STANDARD-Interview

Der Klebstoff der Nation

18. Juni 2010, 19:40
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    foto: ap/ augstein

    "Maradona unser": Wenn Argentinien spielt, dann ist eine Kamera permanent auf Maradona gerichtet, seine Regungen sind wichtiger als das Geschehen auf dem Platz.

Der Soziologe Pablo Alabarces über Fußball, kultursoziologische Steilpässe und die Erfindung der argentinischen Nation

Standard: Mit welchen Gefühlen blickt Argentinien über den Atlantik nach Südafrika zur Fußball-WM?
Alabarces: Die Wochen vor dem Turnier waren wie immer die Zeit eines ungetrübten Optimismus. Erst wenn der Ball rollt, zerplatzen langsam die Träume. Argentinien ist schließlich seit 20 Jahren nicht mehr über das Viertelfinale einer WM hinausgekommen, aber bisher sind die Zeitungen und die Fans recht enthusiastisch. Es gibt, vor allem nach den ersten Siegen, Anlass zur Hoffnung, und die argentinischen Stürmer wie Messi, Tévez, Milito und Higuaín haben die europäischen Torschützenlisten in diesem Jahr beherrscht.

Standard: Und der Trainer heißt Diego Armando Maradona.
Alabarces: Ja. Seine Beteiligung ist eine Garantie dafür, dass etwas Besonderes passiert, etwas Großes oder Schreckliches. Normal ist diese WM nicht. Dieses Gefühl spiegelt sich auch in den Produkten der Kulturindustrie wider: Im Fernsehen läuft zum Beispiel ein Werbespot der Brauerei Quilmes, der Gott als argentinischen Fußballfan zeigt, der alle Menschen auffordert, für die Albiceleste (also die Weiß-Himmelblauen) zu beten.

Standard: Verstehen Sie, dass die Fußballwelt erstaunt war, als Argentinien ausgerechnet Maradona zum Trainer machte, den Junkie, Steuerhinterzieher, Mafiafreund und Dauergast von Fidel Castro?
Alabarces: Maradona ist kein Taktiker, sondern ein Erratiker, er hat bislang viele Systeme und mehr als 100 Spieler ausprobiert und sich nur äußerst knapp für die WM qualifiziert. Aber es war vermutlich unausweichlich, dass er einmal Trainer würde. Die Ernennung zum Nationaltrainer ist der Versuch, die unerträgliche Leere zu füllen, die seit seinem Rücktritt in unserer nationalen Aufstellung klafft. Wenn Argentinien spielt, dann ist eine Kamera permanent auf Maradona gerichtet, seine Regungen sind wichtiger als das Geschehen auf dem Platz.

Standard: Sie schreiben in Ihrem Buch über den Maradonismus. Was ist damit gemeint? Es gibt ja eine Iglesia Maradoniana, deren Glaubensbekenntnis lautet: "Maradona unser, der du bist auf dem Spielfeld ..."
Alabarces: Maradona ist in Argentinien so etwas wie die letzte große Erzählung - er steht zum einen für die Verbindung zwischen Fußball und Nation, zum anderen ist er der prototypische Volksheld. Er hat es aus dem Armenviertel ganz nach oben geschafft. Interessant ist aber auch, dass er meist für Vereine gespielt hat, die wie der SSC Neapel, wie Boca Juniors und der CF Barcelona einen Identifikationspunkt der Armen und Marginalisierten bilden. Das Protestpotenzial der Symbolfigur Maradona richtete sich deshalb gegen die Mächtigen und Reichen, gegen die Fifa und damit im weitesten Sinn gegen die mächtigen Länder, die dieses Gremium beherrschen. Dass er eine Tätowierung von Che Guevara auf dem Arm hat, ist nicht so wichtig. Maradona ist ein leerer Signifikant. In ihm kann jeder alles sehen. Ein Genie. Einen Dekadenten. Einen Revolutionär.

