Stadtwandern am Grat des Lebens

18. Juni 2010, 20:49
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Die Arge für Obdachlose in Linz lädt zu einem Ausflug an den Rand der Gesellschaft und bietet eine Stadtwanderung abseits der scheinbar heilen Linzer-Torten-Welt

Linz - "Des wird des neue Blattl". Sichtlich zufrieden blickt Bertl auf die ersten Seiten der jüngsten Ausgabe der Kupfermuckn. Seit 1999 ist der 59-Jährige für die Obdachlosenzeitung als Redakteur, Fotograf und Verkäufer tätig. "I schreib, wia i denk, und die Kupfermuckn ist meine Sache!" Und sein Rettungsanker. Denn irgendwann sei in seinem Leben "plötzlich alles schiefgelaufen". Aufgewachsen in einer Zweizimmerwohnung in Wien, eine "schwierige Jugend", dennoch eine erfolgreich abgeschlossene Ausbildung zum Bäcker. Es folgen Jahre auf hoher See. "Ich hob in Hamburg bei einer Reederei angeheuert. Meine erste Fahrt war Hamburg-Rio de Janeiro."

Der nächste Lebensabschnitt beginnt für Bertl in Linz. Mit Frau, drei Kindern, einer gemeinsamen Wohnung mit Hausmeisterei. Parallel dazu zwei Kioske in der Innenstadt. "Aber nach geraumer Zeit hab i die größte Dummheit meines Lebens gemacht. Und eine geschmalzene Rechnung dafür bekommen: zwei Jahre." Redaktionskollege Erich blickt indes skeptisch auf die Uhr: "Bertl, wennst noch lange redest, brauch ma die Tour nimma machen."

"Gratwanderung"

Die Tour ist eigentlich eine "Gratwanderung". Der Verein Arge für Obdachlose bietet unter diesem Titel seit 2003 einen Spaziergang durch das obdachlose Linz an. "Wir haben ganz unterschiedliche Gruppen. Oft sind es aber Schüler", erzählt Arge-Geschäftsführer Heinz Zauner. Man wolle aber auf keinen Fall Obdachlose zur Schau stellen. Zauner: "Einrichtungen können nur besichtigt werden, wenn keiner dort ist."

Ausgangspunkt für die gut zweistündige Runde ist die Redaktion der Kupfermuckn, erster Stopp das "B 37" - ein psychosoziales Wohnheim für wohnungslose Frauen und Männer. "Ruhe bitte, des is des B 37, da passen 140 Leute rein. Im Winter mehr. Zwei Promille darfst haben, bei 2,1 fliegst raus." Bertl ist in seinem Fremdenführer-Element. 20 Euro bekommt der 59-Jährige für jede Tour. Fixer Bestandteil ist stets ein kurzer Stopp vor einem unscheinbar wirkendem Stadthaus. Bertl zeigt auf einen Balkon im zweiten Stock: "Mein eigenes Zimmer. Und die Wohnung teil ich mir mit zwei Kollegen aus der Redaktion."

Fisch und Frühstück

Vorbei an einer weiteren Einrichtung des B 37 führt der Weg zum sogenannten "Of(f)en-Stüberl". Ein gutes Frühstück gebe es dort. Erich: "Aber leider auch viele Rauschige und des mag i net." Nur wenig entfernt sorgt die Caritas in der "Wärmestube" für warme Mahlzeiten. Lauchsauce mit Nudeln und "Fisch, solange der Vorrat reicht" verspricht die Tageskarte. Doch an Essen ist bei der straff organisierten Tour nicht zu denken. "So, auf geht's. Wir werden in zehn Minuten in der Notschlafstelle erwartet", stellt Bertl unüberhörbar klar. Für Erich zu laut: "Herst Bertl, du schreist immer so. Des vertreibt die Leit."

Den 53-Jährigen hat die Liebe nach Linz verschlagen: "Ich hab damals bei einer Baufirma in Wien gearbeitet und über eine Partnerbörse eine Linzerin kennengelernt. Da bin ich halt dann nach Linz gezogen". Doch nach der Liebe zerbrachen auch die Lebensträume. Zu seiner zehnjährigen Tochter hat Erich heute kaum Kontakt, Halt gibt ihm das Team der Arge. Leicht sei ihm aber der Schritt zum Straßenverkauf einer Obdachlosenzeitung nicht gefallen. Erich: "Es ist manchmal schwierig. Oft höre ich ein 'Sandler, geh hackln', manchmal werd ich sogar angespuckt. Aber was soll's. Viele sind doch auch so freundlich." (Markus Rohrhofer, DER STANDARD-Printausgabe, 19.6.2010)

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