Das große Umschichten

18. Juni 2010 19:01

Weg von unsinnigen Förderungen und politisch motivierten Bauprojekten, hin zu Zukunftsinvestitionen

"Spiegel Online" veröffentlicht eine Analyse der Europäischen Zentralbank (EZB), wonach Anfang Mai die europäischen Finanzmärkte im Gefolge der Griechenland-Krise und der Turbulenzen um Spanien, Portugal etc. knapp vor dem Kollaps standen und nur durch Notmaßnahmen der Zusammenbruch einiger großer Banken, ein Absturz der Anleihen- und Aktienmärkte etc. mit verheerenden Folgen für Spareinlagen, Konjunktur und Arbeitsplätze verhindert worden sei.

Die EZB wolle mit diesem ungewöhnlich offenherzigen Bericht nur ihre eigene Entscheidung begründen, staatliche Schrott-Anleihen aufzukaufen, heißt es dazu. Die Tatsache, dass am Wochenende vom 8. und 9. Mai dann die Staats- und Regierungschefs der EU den riesigen Rettungsschirm von 750 Milliarden für den Euro beschlossen haben, unterstützt aber die These von einer außergewöhnlich brenzligen Situation.

Offenbar sind wir immer noch nicht aus dem Schneider. Der Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der EZB sprach denn auch davon, dass es erneut eine Situation gäbe, in der die Banken einander nicht trauen und daher kein Geld leihen, sondern dieses bei der EZB anlegen.

Vor dem Hintergrund dieser Situation läuft (in Österreich: kriecht) die Debatte, ob nun die Sparpakete, die überall in Europa aufgelegt werden, die Konjunktur abzuwürgen drohen. Unter führenden Experten herrscht die Übereinkunft, dass mit Sparen die riesigen Schuldenberge, die zur Krisenbekämpfung aufgetürmt wurden, allein nicht abgebaut werden können.

"Wir brauchen Wachstum, um die Schulden zu verringern", sagt etwa Gertrude Tumpel-Gugerell, österreichisches Mitglied des höchsten EZB-Gremiums (sie stand für einen Internet-Chat zur Verfügung).

Für Österreich stellt sich ganz besonders die Frage, wie das bewerkstelligt werden soll. Eine Antwort lautet: Investition in Bildung, Forschung und Entwicklung. Mit dem Vergraben von Staatsgeld in unnötige Eisenbahntunnel und andere Beton-Projekte werden wir nicht das nötige Wachstum erzeugen.

Daraus folgt, dass wir umschichten müssen. Weg von unsinnigen Förderungen und politisch motivierten Bauprojekten hin zu Zukunftsinvestitionen. Der Anfang wären einmal bessere und besser ausgestattete Universitäten.

Das große Umschichten muss aber auch dort ansetzen, wo es politisch fast unmöglich ist. Das Geld, das wir in eines der großzügigsten Pensionssysteme Europas stecken, bzw. in dessen privilegienhafte Ausformungen, kurbelt den Konsum an, aber es tut nichts für das Upgrading unserer Wirtschaftsstruktur. Am Rande des finanziellen Zusammenbruchs balancierend eine neue Wirtschaftsstruktur schaffen - dieses Kunststück wird jetzt von uns verlangt. (Hans Rauscher, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20.6.2010)

Kommentar posten
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tatsaechlich
20.06.2010 17:40
es ist also

Krise. "Wir" haben Schulden.
Und daher, bitte, brauchen wir also "Wachstum".
Da frag ich mich: Was hatten wir denn davor? Was war denn davor der Imperativ der Wirtschaftspolitik?
Und seit wie vielen Jahrzehnten heißt es schon, es bräuchte Investitionen in Bildung und Forschung?

thomas reis
20.06.2010 17:33
Green New Deal

http://oe1.orf.at/programm/231984
http://de.wikipedia.org/wiki/Green_New_Deal
Trotz Krise investiert z.b. die Wacker Chemie 1 Milliarde in den USA in eine neue Silizium Produktion und mehr als 1 Milliarde in Bayern in weitere Produktionen. Solarworld in Dubai und Deutschland mehr als 1 Milliarde in Produktionserweiterungen bei Waffern und Rohsilizium Produktionen. Die Waffer und das Silizium gehen dann nach China, denn dort wird die PV Modul und Zellen Produktionen massiv ausgebaut: Endfertigung von Photovoltaik. Dann wieder retour nach Europa oder die USA und aufs Dach. Heuer werden es gigantische 10 GWp werden! Und was passiert in Österreich? Bitte weiter schlafen nicht aufwecken, OMV will ja weiter in Öl Gas investieren.

