"Keine Win-win-Situation"

Georg Desrues
18. Juni 2010, 19:02

Olivier De Schutter, Sonderberichterstatter der UNO für das Recht auf Nahrung, sieht "contract farming" als eine klügere Form des Investierens

STANDARD: Sehen Sie im Erwerb von landwirtschaftlichen Flächen durch ausländische Regierungen und Firmen in Afrika eher eine Win-win-Situation oder aber eine neue Form des Kolonialismus?

De Schutter: Von einer Win-win-Situation kann wohl kaum die Rede sein. Ich bin über diese Entwicklung äußerst besorgt. In vielen Ländern Afrikas gehört das Land dem Staat, und die Regierungen gehen davon aus, dass sie darüber bestimmen können. Dadurch wird es oft an Investoren vergeben, denen man keine Regeln auferlegt, was den Respekt der lokalen Bevölkerung betrifft. Viele Kleinbauern und Hirten, aber auch Naturvölker, die für ihr Überleben vom Wald abhängig sind, werden politisch sehr schlecht vertreten und laufen Gefahr, bei den Deals auf der Strecke zu bleiben.

STANDARD: Also Neokolonialismus?

De Schutter: Was mich an dem Ausdruck - abgesehen davon, dass er unnötig polemisch ist - stört, ist, dass der wirtschaftliche Druck, dem der Boden unterliegt, nicht nur von ausländischen Investoren ausgeübt wird. Lokale Investoren und Politiker sowie deren Freunde und Verwandte sind oft genauso involviert.

STANDARD: Das ist doch aber nichts Neues. Regierungen, die mit der Agrarindustrie zusammengearbeitet haben oder von ihr kontrolliert wurden, gab es doch schon früher. Man denke nur an die oft zitierten Bananenrepubliken.

De Schutter: Es scheint so, als ob alte Szenarien, deren negative Auswirkungen man offensichtlich vergessen hat, neu aufgelegt würden.

STANDARD: Was ist mit den vielen Vorteilen, die der lokalen Bevölkerung von den Investoren versprochen werden?

De Schutter: Das Ziel von Investitionen dieser Größenordnung sind fast immer Plantagen von sehr großem Ausmaß, die wenige Arbeitskräfte benötigen. Selbst wenn einige wenige Menschen davon profitieren könnten, werden viele andere von ihren Wasserressourcen abgeschnitten, auf unfruchtbares Land verdrängt und in der Folge gezwungen, die Landwirtschaft aufzugeben.

STANDARD: Trotzdem werden Sie nicht bestreiten, dass die afrikanische Landwirtschaft Investitionen dringend nötig hat.

De Schutter: Das stimmt natürlich: Es wurde in der Vergangenheit viel zu wenig investiert. Darum ist die afrikanische Landwirtschaft viel unproduktiver als zum Beispiel jene Südostasiens. Während man in Afrika 1,4 Tonnen Weizen per Hektar produziert, sind es in Südostasien 4,7 Tonnen. Das sind große Unterschiede. Doch dass Afrika Investitionen nötig hat, steht nur am Beginn der Überlegung. Nicht alle Investitionen sind gleich. Und es gibt eben auch solche, die zu Landflucht und Hunger führen.

STANDARD: Oft geht es um Länder wie Äthiopien, die sowieso schon Probleme haben, ihre Bevölkerung ausreichend zu ernähren.

De Schutter: Das ist ein Paradoxon, das oft unterstrichen wird. Es geht aber noch weiter. Denn was man dabei meistens übersieht, ist, dass solche Investitionen auch eine Art internes Doping erzeugen. Während große Plantagen in den Genuss von Krediten und landwirtschaftlichem Input kommen, bleiben diese den Kleinbauern vorenthalten. Dadurch wird die Produktion auf den Plantagen und im nationalen Durchschnitt gesteigert - was zwar die Regierungen freuen dürfte, die obendrein noch Devisen ins Land kommen sehen; doch die niedrigeren Preise der Großproduzenten verdrängen die Kleinbauern aus dem Wettbewerb - wodurch sich Armut und soziale Unterschiede auf dem Land noch vergrößern könnten. Wie Sie vielleicht wissen, ist die Ursache des Hungers in der Welt heute nicht eine zu geringe Produktion von Nahrungsmitteln, sondern die Armut und die ungerechte Verteilung von Reichtum.