Standard: Der Untertitel Ihres Buches lautet "Fußball und die Erfindung der argentinischen Nation". Was hat Sport mit Nation-Building zu tun?
Alabarces: Jede Nation ist eine erfundene Nation. Aber es gilt besonders für die Länder der Neuen Welt, die ihre Identität nur in Anlehnung an oder in Abgrenzung zu Europa finden können. Die argentinische Gesellschaft war permanent auf der Suche nach Symbolen für Argentinität, weshalb auch der Gaucho so eine wichtige Figur ist, der freie Mann, der das Land auf dem Rücken seines Pferdes durchmisst. Argentinien war in den 20er- und 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts im Umbruch, Millionen europäischer Einwanderer kamen ins Land, und die Fußballnationalmannschaft war ein passendes Symbol für diese Melting-Pot-Gesellschaft. In der Mannschaft, die 1928 bei den Olympischen Spielen und 1930 bei der Fußball-WM jeweils den zweiten Platz belegte, spielten Italiener, Kreolen und Spanier. Wichtig war aber auch: Wir mussten unser eigenes Spiel erfinden.

Standard: Was meinen Sie damit?
Alabarces: Fußball war im 19. Jahrhundert ein englisches Exportprodukt. 1891 wurde die Argentine Association Football League gegründet. Der erste Vorsitzende hieß Alexander Watson Hutton. Erst Jahre später wurden die englischen Worte gestrichen, und es entwickelte sich die Idee eines kreolischen Spiels, das taktische Elemente mit originellen Einzelpraktiken kombiniert. Zentrale Figur ist der "pibe", der Bursche, der auf dem Bolzplatz groß geworden ist, ein kreativer Spieler, frei von der einschränkenden Disziplin der Europäer. Dass die Engländer im Fußball als Todfeinde der Argentinier gelten, liegt nicht nur an den Falkland-Kriegen oder dem umstrittenen Tor von Maradona im Halbfinale von 1986, sondern es hat auch psychologische Gründe: England ist der Vater des Spiels, der Erfinder und Meister. Nur wenn wir England auf unsere Art und Weise besiegen, entwickeln wir ein eigenes Ich. Fußball war in Argentinien immer Teil der Kommunikations- und Herrschaftsstrategie.

Standard: Welche Rolle spielt der Fußball im 21. Jahrhundert?
Alabarces: Der Sport spielt eine größere Rolle als je zuvor. Argentinien scheint außerstande zu sein, den Bürgern unseres krisengeschüttelten Landes materiellen und symbolischen Halt in einer kritischen Globalität anzubieten. Um die unerträgliche Sinnlosigkeit auszufüllen, stricken die Medien ihre Ersatzgeschichte um den Fußball herum. Der Fußball ist, wie meine Kollegin Beatriz Sarlo sagt, "der Klebstoff der Nation".

Standard: Kann ein Sport diese Rolle erfüllen?
Alabarces: Fußball besitzt die perfekte Formel: einfach, universal und fernsehtauglich. Der Sport wirkt als Kulturmaschine, die bestimmte Werte vermittelt und unsere Kultur prägt. Traditionellerweise wird diese Rolle von den Schulen eingenommen, von der Gewerkschaftsbewegung, der Politik oder der Avantgarde. Diese Institutionen sind in den vergangenen Jahren verkommen und unbedeutend geworden. Der Fußball funktioniert heute aufgrund seiner medialen Allgegenwart, seines Expansionsdrangs und seiner Macht, nationale Bedeutungen zu transportieren, auf ähnlich autoritäre Weise wie die Schule. Aber klar ist auch: Wenn der Fußball die letzte Säule der Gemeinschaft ist, dann handelt es sich um eine schwache Gemeinschaft.

