide haben ihre Lehre vorzeitig beendet. "Mein Chef sagte, ich hätte eh keine Lust. Aber ich glaube, er hat einfach nur vorübergehend jemanden gebraucht", erzählt Michelle. Jetzt ist die 17-Jährige arbeitslos. So wie Patrick. "Ich hab‘ mich nicht gut mit meinem Chef verstanden. Er hat geglaubt, dass mich die Arbeit eh nicht interessiert." War das so? "Ich hätte es schon durchgezogen, aber mein Traumberuf war es nicht", gibt der 17-Jährige zu, "ich weiß nicht, was ich machen will." Dabei, das herauszufinden, hilft ihm Betreuer Kai Hartig, und der sei "urleiwand". (Maria Kapeller, derStandard.at)

Info:

Das Beratungsprojekt "C'mon" gliedert sich in "C'mon14" für 14 bis 17-Jährige und "C'mon17" für 17 bis 21-Jährige. Ersteres läuft seit Jänner 2010 als zweijähriges Pilotprojekt und wird vom Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungsfonds, dem AMS und dem Europäischen Sozialfonds gefördert. Auch "C'mon17" ist vorerst ein Pilotprojekt, das von Juli 2009 bis Dezember 2010 läuft und vom AMS gefördert wird. 

Neben den beiden Beratungsprojekten sind im selben Gebäude das Gesundheitsprojekt "Health for you(th)" und die Telefon-Hotline Kümmer-Nummer eingerichtet.

  • Meryem (links) mit Beraterin Sanja Dzigumovic. Die 20-Jährige will jetzt ihre Lehrabschlussprüfung schaffen und dann einen Job als Textilverkäuferin finden.
    foto: maria kapeller

    Meryem (links) mit Beraterin Sanja Dzigumovic. Die 20-Jährige will jetzt ihre Lehrabschlussprüfung schaffen und dann einen Job als Textilverkäuferin finden.

  • Berater Kai Hartig (Mitte) mit Patrick und Michelle. Beide sind 17, haben ihre Lehre abgebrochen und stehen ohne Job da.
    foto: maria kapeller

    Berater Kai Hartig (Mitte) mit Patrick und Michelle. Beide sind 17, haben ihre Lehre abgebrochen und stehen ohne Job da.

  • Bernhard Wolf, Fachbereichsleiter bei der ÖSB Consulting GmbH: "Wir wollen helfen, die Lücke zwischen Schule und Arbeitsmarkt zu schließen."
    foto: maria kapeller

    Bernhard Wolf, Fachbereichsleiter bei der ÖSB Consulting GmbH: "Wir wollen helfen, die Lücke zwischen Schule und Arbeitsmarkt zu schließen."

  • 20 bis 40 Anrufe gehen pro Tag bei der Kümmer-Nummer ein. "Die Hälfte davon betrifft das Thema Lehre", sagt Leiterin Karina Schober.
    foto: maria kapeller

    20 bis 40 Anrufe gehen pro Tag bei der Kümmer-Nummer ein. "Die Hälfte davon betrifft das Thema Lehre", sagt Leiterin Karina Schober.

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