"Können von Nordkorea extrem viel lernen"

18. Juni 2010, 18:47
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Dietmar Constantini hat in Südafrika vorbeigeschaut. Ihm sind nicht nur die Küsse des Diego Maradona aufgefallen

Die Bildungsreise von Teamchef Dietmar Constantini und seinem Assistenten Heinz Peischl neigt sich dem Ende zu. Am Sonntag sind sie wieder weg. Zehn Tage weilten sie in Südafrika, nicht der Hetz halber, sondern um Fußballspiele der anderen Art zu schauen. Es ging darum, für den eher erdigen heimischen Kick umsetzbare Erkenntnisse zu gewinnen.

Man trifft die beiden in der österreichischen Botschaft in Pretoria, also irgendwie daheim. Auch dieses durchaus repräsentative Anwesen ist hoch umzäunt und streng bewacht. Hausherr Otto Ditz kümmert sich seit zwei Jahren nicht nur um Südafrika, in seinen Zuständigkeitsbereich fallen Namibia, Botsuana, Swasiland, Lesotho, Madagaskar und Mauritius. Das ist ungefähr so, als würde Constantini zusätzlich Kapfenberg, Wiener Neustadt, Mattersburg, Wacker Innsbruck, den LASK und Sturm Graz betreuen. Botschafter Ditz ist übrigens von der WM-Nachhaltigkeit nicht überzeugt: "Es ist ein Fest. Ist es vorbei, muss zusammengeräumt werden. Dabei erlebt man oft böse Überraschungen. Immerhin gelang den Afrikanern der Beweis, dass sie in der Lage sind, etwas auf die Beine zu stellen. Die Probleme sind nicht gelöst.

Einer von Constantinis Vorgängern, es war der bescheidene Hans Krankl, hatte es 2004 vorgezogen, auf ein Erscheinen bei der EM in Portugal zu pfeifen. Er urlaubte stattdessen in Jesolo und ließ um gutes Geld Zeitungskolumnen verfassen. "Im Fernsehen sieht man das eh" , sagte einst Krankl. Constantini sagt das jetzt nicht. "Nur im Stadion hast du den Gesamtüberblick. Nur dort siehst du, was etwa Mesut Özil macht, wenn er nicht gerade am Ball ist. Und welches Rezept du gegen ihn anwenden musst." Özil ist Deutscher, und Deutschland wurde Österreich in der Quali für die EM 2012 zugelost.

Constantini sieht in Südafrika die Philosophien der einzelnen Länder bestätigt. "Die Südamerikaner sind Instinktfußballer, die leben das aus, das taugt mir. Argentinien und Brasilien haben mich überzeugt, auch Uruguay hat Klasse. Um einen Diego Forlan sind sie zu beneiden." Kritik am berühmten Kollegen Diego Maradona könne er, Constantini, nicht nachvollziehen. "Respektlos. Der Mann ist eine Institution, hat alles durchgemacht. Es geht nicht darum, ob er ein guter und schlechter Trainer ist. Er muss den Argentiniern die Laufwege nicht erklären, die wissen sie selbst. Dafür busselt er sie ab. Ist doch schön." Constantini zitiert Arsene Wenger, Arsenals Coach: "Der beste Trainer ist der, der die besten Spieler zur Verfügung hat. Ich bin demnach nicht wichtig."

Peischl ortete Flexibilität in Sachen Taktik. "Systeme wechseln innerhalb eines Spiels, und trotzdem bleibt man diszipliniert. Die Anforderungen an den Fußballer steigen, das Tempo ist gewaltig." Sein Chef vertritt die Ansicht, dass sich auch Österreich an den Besten orientieren müsse, schränkt aber ein: "Wir können von Nordkorea extrem viel lernen. Es war beeindruckend, wie sie beim 1:2 gegen starke Brasilianer mitgehalten haben. Weil sie ihre Möglichkeiten ausgeschöpft und sich als Einheit präsentiert haben. Nordkorea hatte den Mut zur Destruktivität. Auch die Schweiz hat sich beim 1:0 gegen Spanien hinten reingestellt. Das war die einzige Chance. Bei uns wollen die Spieler manchmal glänzen. Das können sie nicht. Wir müssen die Selbstüberschätzung abstellen, ohne uns zu verleugnen."

Abgesehen davon sei es in Südafrika nett gewesen. Sagen beide. "Liebe Leute." Die Vuvuzelas haben ihnen getaugt. Constantini: "Warum sollen wir uns in ihre Kultur einmischen? Man konnte Ohrenstöpsel kaufen." Am 17. Juli beginnt ganz leise die österreichische Liga. Am 11. August gastiert die Schweiz in Klagenfurt. Vielleicht erwartet sie dort Nordkorea. (Christian Hackl aus Pretoria, DER STANDARD Printausgabe, 19./20.6.2010) 

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    Constantini über Diego Maradona: "Er busselt sie ab. Ist doch schön."

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