Standard: Südafrika sieht die WM auch als Instrument des internen Nation-Buildings. Man will der Welt nicht nur die Leistungskraft des Landes demonstrieren, sondern auch eine innere Geschlossenheit produzieren.
Alabarces: Ich bin sehr skeptisch, ob Fußball wirklich eine so nachhaltige Entwicklung anstoßen kann. Nehmen Sie das Beispiel der WM 1998 in Frankreich. Nach dem Sieg von Zidane, Laurent Blanc und Marcel Desailly sprach alle Welt davon, dass im Stade de France ein demokratisches, pluralistisches und multiethnisches Frankreich geboren worden sei. Sechs Jahre später brannten die Banlieues. Der Fußball liefert uns manchmal Mythen, in denen wir versuchen, uns selbst zu erkennen. Am Ende ist das alles nur Gerede. Entscheidend ist, was eine Gesellschaft abseits des Fußballplatzes unternimmt. (Von Tobias Moorstedt, DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, 19. Juni 2010)

Zur Person:

Der Soziologe und Philosoph Pablo Alabarces, geb. 1961, lehrt an der Universidad de Buenos Aires. In seinem Buch "Für Messi sterben? Der Fußball und die Erfindung der argentinischen Nation" (Edition Suhrkamp) lieferte er eine umfangreiche Studie über die Rolle des Fußballs in der argentinischen Geschichte und mischte historische Daten und Fakten mit der Analyse von Spielen, Schlagzeilen und Werbespots.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 50
1 2
RG88
01
23.6.2010, 11:39

Irgend jemand sollte Diego sagen, dass ihm der Vollbart nicht steht.

ichdenkealsobinich?
01
23.6.2010, 14:05

geh sags in a sackerl...

Morislav Davidoff
11
21.6.2010, 20:24

"Verstehen Sie, dass die Fußballwelt erstaunt war, als Argentinien ausgerechnet Maradona zum Trainer machte, den Junkie, Steuerhinterzieher, Mafiafreund und Dauergast von Fidel Castro?"

gehts' noch?!!

Nikos S.
00
20.6.2010, 13:26
fabelhaftes interview

Joe Malik
 
05
19.6.2010, 19:22

Stellt euch doch nur einmal vor, Maradona würde als Trainer mit Messi als seinem legitimen Nachfolger am Feld die WM gewinnen.

Die Legende wäre perfekt. Zumindest solange, bis Mess ins Traineralter kommt.

Uncle Ethan
02
22.6.2010, 14:24

maradona ist ein virtuose der bilder und mir scheint es, es treibt ihn tatsächlich (wie durch g....hand gesteuert) auf dieses bild zu - er hält 24 jahre später diesen pokal wieder in die luft, küsst ihn und gibt ihn an messi weiter (gott und messias)

oh mein gott - ich hatte, glaub ich, grade ......

el puño rojo
 
02
20.6.2010, 10:06
das klingt

viel zu kitschig um wahr zu werden :

"Der lockenköpfige Wirbelwind aus den Slums von BuenosAires wird als Spieler und Trainer Fussballweltmeister und ein kleiner schüchterner Junge mit Wachstumstörungen zum besten Spieler aller Zeiten."

Nein nein nein das darf nicht sein !
So ein Drehbuch bringst nicht einmal als Telenovela im ATV durch...

a grünes stricherl
 
12
19.6.2010, 17:02
jede nation ist eine erfundene nation

das kann man nur vielfachst unterstreichen.

und trotzdem nehmen sich diese nationen immer noch so wichtig dass sie kleingruppen innerhalb ebenjener auslöschen assimilieren oder vertreiben.

der lernprozess der mächtigen einerseits .. und der künstlich nationalisierten menschen andererseits .. findet nicht statt oder hält sich zumindest in engen und sehr überschaubaren grenzen.

ps. ein gutes (aber eben nur eines von vielen) beispiel sind die kommentare auf dastandard zur rettung der zaza sprache in der "nation" türkei.

pike bishop
00
19.6.2010, 22:39

Erfinden ist ein krativer Porzess. Vernichten, vertreiben, schikanieren und assimilieren ist zum Einen Teil dieses Prozesses, zum anderen auch "notwendig". um die Fiktion der geeinten-einige Nation aufrechtzuerhalten. Die Idee der Nation hatte siche rauch positive Seiten, si förderte die Betiligung des Volkes an der Macht (Demokratisierung), führte zur Aubildung von Bildungs- und Sozialsystemen, etc. Aber irgendwei ist sie auch die Pest der neueren Geschichte, die zur Legitimierung der egoistischten Politiken und größten Verbechen, zur Verblödung der Menschen durch Ablenkung von den wahren Problemen beigetragen hat. Im Grunde ist die WM nichts anderes: eine Ablenkung. Wer das durchschaut, soll sich unterhalten, aber sonst ist das tragisch.