STANDARD: Was schlagen Sie also vor, damit demokratische Länder wie Korea oder Japan, die offensichtlich interessiert sind, verantwortungsvoll investieren können?

De Schutter: Das ist ganz einfach: Sie sollen investieren, ohne dass es zu einem Wechsel des Grundbesitzers kommt. Es gibt genügend Beispiele für das, was man auf Englisch "contract farming" nennt. Dabei wird den Investoren ein regelmäßiger Zugriff auf die Produktion garantiert, wenn sie sich verpflichten, den Bauern Zugang zu Produktionsmitteln, Krediten und Technologie zu gewähren. Dazu müssen nicht Millionen von Hektar an Ländereien den Besitzer wechseln. (DER STANDARD, Album, 19.6.2010)

"Land grabbing"

Grünes Gold aus Afrika
Abseits der Fußball-WM: Wie ausgerechnet der von Trockenheit und Hungerepidemien geplagte afrikanische Boden immer häufiger zum Ziel ausländischer Investoren wird

Share if you care
4 Postings
micro-kredite

jaaaaah micro-kredite

ihr alle kennt sie, sie sind die lösung für viele probleme und vor allem für die armer kleinbauern die investitionen suchen. ja, investiert euer geld in micro-kredite! deutsche banken bieten das an! lasst es euch nicht von irgendwelchen privat investment beratern andrehen die schneiden da nur am profit mit!! njet! direkt holen, die micro-kredite!

Firmen wie Monsanto...

...machen das Land unfruchtbar indem Sie Ihren GV Mist anbauen, daruas entstehen nicht allzuselten GV Unkräuter die dann maßgeblich dafür sind, daß das land unfruchtbar wird!!!

Bauern werden nicht auf unfruchtbares land verdrängt Du uninformierter IRRER (schon wieder mal) sondern von westlichen Betrieben mit Ihren Produkten unfruchtbar gemacht!

Warum interviewed Ihr solche Leute? Der Typ hat keine Ahnung von überhaupt NIX und redet großartig daher, Ihr Standard Leute forciert somit solche Meinungen; entspricht nicht der Realität und überhaupt ist es einfach nicht die Wahrheit!

unterlasst doch solch Halbwissen...is ur gefärhlich...lernt man schon sehr jung...normalerweise!!!

Gruß

Könnte doch Win-win-Situation sein

Was hindert größere NGO´s so wie sie es hier in Europa schon praktizieren als "Sozialunternehmen", sich in Afrika an Farmen zu beteiligen oder diese selbst zu führen. Im Wort Entwicklungszusammenarbeit, liegt auch ARBEIT darin und sollte sich in realer Lösung der Probleme auszeichnen. Mit einem jährlichen neuem Kapital, 2008 waren es weltweit 120 Milliarden EURO, liese sich schon etwas bewegen.
Bei der derzeitigen Arbeitsweise liegt der Verdacht nahe, dass der Wille fehlt tatsächliche Veränderungen zustande zu bringen.
Spendensammeln, schöne PR-Folder zu drucken und Symposien zu veranstalten ist angenehmer als wirklich im schweiße seines Angesichts zu arbeiten.

Gerhard Karpiniec
Laxenburg

Der Vorschlag erscheint mir zuminest ambivalent, ist aber wohl auch illusorisch.

Gehen wir mal davon aus, dass das unproblematisch möglich wäre, würden die NGOs eine ungute Praxis unterstützen (ein bisschen wie bei Geiselfreikauf) und in die Rolle von Grundherren eintreten, was vielleicht auch nicht ganz unbedenklich wäre.

Ich bin aber überzeugt, dass solche Geschäfte nicht ohne heftiges Schmieren von Regierungsangehörigen vonstatten gehen - es riecht einfach danach, denn das Übergehen und Beiseiteschieben der Landbevölkerung schafft Unruhe, für die die Politiker vermutlich eine lukrative Kompensation sehen wollen. Dabei können seriöse NGOs schon gar nicht mitmachen, auch wenn es ihnen finanziell möglich wäre.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.