Zaghafte Abkehr von Keynes

18. Juni 2010, 18:45
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Nippon kommt seit fast zwei Jahrzehnten nicht vom Fleck

Wenn Phasen wirtschaftlicher Stagnation samt sinkender Preise vorhergesagt werden, drängt sich der Vergleich mit der japanischen Krankheit auf. Nippon kommt seit fast zwei Jahrzehnten nicht vom Fleck und begibt sich nach Überwindung der tiefen Rezession ins zweite Deflationsjahr. Das soll sich nach den Plänen des neuen Premiers Nato Kan rasch ändern, weshalb er ein Programm zur Wirtschaftsbelebung vorgelegt hat.

Wenngleich sich die Inhalte nicht dramatisch von jenen seines Vorgängers unterscheiden, springen doch die massiven Steuersenkungen für Unternehmen und eine Abkehr von den gigantischen Infrastrukturprogrammen ins Auge. Davor wurden Jahr für Jahr neue Bauprojekte aufgelegt, deren ökonomische Sinnhaftigkeit mit zunehmender Erschließung immer fragwürdiger wurde und bei denen gefüllte Kassen begünstigter Auftragnehmer im Vordergrund standen. Stimuliert wurde die Wirtschaft - wie die Fakten zeigen - dadurch nicht, allein die Verschuldung kletterte gefährlich nahe in Richtung sagenhafter 200 Prozent.

Von einer Reduktion der Steuern von 40 auf 25 Prozent kann man weit mehr erwarten als von der Infrastruktur-Gießkanne, weil damit Investitionen der Konzerne stimuliert werden. Dass die zuvor eingeleitete, zarte Marktöffnung des Landes gestoppt wird, zeigt freilich, dass die Abkehr von Keynes nur zaghaft ausfällt. Die finanziellen Folgen der Ausgaben-Politik werden freilich lange wirken.  (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20.6.2010)

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