Nach Dichand die Sintflut

19. Juni 2010, 08:34
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Die "Kronen Zeitung" könnte nun leicht Opfer der globalen Zeitungskrise werden

Hans Dichand ist zur rechten Zeit gestorben: Das hat nichts mit seinem fragwürdigen Einfluss auf die Politik des Landes, sondern mit der unsicheren Zukunft für sein Lebenswerk.

Die Kronen Zeitung mag zwar in ihrer Reichweite eine weltweit einzigartige Stellung haben, aber ihr wirtschaftlicher Erfolg ist gefährdet. Das Flagschiff des heimischen Boulevards ist wie ein leck geschlagener Tanker, in den erst langsam Wasser eindringt. Der Tod des Kapitäns könnte den Niedergang beschleunigen.

 

Schon in den letzten Jahren musste Dichand einen dramatischen Gewinnrückgang bei der Krone registrieren, der ihn allerdings persönlich wegen seines vertraglich abgesicherten Vorabgewinns bis vor kurzem nicht traf, sondern nur seinen Partner WAZ. Die Auflage konnte gehalten werden. Das lag vor allem daran, dass in Österreich als eines der wenigen Länder der Welt die Zeitungsauflagen nicht gesunken sind.

Doch die Zeitungskrise, die den Rest der Welt erfasst hat, wird auch Österreich nicht verschonen. Sie wird hier nur mit etwas Verzögerung eintreffen – und das dann wohl mit voller Wucht. Wenn sie kommt, dann wird die Krone plötzlich sehr rauen Gegenwind spüren. Bei einer schwindenden Leserschaft sind auch 40 Prozent Reichweite eine Belastung: Von einer solchen Höhe kann es nur bergab gehen.

Nach allen objektiven Kriterien ist die Krone schon seit Jahren verwundbar. Sie hat eine überalterte Leserschaft, nur noch wenige Starschreiber, kaum interessante Eigenrecherchen, einen schwachen Chefredakteur, zerstrittene Eigentümer, und eine betuliche, betont unmoderne Form des Journalismus.

Wolfgang Fellner hat schon gewusst, warum er mit Österreich den Zweikampf mit der Krone wagt. Und als Boulevardzeitung ist das Fellner-Blatt der Krone deutlich überlegen.

Dass die Krone sich bisher so gut gehalten hat, liegt einerseits an tief verwurzelten Gewohnheiten der Österreicher, andererseits an der Persönlichkeit Hans Dichands, der mit seinen emotionell geladenen und zuletzt immer skurrileren Kampagnen doch viele Leser an sich binden konnte. Seinen Nachfolgern, ob dies nun der schwache Sohn Christoph oder die eiserne Schwiegertochter Eva ist, wird das kaum gelingen.

Nun könnte endlich Fellners Stunde kommen. Und auch der Kurier wird unter Helmut Brandtstätter den lange erwarteten Gegenangriff auf das Krone-Imperium starten.

Die Krone wird unter dem Einfluss der WAZ wohl ihren Kurs korrigieren, weniger europa- und fremdenfeindlich agieren, auf „Ich liebe ihn, ich lieb ihn nicht“-Kampagnen für einzelne Politiker verzichten. Aber auch das wird ihr weder mehr Glaubwürdigkeit noch mehr Auflage geben, sondern eher dazu dienen, ihr Profil zu verwischen. (Auch der Presse hat der Schwenk zu einer rechtsliberalen Mitte bei der Auflage nichts genützt).

Bloß weil die Krone groß ist, heißt das nicht, dass sie für die kommenden Stürme gewappnet ist. Im Gegenteil: Dinosaurier tun sich schwer, wenn die Welt um sie herum zusammenbricht.

  • Artikelbild
    foto: karl schöndorfer
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