"Nicht die Mannschaft, die ich kenne"

19. Juni 2010, 13:32
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Wie Nationaltrainer Fabio Capello rätselt ganz England über ein Team ohne Mumm - Sieg gegen Slowenien muss Aus abwenden

Kapstadt - Die Prinzen William und Harry langweilten sich auf der Tribüne, Edel-Maskottchen David Beckham vergrub auf der Bank immer wieder das Gesicht in den Händen, und 30.000 englische Fans im Stadion stimmten ein gellendes Pfeifkonzert an: Nach einer der schlechtesten Vorstellungen der Three Lions seit Jahren war die gesamte WM-Euphorie in England verflogen. Wo zuvor noch vom Titel geträumt wurde, begann nach dem trostlosen 0:0 gegen Algerien das große Zittern um das Erreichen des Achtelfinales.

Die Mannschaft steht mit dem Rücken zur Wand, das abschließende Gruppenspiel am Mittwoch gegen Slowenien muss gewonnen werden, um das Ausscheiden abzuwenden. Bisher waren die Engländer nur bei den Endrunden 1950 und 1958 bereits in der Gruppenphase gescheitert.

Die Engländer hatten gegen Algerien in 90 Minuten nichts von alledem gezeigt, das sie nach einer souveränen Qualifikation zum Mitfavoriten auf den Titel gemacht hatte. Wayne Rooney, von vielen als Schlüsselspieler für den WM-Erfolg betrachtet, war ein Totalausfall, aus dem Mittelfeld kamen wenig bis gar keine brauchbaren Vorlagen - und schon gar keine Ideen.

Teammanager Fabio Capello blieb die Antworten auf fast alle Fragen nach dem Warum schuldig. "Das ist nicht die englische Mannschaft, die ich kenne", erklärte der Italiener. "Ich habe keinen Geist gesehen, keine Inspiration. Dafür habe ich keine Erklärung." Die Situation habe ihn an jene Zeit erinnert, als er nach der verpassten EM-Qualifikation für 2008 das Team von Steve McClaren übernommen hatte. "Da habe ich dieselbe Angst gesehen, für England zu spielen."

Tatsächlich ist der Druck, für das Mutterland des Fußballs aufzulaufen, enorm - gerade bei einer WM. Selbst Superstars wie Kapitän Steven Gerrard, Frank Lampard oder Rooney schienen in Kapstadt daran zu zerbrechen. Unglaubliche Ballfehler störten immer wieder den sowieso nicht vorhandenen Spielfluss. "Diese Fehler von Spielern dieser Qualität sind unglaublich", meinte Capello.

Rooneys Torsperre

Vor allem Talisman Rooney spielte in einer Unform wie lange nicht, wurde sogar von den eigenen Fans ausgebuht - was den 24-Jährigen zu einer Schimpftirade im TV veranlasste. Die Nerven liegen auch beim Star von Manchester United blank. 26 Tore hat er in der abgelaufenen Premier League erzielt, wurde zum besten Spieler der Saison gewählt. Im Nationalteam ist Rooney aber nicht wiederzuerkennen. Der 24-jährige Stürmerstar von Manchester United wartet seit mittlerweile 639 Minuten vergeblich auf einen Torerfolg

"Rooney hat nicht wie Rooney gespielt", gestand Capello. "Aber daran ist nicht nur er schuld." Die Engländer zeigten dermaßen wenig, dass ein Erfolg gegen Slowenien alles andere als selbstverständlich scheint. "Niemals in der Geschichte der WM wurde den vielen so wenig geboten", schrieb die Boulevardzeitung "The Sun" in Anlehnung an eine berühmte Kriegsrede von Winston Churchill.

Statistisch ist es der schlechteste Start in ein WM-Turnier seit 1990. Damals hatte ein Kopftor von Libero Mark Wright gegen Ägypten (1:0) die Engländer im abschließenden Gruppenspiel gerettet. Im Anschluss erreichten die Engländer immerhin noch das Halbfinale. "Das Gute ist, dass wir es immer noch selbst in der Hand haben", erklärte der genesene Mittelfeldspieler Gareth Barry.

Dafür muss gegen Slowenien allerdings ein Sieg her. Die Slowenen sind mit vier Punkten Tabellenführer. Dahinter folgen die USA und England mit jeweils deren zwei, die US-Amerikaner haben allerdings um zwei Tore mehr erzielt. Selbst Algerien hat den Aufstieg mit einem Zwei-Tore-Sieg gegen die USA noch selbst in der Hand.

"Ich hoffe, dass wir am Mittwoch das wahre englische Team sehen", betonte Capello. "Wir müssen dieses Spiel vergessen. Ich hoffe, dass wir damit aufhören, ohne Selbstvertrauen und mit Angst zu spielen." Denn die ist gerade bei einer WM kein guter Ratgeber. (sid/APA/red)

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    Fabio Capello versucht, die englische Psyche zu ergründen

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