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20.06.2010 16:42

der rauscher hat es in seinem posting ganz oben eh schon angedeutet: eine umschichtung muss her. und ein umdenken, denn die menschen haben den eindruck, dass nur das erzeugen materieller gueter produktion ist. dabei ist eine kindergaertnerin wahrscheinlich produktiver als einer, der eine neue autobah asphaltiert. in diesem sinne, sind menschen, die vorerst vorwiegend lernen ebenfalls produktiv. wir muessen weg vom materiellen denken, weg vom haben wollen und haben muessen. mehr geld muss in die bildung und in die forschung gepumpt werden. denn probleme gibt es genug zu loesen.

in 10 jahren wird es das heutige weltwirtschaftssystem nicht mehr geben. entweder es bricht zusammen, oder wir bauen es radikal um.

petra 0815
20.06.2010 13:37
An den Herrn Rauscher

"Eine Antwort lautet: Investition in Bildung, Forschung und Entwicklung" .... bla bla bla - wohin genau sollen die Investitionen gehen????? Welche konkreten Projekte? Nur mal so dahinschreiben und damit sein Geld verdienen ist wohl auch zuwenig - sorry aber das kann nebenbei bemerkt, jeder und jede StandardposterIn! Gott Glück ist der Zugang zu solchem "Gechreibse" mehr oder weniger gratis, zahlen würde ich dafür nie und nimmer. Das ist letztendlich auch der Grund, warum Internet-Zeitungen immer beliebter werden. Weil's halt nix kosten und die Ansprüche an die "Presse" eh schon soweit gesunken sind, dass man sich mit den Headline begnügt und sich sowieso seinen eigenen Reim drauf macht. Gute "Information" schaut anders aus, aber nicht so!

:
20.06.2010 17:11

ja, wo glaubens denn, dass das geld konkret hingehen soll, wenn von bildung und forschung die rede ist???

Nessus
20.06.2010 12:56
"Gerade weil wir kein Geld haben, müssen wir MEHR davon ausgeben!"

Gar nicht schlecht, was sich die um ihr Budget kämpfenden Lobbyisten alles einfallen lassen, um selber nicht einsparen zu müssen. "Sparen ja, aber bei den Anderen" ist da echt schon altmodisch dagegen.

a las barricadas
20.06.2010 12:27
guter artikel

nur - es scheint nicht möglich den hirnis in der regierung die bedeutung von forschung und bildung nahe zu bringen. im gegenteil.

geheuerliches getümchen
20.06.2010 11:10
das wienzentrische gerede

von "unnötigen bahnhtunneln" wäre leichter zu ertragen, wenn man zuerst mit der milliardenschweren verwandlung von zwei kopfbahnhöfen in einen kropfbahnhof erwähnen würde.

der wiener "hauptbahnhof" is von den dimensionen her offenbar eine kopie vom bahnhof meidling, in designerausführung aber ohne u-bahn.

die einzige möglichkeit, dass leute aus dem süden dort aussteigen, ist wenn die züge in meidling nicht mehr anhalten (was den öbb absolut zuzutrauen ist).

teuerzahler
20.06.2010 10:45
ha, ha!

'wir brauchen wachstum, um die schulden zu verringern'

wir (öst. ) machen schulden, um künftiges wachstum zu ersticken.

danke werner, danke joschi. danke övpspö-korruptionskoalition.

sixela
19.06.2010 23:53

Wie sollte man auch aus dem Schneider kommen, wenn Schuldenberge durch das Aufhäufen noch größerer Schuldenberge "bekämpft" wird? Diese EU-"Rettungsaktion" wird sich bald als eine der größten wirtschaftspolitischen Entscheidungen zumindest der nächsten 30 Jahre erweisen.

Eleazar
20.06.2010 06:05

wie kommen sie darauf? es wurde doch alles ganz genau berechnet, oder etwa nicht?

arrmin_
19.06.2010 22:39
Sehr geehrter Herr Rauscher,

es ist genug Geld vorhanden, um Bildungseinrichtungen, Bildungssystem, jegliche Arbeit für Menschen und Straßenbau gleichermaßen zu finanzieren. Das Problem scheint eher zu sein, wer dazu in Konkurrenz zur "Finanzindustrie" treten muss (http://derstandard.at/127641346... -reicher). Eine Behandlung dieser Frage in Ihren durchaus lesenswerten "Glossen" wäre wünschenswert.

