Villepin wirft Sarkozy den Fehdehandschuh hin

18. Juni 2010, 18:03
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Ex-Premier bringt sich mit neuer Partei für Präsidentenwahl in Stellung

Bruderfehden haben in der französischen Rechten Tradition: 1981 hintertrieb Jacques Chirac die Wiederwahl von Präsident Valéry Giscard d'Estaing, sodass der Sozialist François Mitterand profitierte; 1995 fiel der Gaullist Edouard Balladur dem Parteifreund Chirac in den Rücken. Jetzt erklingt der Gong zum nächsten Duell: An diesem Samstag hebt Ex-Premier Dominique de Villepin eine eigene Partei aus der Taufe.

Damit baut der 56-jährige Aristokrat und Freizeitlyriker ein Gegengewicht zur bürgerlichen "Union für eine Volksbewegung" (UMP) von Nicolas Sarkozy auf. Sie wird ihm als Basis dienen, um bei der Präsidentschaftswahl gegen seinen verhassten Nebenbuhler antreten zu können.

Villepin verkörperte zusammen mit Ex-Präsident Chirac bisher den gaullistischen Flügel in der UMP. 2003 hatte er im Sicherheitsrat als damaliger Außenminister Frankreichs eine flammende Rede gegen den Irakkrieg gehalten. Den heutigen Präsidenten Sarkozy stellt Villepin hingegen als Erfüllungsgehilfen der USA dar - vor allem seit Sarkozy sein Land wieder voll in das Nato-Kommando integriert hat. Kürzlich erst kritisierte der Ex-Premier, dass Sarkozy vor den Amerikanern in die Knie gehe, wenn er Barack Obama verspreche, ihn über alle wichtigen Entscheidungen auf dem Laufenden zu halten.

Sarkozy lässt seit einiger Zeit nichts unversucht, sich als guter Gaullist zu präsentieren. Diese Woche lud er das Ehepaar Chirac demonstrativ in ein Pariser China-Restaurant ein. Am Freitag reiste er nach London, um den dort erfolgten Widerstandsappell de Gaulles im Zweiten Weltkrieg zu feiern (siehe Artikel links).

Indem Sarkozy das gaullistische Terrain besetzte, versucht er Villepin die Parteigründung zu vermiesen. Das Ganze wirkte reichlich aufgesetzt für einen Präsidenten, der gemäß seinem Hofblatt Figaro noch vor zwei Jahren erklärt hatte: "Hört mir auf mit de Gaulle!" Dafür wird klar, wie ernst Sarkozy den hingeworfenen Fehdehandschuh nimmt. Seit Tagen lädt er UMP-Abgeordnete, die zu Villepin überlaufen wollen, nacheinander ins Élysée ein - wohl um abzuklären, auf welche Weise sie von ihrem Schritt abzubringen wären. (Stefan Brändle aus Paris /DER STANDARD, Printausgabe, 19.6.2010)

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    Dominique de Villepin hat jetzt eine eigene Partei.

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