gratis trinken
00
21.6.2010, 17:09

alles ist ablenkung

silberstreif65
205
19.6.2010, 10:45

Die Soziologen.....zusammen mit den Psychologen die größten Schwätzer. :)

sixtasnet
00
20.6.2010, 21:49
es ist wie beim Fußball

Taktik ist wichtig, Disziplin und das jeder seinen Platz in der Mannschaft hat, aber ein zwei Freigeister kann man immer gut brauchen ;)

GarciaLorca
00
20.6.2010, 00:30
ich kann mich nicht entscheiden...

ist ihr nick oder doch ihr posting dämlich*er?

silberstreif65
22
20.6.2010, 14:10

Weder noch. Dieser Titel geht verdient an dich. Und ich biin mir sicher, du wirst ihn auch in Zukunft verteidigen.

pike bishop
11
19.6.2010, 22:40

Dafür durchschauen Sie alles. Lassen sie uns doch teilhaben an ihrer Welterkenntnis und alle Soziologen und Pschologen unnötig machen!

Christian S
00
20.6.2010, 17:11
So Unrecht hat er nicht

Die Menschheit würde bestimmt keinen großen Schaden erleiden, wenn plötzlich alle Soziologen verschwänden.

Im übrigen muss man keineswegs im Besitz der großen Welterkenntnis sein, um an der Sinnhaftigkeit mancher Wissenschaften zu zweifeln. Zumindest irgendetwas Nützliches für die Allgemeinheit zu tun reicht vollkommen.

Das kann man von vielen...Cerebralmasturbatoren + Neuro-Onanierern des akademischen Elfenbeinturmes nicht unbedingt behaupten.

Ich habe genug Zeit im Wissenschaftsbetrieb verbracht, um zu wissen, dass es dort oftmals nur um Selbstzweck und Ego-Streicheln geht. Manche erschreckt bereits der Gedanke, mal was wirklich Relevantes zu machen und trachten nur danach, ihre weltfremden, geistigen Spielwiesen zu erhalten.

Jake Gittes
01
19.6.2010, 20:39

Nur weil du es nicht verstehst, muss es noch kein Unsinn sein....

silberstreif65
10
19.6.2010, 22:42

KOmmt von dir noch was Besseres nach, oder war das alles? Dann kann ich dich ja getrost ignorieren.

pipi pipifax
11
19.6.2010, 13:48

sie sollten nicht von sich auf andere schliessen.

Horvath(V)
11
19.6.2010, 18:09
uih...

...wie elegant, diese retourkutsche. du hast am schulhof wohl immer gerufen. "selber, selber, selber".

echt langweilig.

silberstreif65
01
19.6.2010, 15:41

Ui, das hat aber gesessen. Bitte nicht mehr so streng zu mir sein.
Hier scheinen ja viele Vertreter dieser beiden Bereiche anwesend zu sein. :)

silberstreif65
00
19.6.2010, 21:07

Bin Informatiker. Und jetzt her mit den dummen Sprüchen. Bin ja nicht so zimperlich wie die lieben Geisteswissenschaftler. :)

rank7
00
19.6.2010, 23:08

mir fallt leider nichts Blödes ein :)

aber danke für die Antwort jedenfalls

pike bishop
00
19.6.2010, 22:42

Die Häme beginnt damit, dass weder Psychologen noch Soziologen Geisteswissenschaftler sind. Also bitte nich mals, und diesmal eine zutreffende Meldung und nicht am Tehma vorbei schwadronieren.

Synchronschachklub "Rudolf Nurejew"
00
20.6.2010, 16:47

joseph weizenbaum sagt ihnen nix, mmh?

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