KL
19.06.2010 20:41
Arbeit und Infrastruktur

Koralm- und Semmering-Tunnel muessen von Menschen gebaut werden die in dieser Zeit hochwertig beschaeftigt sind.

Dannach kann die Infrastruktur ueber Jahrhunderte von anderen Menschen genutzt werden.

Europa braucht anstaendige Verbindungen, und wir sind nicht die einzigen die hier investieren und in Zukunft von der Infrastruktur profitieren koennen.

Das Universitaetssystem wurde leider von Gehrer, na ja eigentlich Sigurd Hoellinger, so nachhaltig geschaedigt das ich nicht der Meinung bin das hier mit einer "simplen" Finanzspritze Genuege getan waere. So schrecklich das auch sein mag aber momentan steht zu Befuerchten das Geld in Bildung eher versickert als konkrete Bauprojekte. Zuerst das Bildungssystem reparieren!

teuerzahler
20.06.2010 10:47
koralmtunnel, semmeringtunnel beschäftigt in erster

linie schweres gerät und transportunternehmen, also lkw.

menschen würden nur in nennenswertem ausmasz beschäftigt, wenn wieder mit krampen und schaufel gegraben würde.

es wäre sinnvoller das geld, das für den koralmtunnel vernichtet wird, für einen steuernachlass für lohnsteuerpflichtige zu nutzen.

Seria
19.06.2010 22:29

Koralmtunnel ist nötig wie die Pest und wird mit möglicherweise noch mehr Lastentransporten die Wörthersee Urlaubsregion kaput machen, es sei denn man verschwendet noch mehr Geld und lenkt alles in einen Tunnel am N Ufer.
Die Regierung ist völlig unfähig und nicht in der Lage da geld zu sparen wo es offensichtlich verschwendet wird.
Unprofitable Projekte darf man jetzt nicht genehmigen.

her wig
19.06.2010 18:52
Vertrauen...

Geld (bzw. Kredit) ist sozusagen auf Papier gedrucktes Vertrauen. Und zwar jenes der wirtschaftenden Menschen zueinander. Die Banken mit ihren Vertrauenskrisen sind eigentlich beauftragt, sicherzustellen dass Kredit auch wirklich nur an vertrauenswürdige Empfänger gegeben wird. Scheinbar haben die aber ob ihrem Profitmaximierungswahn ihren Auftrag vergessen. Transparenz würde ich mir wünschen, für uns, damit wir mehr Einblick in die Verwaltung unseres wirtschaftlichen Vertrauens bekommen.

Gastposter1
19.06.2010 19:32
Vertrauen

Gerade weil Geld ausschließlich auf Vertrauen beruht, und weil eben dieses Vertrauen zunehmend schwindet, hat mich das offene Eingeständnis der EZB ja verwundert.

Umso mehr aber verwundert mich aber, wie brutal Herr Trichet ausspricht, die Banken wären alle weg, wenn sie nicht gerettet worden wären.

http://derstandard.at/127641352... t-gerettet

Eben wenn man bedenkt, dass Vertrauen in das Geld sehr viel mit Vertrauen in die Banken zu tun hat, verwundert das schon sehr.

donquichotesenior
19.06.2010 17:28
Die menschliche übermäßige Gier ist schuld !

Hätten sich die Banken auf ihr ursprüngliches Geschäft, Spareinlagen und Kreditvergaben, konzentriert wäre es nicht so weit gekommen. Aber die Gier der Vorstände (Boni), Aktionäre (unrealistische Kurssteigerungen und Dividenden) und Anleger (utopische Renditen - auch bei der p r i v a t e n und s t a a t l i c h geförderten Altersvorsorge) hat zu diesen unheilvollen Spekulationen und somit zur Krise geführt. Und dem hyponeoliberalen RAUSCHER fällt dazu nichts anderes ein als ständig und ausschließlich Einschnitte im staatlichen Sozialsystem zu fordern.

Gastposter1
19.06.2010 18:20
Gier oder Dummheit?

Die lange Zeit üblichen endfälligen Fremdwährungskredite und gleichzeitig Ansparen mittels Tilgungsträger waren, wie sich nun herausstellt, höchst spekulativ. Der Franken steigt, vor allem aber kollabiert der Tilgungsträger. Die Bank müsste eigentlich fällig stellen!

