Die Krise als Abrissparty

18. Juni 2010, 18:15
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Die Krise als Abrissparty Elfriede Jelineks Wirtschaftskrisenstück "Die Kontrakte des Kaufmanns" beschließt in Nicolas Stemanns alberner Inszenierung die diesjährigen Festwochen: mit Wiener Witzen und leeren Posen

Wien - Die reale Wirtschaftskrise sei ein Kommentar zu Jelineks 2009 uraufgeführtem Stück Die Kontrakte des Kaufmanns, sagte Nicolas Stemann Donnerstagabend zu Beginn der Wien-Premiere seiner adaptierten Uraufführungsinszenierung im Museumsquartier. Jelinek verhandelt in ihrem überwältigenden Text die Bankenskandale von Bawag und Meinl. Daher könne man, so Stemanns erste Wien-Pointe, nun schwerlich wieder im Akademietheater auftreten, wo das Stück im Vorjahr im Rahmen einer "Urlesung" erstmals präsentiert wurde - schließlich wirbt Burg-Chef Matthias Hartmann derzeit in TV-Spots für Meinl-Kaffee.

Zum wiederholten Male nimmt sich der Hamburger Regisseur Nicolas Stemann, der sich nur zu gut in der Rolle des junggebliebenen Theaterrockers gefällt, einen Jelinek-Text vor, um ihn dann mit spitzen Fingern weit von sich wegzuhalten. Das Stück wird widerstrebend "verarbeitet" .

Die durchwegs famosen Schauspieler (u. a. Maria Schrader, Patrycia Ziolkowska, Sebastian Rudolph) posieren mit dicken Textstößen im Arm und werfen die "erledigten" Seiten erleichtert zu Boden. Eine digitale Uhr zählt auf der mit allerlei (musik-)technischen Geräten verstellten Festwochenbühne (Katrin Nottrodt) den mühsamen Countdown herunter.

Der erste Auftritt gehört den Bankern, die in ihren weißen Hemden über die Kleinanleger spotten: Diese packenden, präzis gespielten Szenen sind leider bald vorbei. Das "System" wird mit viel Klamauk demontiert: Metallpfeiler stürzen krachend auf der verwüsteten Bühne zusammen, mit hohem technischem Aufwand werden alle an der Krise Beteiligten für "schuldig" erklärt.

Stemann verpulvert ordentlich Requisite, um seine unendlich alberne Abrissparty zu illustrieren. Farbtuben, Tierköpfe und Politikerpappmasken können den leeren, mitunter geradezu dummen Posen nur eine bunte Gestalt, nicht aber mehr Sinn verleihen.

Der Regisseur ist ständig auf der Bühne zugegen und inszeniert sich im roten Samtkleid als DJ-Gott einer überdrehten Partygesellschaft, der das Publikum mit Sketches über Grassers Buberlpartie und eigenen Austropop-Interpretationen erheitert ("Das ist voll Ranschmeiße an Wien!" ).

In den Kontrakten steht eine wortgewaltige Symphonie geschrieben, bei Stemann erklingt das trotzige Geklimper einer pubertären Garagenband. Kurzer, heftiger Applaus nach vier Stunden. (Isabella Pohl, DER STANDARD/Printausgabe 19.6./20.6.2010)

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