Auch die staatlich geförderte Zukunftsvorsorge mit 40% Anteil österr. Aktien hat sich als riskant erwiesen. Da man kaum jemanden Sudern hört, glaube ich, die meisten Betroffenen sog. ausgestoppter Fonds habens noch gar nicht gemerkt, dass sie jetzt in Null-Rendite-Fonds einzahlen.

Bei beiden Spekulationen geht es für den betroffenen Österreichern um einen Gutteil Ihres Lebenseinkommens.

War das Gier? Oder nicht viel eher Dummheit?

Gierige Täter oder dumme Opfer?

donquichotesenior
19.06.2010 19:49
Ich meine beides

al vvi
19.06.2010 16:29

In Oesterreich glaubt man, nimmt man Universitaet oder Forschung in den Mund dann ist alles Wonne Heiterkeit.
Die Empfehlung des Herrn Rauscher ist nicht nachvollziehbar

In Oesterreichs Universitaeten herrscht die gleiche Freunderlwirtschaft wie in Oesterreichs Politik.

Oesterreichs Forschung sollte einmal eine Preis / Leistung Evaluierung vornehmen. Die Verfehlung der Klimaziele mit einem Preispickerl von 2mrd.€ geht auf die Rechnung von Wissenschaft und Forschung zuzueglich den dafuer aufgewandten Mitteln eines unfaehigen FFG und Klimafonds.

:
19.06.2010 19:03

koennen sie uns diesen unsinn auch erklaeren und mit fakten untermauern?

Gastposter1
19.06.2010 14:29
Reallohn vs. Umverteilung

Was in der Umverteilungsdebatte ein wenig untergeht, ist die Lohnentwicklung in Österreich in den letzten Jahren.

Nach diesem Ranking

http://www.wdr.de/tv/monito... /euro.php5

ist Österreich nach Deutschland an zweiter Stelle innerhalb der EU, was die „Bescheidenheit“ bei Reallohnzuwächsen betrifft.


Ich finde, man sollte steigende untere und mittlere Realeinkommen durchaus auch als EINE geeignete Umverteilungsmassnahme unter mehreren anderen mit in Betracht ziehen.

Aber wahrscheinlich wäre die sogar relativ treffsicher, sowohl was soziale Gerechtigkeit betrifft, als auch was Relevanz für den Binnenkonsum betrifft.

Gastposter1
19.06.2010 14:07
Die Mär vom Geld aus der Notenbank

Ungewöhnlich und durchaus beachtenswert ist, wie offen das EZB zugibt, dass wir Anfang Mai 2010 vor dem Kollaps des Geldsystems gestanden sind (übrigens wie schon 2008).

Wichtig ist jedoch, auch auf den Zusammenhang zwischen Geld und Schulden hinzuweisen.

Bzw. auf die Geldschöpfung durch die Banken mittels Kredit.

Trotz aller Offenheit der EZB - darüber wird aber nicht gesprochen.

Nämlich dass ein Grossteil des Geldes gar nicht von der EZB oder einer anderen Nationalbank “ausgegeben” und damit kontrolliert wird, sondern, dass der Grossteil des Geldes reines Buchgeld (“nichts als Zahlen auf dem Kontoauszug“) ist, das von den Banken, und nicht von den Notenbanken geschöpft (“gemacht“) wird.

Wenn schon offen, dann bitte ganz.

Der Ruhestifter
19.06.2010 19:56
Nicht das giralgeld als solches ist das problem

Das problem ist viemehr, dass über diesen mechanismus guthaben geschaffen werden, denen verbindlichkeiten gegenüberstehen, die nicht durch besitz an produktionsmitteln gedeckt sind.

Es ist so eine art anonymisierte schuldknechtschaft: in den besitzenden familien wird nominell schnellere vermögen akkumuliert als das real investierte produktivkapital wächst. Dem stehen wachsende schulden anderer aus konsumkrediten gegenüber.

Die logische gegenmaßnahme wäre, erbschaft und vermögenssubstanz zu besteuern und erwerbseinkommen zu entlasten - und zwar auch kleine vermögen und gute einkommen. Das wollen aber weder pseudo-linke postfeudalisten, die von 'guten herren' träumen, noch die anti-liberalen, ständisch denkenden konservativen hierzulande.

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